#1

Tödliches Englisch

in Sprachpolitik 02.05.2007 20:08
von Moderator • 127 Beiträge

Sprachnachrichten Nr. 34 / Mai 2007 - S. 5

Tödliches Englisch


Vier Tote wegen Übersetzungsfehler


MDR-Info berichtet am 6. März:

Eine falsch übersetzte Bedienungsanleitung hat vier Krebspatienten in Frankreich das Leben gekostet.

Wie die Behörden in Nancy mitteilten, wurden in einem Krankenhaus in Lothringen 23 Patienten mit einer Überdosis von Röntgenstrahlen behandelt. Vier von ihnen seien infolge der schweren Strahlenschäden verstorben. Grund sei, daß die Anleitung für die Software des Gerätes nur auf englisch vorgelegen habe und offenbar falsch interpretiert worden sei.

Gesundheitsminister Xavier Bertrand kündigte eine Bestrafung der Verantwortlichen an.

Nach dem tödlichen Unfall hat Marceau Déchamps, Vizepräsident der Défense de la langue française, von Arbeitsminister Jean-Louis Borloo Maßnahmen gegen englischsprachige Gebrauchsanweisungen gefordert. Das französische Sprachgesetz von 1994, die Loi Toubon, verlangt in Artikel 2 den Gebrauch der französischen Sprache für Betriebsanleitungen.

Protestaktionen der französischen Sprachgesellschaften sind noch im Gange. - spn



Der Verlust von vier Menschenleben ist tragisch, vor allem wenn es sich um menschliches Versagen handelt.

Trotzdem - nur mal so in den Raum gestellt: Ist es möglich, dass die Franzosen wegen der loi toubon glauben, nun kein Englisch mehr lernen zu müssen und deshalb der folgenschwere Übersetzungsfehler auftrat? Und wer ist eigentlich verantwortlich? In Deutschland sind die Arbeitgeber für die Weiterbildung der Arbeitnehmer verantwortlich.

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#2

RE: Tödliches Englisch

in Sprachpolitik 04.05.2007 14:45
von Merlot • 37 Beiträge

Momentchen hier. Im Klaren über den Sachverhalt des geposteten Texts bin ich noch nicht. Also sei der Todesfall wegen einerFehlübersng AUS dr Fremdsprache INS Englische, und die Übersetzung sei stümperhaft, oder einfach weil dieser Typ kein Englisch verstehe, da die Software-Anleitungen auf(einwandfreies!)Englisch standen? Eben dies ist mir nicht ersichtlich!

Wenn der Abnehmer der Software eine defekte Übersetzung der Gebrauchsanweisungen geliefert hätte, dann wäre es anscheinend der Abnehmer der schuld ist. Ansonsten trägt das Lothringer Spital daran Schuld, da keine zweisprachige Fassung dieser Bedienungsanleitungen erhältlich war.
Merlot

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#3

RE: Tödliches Englisch

in Sprachpolitik 04.05.2007 15:22
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge
So wie es da oben steht, lag dem Krankenhaus nur eine englische Gebrauchsanweisung vor, mit dem das französische Personal seine Schwierigkeiten hatte. Demnach sind unzureichende Englischkenntnisse des Personals die Ursache für den Tod von vier Patienten, nicht etwa eine fehlerhafte Gebrauchsanweisung. Der Softwarelieferant dürfte damit aus dem Schneider sein, sofern sich nicht nach französischem Recht eine Unterlassung konstruieren läßt, nämlich die Unterlassung, dem Endbenutzer eine französischsprachige Gebrauchsanweisung zur Verfügung zu stellen. Hätte die Firma aber diese Pflicht erfüllt, wäre sie wiederum aus dem Schneider.

Von allem Juristischen abgesehen: dieser Fall zeigt klar, daß man nicht davon ausgehen kann und darf, daß insbesondere technisches Englisch überall problemlos verstanden wird. Der Fall zeigt auch, welche fatalen Konsequenzen die realitätsferne Annahme des "alle können super Englisch" haben kann.

