#16

RE: Der Kardinalfehler!

in Sprachpolitik 27.04.2007 15:41
von Fritz-Franz • 675 Beiträge
Lieber Vertaler!

Das mit dem „Kontext“ könnte einen Mathematiker zur Verzweiflung bringen. Seit der RSR hoch X wurde Lesen zum Rätselraten. Der unverständlichen, weil unklar formulierten – und daher un- oder mißverstandenen – schriftlich geäußerten Beispiele mindestens zweideutiger Art sind ohne Zahl. Ich bin dazu in der Lage, Dir eine Lawine von Belegen der Desorientierung liefern, als Grundlage endloser Diskussionen für Leute, die auf brüchigen Fundamenten stehen und fortwährend ihre Hälse verdrehen, um den Zusammenhang zu suchen, den sie vermissen.

Unsere Enkel oder Urenkel werden vielleicht von unserer Epoche (vorausgesetzt, der heute im Sterben liegende Verstand stirbt nicht zugleich mit dem Verständnis) folgendermaßen reden: Ja, mein liebes Kind, das war zu der Zeit, als man verlernte, Fisch und Vogel voneinander zu unterscheiden. Nun singen wir eine neues Lied:

Unterscheidung ist so schwer,
Und der Sinn kommt nirgends her.

Nun aber die großsprecherisch angekündigte Lieferung der Lawine: Und gleich eine Enttäuschung. Sämtliche Beiträge, welche mein norddeutscher Sprachfreund Sigmar Salzburg (ich heiße übrigens in Wirklichkeit Peter Lüber) im Forum der Kieler Nachrichten veröffentlichte, wurden mittlerweile gelöscht.

Nun bitte ich Dich, Vertaler, und alle andern, die diese Zeilen lesen, um Hilfe. Ich bin mit den Nerven am Ende. Überprüft doch mal folgendes:

In meinem „Favoriten-Ordner“ steht der Verweis „nordClickforum“ (Kieler Nachrichten. Klicke ich auf diesen Verweis, dann lande ich bei den „Lübecker Nachrichten“. – Bevor ich jetzt etwas behaupte, bitte ich Euch nochmals um Beistand. Ich hoffe, daß ich im Irrtum bin. Kritik kann ich ertragen.

Ich grüße Dich, Vertaler (und die stillen Mitleser ebenfalls)

Fritz-Franz

PS: Ist es wirklich möglich? Man suche dort nach „Salzburg“ (Autor: „Salzburg“, „*Salzburg“, „Salzburg*“ oder „*Salzburg*“) – und man findet dort nichts mehr. Es ist kaum zu fassen. Mehrere Hundert geistreiche Beiträge auf Nimmerwiedersehen verschwunden …
zuletzt bearbeitet 27.04.2007 15:53 | nach oben springen

#17

RE: Der Kardinalfehler!

in Sprachpolitik 27.04.2007 15:56
von Vertaler • 41 Beiträge

Natürlich gibt’s eine Menge an produziertem Text, der schwer verständlich ist. Daß das an der reformierten Rechtschreibung liegt, wage ich aber zu bezweifeln. Man kann sich immer ungenau ausdrücken, das ging mit der alten Rechtschreibung genauso gut, wie es mit der neuen geht.


--
Wichte sind wichtig.
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#18

RE: Der Kardinalfehler!

in Sprachpolitik 27.04.2007 17:15
von Fritz-Franz • 675 Beiträge

Zitat von Vertaler
Natürlich gibt’s eine Menge an produziertem Text, der schwer verständlich ist. Daß das an der reformierten Rechtschreibung liegt, wage ich aber zu bezweifeln.


Von schwer verständlichen Texten sprach ich, und von Texten, welche darum unverständlich sind, weil sie gemäß den undurchschaubaren Regeln der RSR hoch X verfaßt wurden oder werden. Ich wäre der Erste, der dazu bereit wäre, den deutschen Kultusministern und Kulturbanausen die Absolution zu erteilen (nur sollten sie vorher ihre Sünden wider den heiligen Geist und den Sachverstand bekennen). Aber ich bin nicht Papst. Gegen Amnestien habe ich, als Förderer jeglicher Art von Rehabilitation, grundsätzlich nichts einzuwenden; nur sollte klar sein, ob jemand etwas Geschriebenes wohlverstanden hat, ohne daß einen die Frage bedrängt, ob er es wohl verstanden hat.

