#1

Thou Art The Man

in F r e i s t i l 30.04.2007 00:28
von gnomus • 62 Beiträge | 62 Punkte

Das ist jetzt ein Thema, das zwar nicht direkt was mit Denglisch zu tun hat, sondern eher anders rum. Also nicht Englisch in die deutsche Sprache, sondern die historische Richtung (so denke ich jedenfalls) von Deutsch nach Englisch. Bekannt ist ja Edgar Allan Poes Erzählung "Thou Art The Man" ("Du bist der Mann"). Soviel ich weiß, spielt die Geschichte in England. Wäre ja auch nicht ganz unlogisch, wenn sich hier zeigt, wie aus dem "Du" über "Thou" das "You" entstanden ist. Für "Art" (Are) habe ich leider keine Erklärung. Aber es gab wohl z.B. auch das Wort "Thy", das dürfte von "Dein" stammen. Ich glaube, in Händels "Messias" kommt dieses Wort vor. Nun gibt es aber diesen Film "O Brother, Where Art Thou". Schön und gut, aber der Film spielt in Amerika, am Mississippi. Sprach man denn hier auch ein altes Englisch? Das britische Englisch und das amerikanische Englisch können sich doch nicht synchron weiter entwickelt haben?
Ich habe das Thema erst gar nicht drüben eingestellt, schließlich geht's hier nicht um Denglisch und ich hoffe auch ein bißchen auf die Kompetenz des Schamanen (oder der Schamanin), aber der hat sich ja wohl von dort verabschiedet.

nach oben springen

#2

RE: Thou Art The Man

in F r e i s t i l 30.04.2007 09:14
von Vertaler • 41 Beiträge | 41 Punkte

Beides spielt in einer Zeit, in der „you are“ für die 2. Person Singular schon völlig normal war, und beides soll „alt“ klingen. Und die Sprachgeschichte von beiden Englischs ist bis auf die letzten gut 300 Jahre ist gleich, daher greifen beide auf die selben alt klingenden Stilmittel zurück. Und die Verfasser sind ja zudem jeweils Amerikaner, daher sind die Stilmittel noch viel eher gleich. Richtig benutzt wurden die Formen vermutlich eher nur bis Mitte des 17. Jahrhunderts – denke ich, Schamane kann da eventuell korrigieren.

Man könnte das damit vergleichen, daß ein deutscher Schriftsteller die Figuren aus seinem Roman sich „ihrzen“ läßt und Dativ-„e“s verwendet.


--
Wichte sind wichtig.
nach oben springen

#3

RE: Thou Art The Man

in F r e i s t i l 30.04.2007 10:58
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge | 1013 Punkte
Soweit ich weiß, hat Englisch die Formen der 2. Person Singular, also die "Du"-Formen, abgelegt. Diese Formen werden nur noch in biblischer oder archaisierender Sprache benutzt. Die allermeisten Sprecher des Englischen, in GB oder in den USA, sind nachweislich außerstande, diese alten Formen korrekt anzuwenden. Das gilt auch für die abgelegte Personalendung -(e)th für die 3. Person Singular (Thus speaketh the Lord).

Die alten "du"-Formen sind

thou (Subjekt) = du
thee (Objekt) = dich, dir
thy, thine (Possessiv) = dein, deine

sowie die Personalendung -st für die 2. Person. Beispiele:

Thou goest to church
Thou canst see the tower.
What speakest thou?

Und jetzt alle zusammen:

Didst thou bring thy tools with thee?

Wann genau, weiß ich nicht, aber irgendwann muß es unschick geworden sein, seine Mitmenschen zu duzen. Stattdessen ging man dazu über, jeden mit "Ihr" anzureden, also mit you, wohingegen die Anrede mit thou irgendwann Geringschätzung ausdrückte, also eine Unhöflichkeit war. Klappt auch im Deutschen: duzen Sie einmal einen Polizisten.

Ergebnis: die Pluralformen der Anrede, you, your, yours, haben die Singularformen vollständig verdrängt. Diese fristen ihr Schattendasein, wie oben schon gesagt, in altertümlich klingender Sprache oder im biblischen Englisch. Durch das Verschwinden der ursprünglichen Singularanrede verschwand auch das Personalmorphem -st.

Das Interessante ist nun, daß im gesprochenen amerikanischen Englisch Formen und Wendungen aufgetaucht sind, durch welche in der Anrede an eine oder mehrere Personen wieder differenziert wird:

Im Süden das überall geläufige y'all = you all, als Anrede an eine Mehrzahl, und
im ganzen Land verbreitet das you guys, das umgangssprachlich verwendet wird, um eine Mehrzahl anzureden.