---
In die Klartext-Geisterwelt eingegangen am 17. April 2007
zuletzt bearbeitet 04.05.2007 15:24 | nach oben springen

#4

RE: Tödliches Englisch

in Sprachpolitik 04.05.2007 17:21
von Merlot • 37 Beiträge

Als Fachübersetzer arbeite ich ausschliesslich in Teams, zum Ein -Zwei-sogar Dreimal Nachsehen, damit nichts Ähnliches passiert!
Merlot

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#5

RE: Tödliches Englisch

in Sprachpolitik 04.05.2007 17:43
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge

Wie ich ja sagte: nicht die englische Gebrauchsanweisung hat die vier Todesfälle verschuldet, sondern die Tatsache, daß die Anwender nicht damit zurechtgekommen sind.


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In die Klartext-Geisterwelt eingegangen am 17. April 2007
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#6

RE: Tödliches Englisch

in Sprachpolitik 04.05.2007 18:21
von Fritz-Franz • 675 Beiträge

Lieber Merlot!

Bei solch dürren Zeitungsmeldungen ist stets Vorsicht angebracht. Von einer Instruktion des Personals durch den Gerätehersteller steht nichts im Artikel. Bei dieser Tragödie können viele Faktoren eine Rolle gespielt haben. Sparsamkeit am falschen Ort z.B., also Verantwortungslosigkeit. Man bedenke nur, wie teuer die medizinischen Geräte sind, und wie billig im Vergleich dazu die fachgerechte Übersetzung eines Handbuchs.

Im Artikel heißt es: „Gesundheitsminister Xavier Bertrand kündigte eine Bestrafung der Verantwortlichen an.“ Das ist leicht gesagt und schnell geschrieben. Wer sind die Verantwortlichen? Anwälte und Gegenanwälte, Gutachter und Gegengutachter werden sich wohl allein mit dieser Frage einige Jahre lang beschäftigen und bestimmt keine Gerichtsinstanz auslassen. Dann erst kann der Prozeß um die Schadenersatzforderungen der Betroffenen beginnen.

Hier nun meine Frage an Dich, Merlot: Was kostet die Übersetzung eines technischen Handbuchs?

Gruß von Fritz-Franz

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#7

RE: Tödliches Englisch

in Sprachpolitik 04.05.2007 19:56
von Merlot • 37 Beiträge
Auf deine Frage, "Was kostet die Übersetzung eines technischen Handbuches?", kommt darauf an, ob du pro Seite oder pro Stunde rechnest. Ich berechne Firmen pro Seite, zwischen ca. $1oo-115.oo. Normalerweise beläuft sich die Seitenzahl auf 1o-15 Seiten, also grob geschätzt insgesamt bezahlt mir der Klient ungefähr $1.7oo (über ein tausend!) die Übersetzung!
Merlot
zuletzt bearbeitet 04.05.2007 21:28 | nach oben springen

#8

RE: Tödliches Englisch

in Sprachpolitik 04.05.2007 20:09
von Fritz-Franz • 675 Beiträge

Danke, Merlot! Es fällt mir nun schwer, nicht sarkastisch zu werden.

Fritz-Franz

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#9

RE: Tödliches Englisch

in Sprachpolitik 04.05.2007 21:33
von Merlot • 37 Beiträge

Dich wundert wahrscheinlich so eine astonomische Summe, nicht wahr (darum fällt's dir schwer, nicht sarkastish zu werden -:))Übersetzergebühren sind ziemlich hoch, die Honorare aber die Lekorenübersetzer verlangen, sind noch höher.
Merlot

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#10

RE: Tödliches Englisch

in Sprachpolitik 04.05.2007 21:53
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge
Ich kannte einen Doktor der Anglistik, der übersetzte Vertragstexte für große Unternehmen.
Er forderte und bekam 3.00 DM pro Wort. Das war 1996.

Merlots Angaben sind absolut realistisch.