Zitat von Vertaler
Man kann sich immer ungenau ausdrücken, das ging mit der alten Rechtschreibung genauso gut, wie es mit der neuen geht.


Na also! Gibt es einen schlüssigeren Beweis der Unnötigkeit dieser multiplen Reform?

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#19

RE: Der Kardinalfehler!

in Sprachpolitik 27.04.2007 17:50
von Vertaler • 41 Beiträge
Daß sie unnötig ist, bestreite ich nicht. Ich schreib ja selbst nach den alten Regeln. Aber es ist eben nicht so, daß mit der Reform die Rechtschreibung im allgemeinen schwieriger oder ungenauer geworden wäre, wie es oft dargestellt wird. Klar, wenn man „sogenannt“ und „so genannt“ einfach so nebeneinander stellt, fällt der wegfallende Unterschied natürlich auf. Aber liest man die Wörter im Kontext, wird der Unterschied klar – auch, wenn sie gleich geschrieben werden. Ich kann doch auch unterscheiden, ob jemand von einem Schloß als Türverschluß oder als prächtige Burg schreibt, obwohl die Wörter gleich geschrieben (ja, sogar gleich gesprochen) werden.

Vielleicht ist es nach der Reform sogar „einfacher“, orthographisch korrekt zu schreiben – ich weiß es nicht, da ich die alte Schreibung gelernt habe, sie für meine Ansprüche genügend beherrsche und dabei nicht darauf geachtet habe, ob es denn nun besonders schwierig war, sie zu lernen. Man hat sie halt gelernt, was hatte man sonst übrig?

--
Wichte sind wichtig.
zuletzt bearbeitet 27.04.2007 17:51 | nach oben springen

#20

Aber nur vielleicht!

in Sprachpolitik 01.05.2007 16:30
von Ute E. • 110 Beiträge

In Antwort auf:
Vielleicht ist es nach der Reform sogar „einfacher“, orthographisch korrekt zu schreiben

Wenn das tatsächlich einfacher wäre, dann müßte sich das ja inzwischen irgendwo sichtbar niederschlagen. Das geschieht aber nicht. In den Schulen gehen die Rechtschreibleistungen weiter zurück (übrigens nicht nur bei den Schülern), in den schreibenden Medien (Tageszeitungen, Teletext ...) geht es immer bunter durcheinander: Altschreibungen, Neuschreibungen (weiterbestehende und nachgeänderte) und - und das ist das Auffälligste - vermeintliche Neuschreibungen. Das sind solche, die von den Reformern nie berührt wurden, von denen man aber annimmt (aufgrund mangelnder Informiertheit oder aus einem "Ist-doch-jetzt-sowieso-egal-Gefühl" heraus), man könne sie jetzt so schreiben.

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#21

RE: Aber nur vielleicht!

in Sprachpolitik 01.05.2007 18:00
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge
Als Tatsache bleibt festzuhalten, daß die RSR zu keiner Verbesserung der Rechtschreibsituation geführt hat. Meiner Meinung nach ist es nur schlimmer geworden, eben durch die parallele Existenz jetzt mehrerer Systeme, wodurch nur unnötig zusätzliche Verwirrung gestiftet worden ist.

Auch finde ich die neue RS nicht einfacher als die alte. Viele Schwierigkeiten sind nur hin- und hergeschoben worden, anstatt ein- für alle Mal ausgeräumt zu werden.

Ich tute nicht in das Horn derer, die in allein in der Idee einer Schreibreform gleich die Saat des sprachvernichtenden Antichristen sehen. (Tut hier keiner.) Nur vermag ich keinen Sinn zu sehen in dieser letzten Reformerei, welche das eigentliche Ziel einer Schreibreform, nämlich eine gründliche und für alle spürbare Vereinfachung des Regelwerks, so offensichtlich verfehlt hat.

Deshalb schreibe ich weiterhin "alt", so gut ich kann.