Sozusagen der Plural eines Plurals. Eine Drei-Stufen-Entwicklung:

1) thou als die ursprüngliche Anredeform Einzahl
2) you als die ursprüngliche Anredeform Mehrzahl, die aber nun auch die Einzahl abdeckt.
3) dialektisches oder umgangssprachliches y'all, you guys, wodurch eine Pluraldifferenzierung wieder eingeführt wird.

Didst thou understand? Got it, y'all? Makin' sense to you guys? :-D

---
In die Klartext-Geisterwelt eingegangen am 17. April 2007
zuletzt bearbeitet 30.04.2007 11:06 | nach oben springen

#4

RE: Thou Art The Man

in F r e i s t i l 01.05.2007 11:55
von Contravaniloquentiam • 242 Beiträge | 242 Punkte
Dieses Englisch mag ich richtig gern.

Didst thou bring thy tools with thee?

Warum heißt es hier nicht thine?

Noch etwas: Im Süden gibt es auch das Possesiv yourn in der gesprochenen Sprache. Is this yourn?

Zu dem y'all tritt manchmal auch you folks. Ich müßte mal wieder hinfahren, der Südstaatenakzent ist herrlich. In The Green Mile oder Forest Gump kommt er in abgeschwächter Form durch, daß alle es verstehen können. Legt der Redneck aber richtig los, wird es schwieriger - aber auch netter, wie ich finde.


Contravaniloquentiam in foro obscuro a. d. XV. Kalendas Maias mortuus est.
zuletzt bearbeitet 01.05.2007 12:06 | nach oben springen

#5

RE: Thou Art The Man

in F r e i s t i l 02.05.2007 07:42
von Vertaler • 41 Beiträge | 41 Punkte
Die Regeln für thy und thine sind recht einfach, sie galten früher auch für my und mine, die mittlerweile zu my vereinheitlich wurden: vor Vokalen und „h“ steht thine/mine, vor Konsonanten thy/my.

--
Wichte sind wichtig.
zuletzt bearbeitet 03.05.2007 09:39 | nach oben springen

#6

RE: Thou Art The Man

in F r e i s t i l 02.05.2007 23:51
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge | 1013 Punkte

Thus speaketh the Shaman:

We thank thee for thine answer, for thou art a fountain of knowledge.


---
In die Klartext-Geisterwelt eingegangen am 17. April 2007
nach oben springen

#7

RE: Thou Art The Man

in F r e i s t i l 14.10.2007 00:35
von gnomus • 62 Beiträge | 62 Punkte

Es wird langsam Zeit, daß ich mich endlich mal bei Euch für die Antworten zu meinem Englischproblem bedanke. Seid mir bitte nicht böse, aber ich hatte aus diversen Gründen einfach keine Muße (Muse?) mehr, in irgendwelchen Foren zu schreiben. Jetzt bin ich aus dem Loch wieder raus (juhuh!) und versuche mich mal wieder vorsichtig mit mehr oder wenig sprach(w/n)ichtigen Beiträgen.
Erstmal vielen Dank an Vertaler, den Schamanen und Contravaniloquentiam (wie war doch gleich Deine Abkürzung?)
Bei mir ist erstmal soviel angekommen, daß also You gar nicht Du heißt, sondern die sich also alle siezen. Dabei dachte ich früher immer, die würden sich alle duzen, so wie das in den skandinavischen Ländern üblich ist (also ich kenne das von Dänemark und Norwegen). Ist auch aufschlußreich, wenn es um Übersetzungen von englischen Interviews geht. Dieses selbstverständliche Du ist möglicherweise nicht immer angebracht, und You bedeutet sicher oft Ihr, aber sowas wird immer viel zu selten beachtet.
Also nochmal, ich bitte Euch um Entschuldigung, daß ich Euere Antworten solange nicht gewürdigt habe.
BTW, was macht eigentlich Fritz-Franz?

nach oben springen


Aktion Deutsche Sprache, Hannover | Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache des 20. Jh. | Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt | Deutsch-Netz.de, Lippstadt | Deutsche Sprachwelt, Erlangen | Die Seiten für Rechtschreibung | Forschungsgruppe Deutsche Sprache e.V., Aschaffenburg | Institut für Deutsche Sprache, Mannheim | Neue Fruchtbringende Gesellschaft zu Köthen/Anhalt e.V. | Sprachkreis Deutsch, Bern | Sprachpflege.info, Erlangen | Stiftung Deutsche Sprache e.V., Berlin | Verein Deutsche Sprache e.V., Dortmund | Verein für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege e.V., Schwaig bei Nürnberg | Woxikon | www.wortpatenschaft.de
Besucher
0 Mitglieder und 2 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: wandastanley8
Forum Statistiken
Das Forum hat 1530 Themen und 5827 Beiträge.

Heute waren 4 Mitglieder Online:
5mmo, jokergreen0220, mmocs, mmopm


Xobor Forum Software von Xobor