Nicht so realistisch war mein Angebot an Dr. H., ihm die Übersetzung der Wörter wie "the", "and", "or" und "so" abzunehmen.

---
In die Klartext-Geisterwelt eingegangen am 17. April 2007
zuletzt bearbeitet 04.05.2007 21:55 | nach oben springen

#11

RE: Tödliches Englisch

in Sprachpolitik 05.05.2007 10:15
von Fritz-Franz • 675 Beiträge
Unter der Überschrift Verführt von der Macht der Bilder steht in der SZ zu diesem Thema ein sehr interessanter Artikel zu lesen. 120 Ärzte wurden in Deutschland befragt … Aber lest bitte selbst! Es könnte sein, daß die unglücklichen Vorfälle (Unfälle) in Frankreich nicht nur auf sprachliche, sondern auch auf fachliche Unkenntnis zurückzuführen sind. – Recherchieren schadet nie.
zuletzt bearbeitet 05.05.2007 10:16 | nach oben springen

#12

RE: Tödliches Englisch

in Sprachpolitik 05.05.2007 21:57
von Merlot • 37 Beiträge
Der Mangel an fachlichen Kenntnissen überrascht mich aber kaum. Hier in den USA sind doch viele Ärzte überhaupt nicht kompetent, dem Patienten sogar einen medizinischen Befund vorzulegen! Meiner Frau wurde von ihrem trauten Facharzt in aller Ruhe gesagt, ihre Geschwülste seien gutartig.
Gottseilobunddank wir haben seinen Kollegen um ein Oberbegutachten gebeten, denn es stellte sich heraus, eigentlich das Gegenteil war der Fall und meine Frau ist aufgrund der falschen Diagnose beinahe gestorben.

Häufig passiert sowas in Spitälern in erster Linie wegen des oft überforderten Personals, das vom Chefarzt gezwungen wird, Dienststunden abzufeiern, sonst stehen sie der Entlassung bevor.
Merlot
zuletzt bearbeitet 05.05.2007 22:00 | nach oben springen

#13

RE: Tödliches Englisch

in Sprachpolitik 05.05.2007 22:54
von Fritz-Franz • 675 Beiträge

Merlot, aus eben alledem, was Du geschrieben hast, habe ich mich zu diesem traurigen Thema geäußert. Meine liebe Mutter (der lebenslustigste, fröhlichste Mensch, den Du Dir vorstellen kannst), könnte heute noch leben, wären … Aber hierzu sage ich nichts weiter, außer diesem: Ein Professor der Medizin, dem ich den von mir genau beobachteten Krankheitsverlauf meiner geliebten Mutter geschildert hatte, sagte mir wortwörtlich: „Du hättest noch andere Ärzte zur Begutachtung hinzuziehen sollen.“ Er meinte solche, die sich weitergebildet hätten.

Einen Gruß nach Amerika sendet Dir

Fritz-Franz

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#14

RE: Tödliches Englisch

in Sprachpolitik 06.05.2007 23:33
von Merlot • 37 Beiträge

Apropos misslungene Be-bzw.Oberbegutachtungen bin ich mit dieser Geschichte gottweis irgendwie erleichtert zu wissen, dass es naemlich auch bei euch nicht kompetente Aerzte gibt, denn ich fing neulich an, zu glauben, dass es nur in Amerika so ist.
Natuerlich bedaure ich nachtraeglich den Fall deiner verstorbenen Mutter!

Einen Gruss zurueck nach Deutschland sendet dir
dein

Merlot

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#15

RE: Tödliches Englisch

in Sprachpolitik 07.05.2007 00:06
von Contravaniloquentiam • 242 Beiträge

Zudem ein Zwei-Klassen-System, das in einigen Fällen unaufmerksamer Ärzte, die eine weitere speziellere Untersuchung NICHT verordnen (Rezepte sind für Kassenpatienten pro Quartal begrenzt), zum Tode führt.




Contravaniloquentiam in foro obscuro a. d. XV. Kalendas Maias mortuus est.
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