---
In die Klartext-Geisterwelt eingegangen am 17. April 2007
zuletzt bearbeitet 01.05.2007 19:31 | nach oben springen

#22

RE: Aber nur vielleicht!

in Sprachpolitik 01.05.2007 18:54
von Fritz-Franz • 675 Beiträge

Aus der Duden-Werbung:

Konzeptionell neu ist die »Duden-Empfehlung«. »Essenziell« oder »essentiell«, »Saxofon« oder »Saxophon«? In allen Fällen, in denen die neue Rechtschreibung für ein Wort mehrere Schreibweisen zulässt, gibt der Duden erstmals eine eindeutige Empfehlung. Die von der Dudenredaktion zum Gebrauch empfohlene Schreibweise ist als solche durch gelbe Unterlegung deutlich gekennzeichnet.

Wer liebt nicht eindeutige Empfehlungen, vierfarbige?

Auch die Notation der Musik sollte reformiert werden; Bachs „Messe in h-moll“ sollte „Messe in moll“ heißen, weil das „h“ so überflüssig ist wie das „h“ im Wörtchen rauh. Ro sollte es zugehen im Kulturland Deutschland, und rüpelhaft. Die Regeln des Fußballspiels sollten durch eindeutige Empfehlungen ergänzt werden und dann endlich, endlich sollte die Rechenreform in Angriff genommen werden.

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#23

Schau her: rauher!

in Sprachpolitik 01.05.2007 19:21
von Ute E. • 110 Beiträge

In Antwort auf:
Auch die Notation der Musik sollte reformiert werden; Bachs „Messe in h-moll“ sollte „Messe in moll“ heißen, weil das „h“ so überflüssig ist wie das „h“ im Wörtchen rauh:

Da wir gerade bei den Tönen sind - und bei dem überflüssigen h in "rauh":
"Moskaus neuer rauher Ton"
So lautet ein Titel auf Seite 2 der FAZ (liegt gerade neben mir) vom letzten Samstag.

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#24

RE: Schau her: rauher!

in Sprachpolitik 01.05.2007 19:47
von Fritz-Franz • 675 Beiträge
„Wunder gibt es immer wieder“, sang Katja Ebstein. Hierzu einen Choral:

Ein Wörtchen ward geschunden,
Das grobe Wörtchen „rauh“,
Seither wird es empfunden
Geschliffen, ach so flau!

Nun woll’n wir beten, flehen,
Daß es dem Wörtchen „froh“,
Nicht möge gleich ergehen.
Wir lieben es doch so.
zuletzt bearbeitet 01.05.2007 19:54 | nach oben springen

#25

RE: Schau her: rauher!

in Sprachpolitik 01.05.2007 20:09
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge

Oho...das war gut, Fritz-Franz. Richtig gut. Große komische Lyrik.
Das hätte man mir so, wie es da steht, als echten Erhard verkaufen können.


---
In die Klartext-Geisterwelt eingegangen am 17. April 2007
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#26

RE: Schau her: rauher!

in Sprachpolitik 01.05.2007 20:20
von Contravaniloquentiam • 242 Beiträge

Oder:
Wir lieben es doch soh.




Contravaniloquentiam in foro obscuro a. d. XV. Kalendas Maias mortuus est.
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#27

RE: Schau her: rauher!

in Sprachpolitik 02.05.2007 07:37
von Vertaler • 41 Beiträge
Und „flauh“ fehlt auch.

Daß mehr Fehler auftauchen, muß nicht heißen, daß die Reform versagt hat. Ich hab doch geschrieben, daß in der Übergangszeit (in der wir uns immer noch befinden) sicher ein paar Schwierigkeiten und Verwirrungen auftreten. Das ändert sich vielleicht in zehn, zwanzig Jahren, dann sollte man sich die Leistungen angucken, aber doch nicht jetzt, gerade mal 10 Jahre nach Durchsetzung der ersten Reform (vor allem, wenn man bedenkt, daß es ja nicht dabei geblieben ist!).

Ein weiteres Problem ist natürlich auch, daß man in älteren Büchern immer noch alte RS sieht, was ebenfalls abfärben kann. Andererseits bin ich im Internet schon des öfteren darauf hingewiesen werden, daß man „daß“ (und alle anderen Wörter mit kurzem Vokal vor ß/ss) nun mit Doppel-s schreibe. So schlecht kann die Reform dann doch nicht gewesen sein – es gibt eben doch einige, die sie konsequent und auch richtig umsetzen, so wie es früher mit der alten war.

--
Wichte sind wichtig.
zuletzt bearbeitet 02.05.2007 07:39 | nach oben springen

#28

RE: Schau her: rauher!

in Sprachpolitik 02.05.2007 18:53
von Contravaniloquentiam • 242 Beiträge

Mir wurde auch schon unterstellt, ich beherrschte die Regeln zur s-Schreibung nicht. Aber was Sie sagen, stimmt: Man liest immer wieder alte RS, was dazu verleitet zu übernehmen. Dies ist auch ein Hauptkritikpunkt an der Reform meinerseits. Hätte man die alte Schreibung auslaufen lassen, eine neue gelehrt und beide Varianten nebeneinander alss gültig erhalten, hätte sich viel Aufruhr gespart, die bewährten Teile der Reform hätten sich durchgesetzt, andere vielleicht nicht.

Nebenbei ist die zunehmende Rechtschreibeschwäche unabhängig von der Reform zu verzeichnen. Ich kenne eine Lehrerin, die seit über zwanzig Jahren zu Beginn eines Schuljahres dasselbe Diktat mit ihren Schülern schreibt. Sie sagt, daß die Leistung bisher immer schlechter wurde, was ich ungeprüft glaube. An meinen Nachhilfeschülern beobachte ich hohe Nervosität, Konzentrationsschwäche - ein Phänomen, gegen das der beste Lehrer nichts unternehmen kann. Die Veränderung der Lebensumstände vieler junger Menschen scheint sich auf Lernen grundätzlich ganz schlecht auszuwirken.




Contravaniloquentiam in foro obscuro a. d. XV. Kalendas Maias mortuus est.
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#29

RE: Schau her: rauher!

in Sprachpolitik 03.05.2007 12:40
von Ute E. • 110 Beiträge
In Antwort auf:
Ein weiteres Problem ist natürlich auch, daß man in älteren Büchern immer noch alte RS sieht, was ebenfalls abfärben kann.

Ein Problem ist das höchstens für Schulkinder. Man liest immer wieder, wie man dem begegnet: Durch "Säuberungsaktionen" in Schulbüchereien: Bücher in alter RS werden vernichtet; gleiche Buchtitel werden mit neuer RS angeschafft. Welch eine Steuerverschwendung! Man stelle sich vor, man würde ähnliche Aktionen bei den Universitätsbüchereien unternehmen - um auch den Studenten die Verwirrung zu ersparen.
In Antwort auf:
Andererseits bin ich im Internet schon des öfteren darauf hingewiesen werden, daß man „daß“ (und alle anderen Wörter mit kurzem Vokal vor ß/ss) nun mit Doppel-s schreibe.
Und das ist eben falsch. Es stimmt nicht, daß "man" (also allgemein) nun "dass" statt "daß" schreibe. Es stimmt lediglich, daß die Schreibweise "daß" (Schloß, Kuß, ...) für Schüler an deutschen Schulen ab dem 1.8.2007 als Fehler gewertet werden darf.
In Antwort auf:
So schlecht kann die Reform dann doch nicht gewesen sein – es gibt eben doch einige, die sie konsequent und auch richtig umsetzen, so wie es früher mit der alten war.
Wäre die erste Reform (Fassung 1996) nicht so schlecht gewesen, wäre sie wohl kaum mehrfach nachgeändert worden. Und was bedeutet "konsequentes Umsetzen der Reform" zum Beispiel in den Fällen, in denen man wieder zur früheren Schreibweise zurückgekehrt ist (eislaufen, auseinandersetzen, tut mir leid, ...). Daß man dieses ignoriert und weiterhin "Eis laufen", "auseinander setzen" und "tut mir Leid" schreibt, wie es die Architekten der Reform und die deutschen Kultusminister für sinnvoll hielten?
Kennen Sie übrigens eine deutsche Tages- oder Wochenzeitung, die den derzeitigen Stand der Reformschreibung in vollem Umfang akzeptiert und umsetzt?
zuletzt bearbeitet 03.05.2007 12:49 | nach oben springen


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