#1

Johann Gottfried Herder: Ueber die neuere Deutsche Litteratur.

in Buch-, Radio- und Fernsehtipps 13.05.2007 21:39
von Moderator • 127 Beiträge
Johann Gottfried Herder: Ueber die neuere Deutsche Litteratur.
In: Sämtliche Werke Band 2. Hildesheim/New York 1967. Reprographischer Nachdruck der Ausgabe Berlin 1877, S. 8ff.

In seinem fragmentarischen Aufsatz Ueber die neuere Deutsche Litteratur befasst sich Johann Gottfried Herder u. a. mit dem Verhältnis von Sprache und Volkscharakter, und er skizziert die sprachlichen Voraussetzungen zur Herausbildung einer deutschen Nationalliteratur.

Leseprobe:

1.

Allerdings ist auch die Sprache einer Nation ein beträchtliches Stück in der Litteratur derselben: und wer über diese schreibt, wird schon durch den Namen erinnert, jene nicht aus der Acht zu lassen. Man kann die Litteratur eines Volks, ohne seine Sprache nicht übersehen – durch diese jene kennen lernen – durch sie auf machen Seiten ihr unvermerkt beikommen; ja beide mit e i n e r Mühe erweitern; denn großen Theils geht ihre Vollkommenheit in ziemlich gleichen Schritten fort. Nicht als Werkzeug der Litteratur allein muß man die Sprache ansehen; sondern auch als Behältnis und Inbegriff; ja gar als eine Form, nach welcher sich die Wissenschaften gestalten – und nutzt man diese drei Gesichtspunkte recht: so wird uns ein Philosophisches Sprachenstudium gleichsam ein Vorhof scheinen, sich dem Tempel der Litteratur zu nähern.

Ist die Sprache Werkzeug der Wissenschaften: so ist ein Volk, das ohne Poetische Sprache große Dichter, ohne biegsame Sprache glückliche Prosaisten, und ohne Sprache große Weise gehabt hätte, ein Unding. Man trotze meiner Behauptung, und übersetze Homer in das Holländische, ohne ihn zu travestiren: man bringe einen schlüpfrigen Crebillon in das Lappländische, und den Aristoteles in eine der wilden Sprachen, die keinem Abstrakten Begrif Herberge geben. Sollte man nicht in jedem Gebiet der Wissenschaften Gedanken und Schriften haben, die für diese und jene Sprache durchaus unübersetzbar sind?

Wenigstens ist eine Mundart, in welcher die Litteratur, entweder von selbst hervor geschossen, oder hinein gepfropft ist – unendlich von einer andern unterschieden, die man in Absicht der Wissenschaften Idiotisch nennen muß. Und es musten, wie mich dünkt, von der Natur besondere Geister dazu ersehen werden, ihre rohe Sprache z u den Wissenschaften, oder wenn man lieber will! die Wissenschaften i n der Sprache zu bilden. Da diese nun ihren innern Beruf fühlten, daß sie gebohren wären, um ungedachte Dinge zu denken, und ungesagte Worte zu sprechen: so folgten sie dieser Stimme; sie verwüsteten die Sprache, um zu schaffen: jedes Hinderniß ward ihnen wie nichts, und zum Denkmal einer That; sie wurden Schöpfer und Gesetzgeber und Muster. Die Sprache ward, wie Isocrates sagt, die Bezähmerin der Wilden, und wie man dazu setzen kann, eine bildende Schöpferin in den Wissenschaften.

Wer also seine Sprache zur Weltweisheit, zur Prose und Poesie zu bereiten sucht: der ebenet eben damit den Boden, daß er Gebäude und Palläste trage. Oder noch mehr! er liefert dem Schriftsteller Werkzeug in die Hände; dem Dichter hat er Donnerkeile geschmiedet: dem Redner seine Rüstung geglänzet: dem Weltweisen Waffen geschärfet, und jedem andern, der bloß für das Auge dastehet, hat seine vorräthige Hand, Anzug, Putz, und wie oft auch damit seine ganze Würde und Schönheit verschaffet. Nur Schade! daß Jupiter das Verdienst seiner unterirrdischen Cyklopen so wenig erkannte, und daß eine Schöne so selten die allmächtige Hand küsset, die ihr Anstand und Grazie anschuf. Die Anwendung hievon auf die Cyklopen der Sprachkunde mag Johnson seinen Engländern sagen: „Man sieht sie für Leibeigne im Reich der Wissenschaften an, die dazu verdammt sind, auf dem Pfade der Erkenntniß und des Witzes, nur die Dornen und Hecken auszurotten.” (…)

2.

Nun ist aber die Sprache mehr als Werkzeug: sie ist gleichsam Behältniß und Inhalt der Litteratur – wie viel freies Feld geben uns diese Worte zu übersehen, zu bearbeiten, zu nützen?

Wenn Wörter nicht bloß Zeichen, sondern gleichsam die Hüllen sind, in welchen wir die Gedanken sehen: so betrachte ich eine ganze Sprache, als einen großen Umfang von sichtbar gewordenen Gedanken, als ein unermäßliches Land von Begriffen. Jahrhunderte und Reihen von Menschenaltern legten in dies große Behältniß ihre Schätze von Ideen, so gut oder schlecht geprägt sie seyn mochten: neue Jahrhunderte und Zeitalter prägten sie zum Theil um, wechselten damit, und vermehrten sie: jeder denkende Kopf trug seine Mitgift dazu bei: jeder Erfinder legte seine Hauptsumme von Gedanken hinein, und ließ sich dieselbe durch Wucher vermehren: ärmere liehen davon, und schafften Nutzung – falsche Münzer lieferten schlecht Geld, entweder zur Erstattung des Geborgten, oder sich ein ewiges Andenken zu prägen – Heldenmäßige Räuber wußten sich blos durch Raub und Flammen einen Namen zu machen – und so ward nach großen Revolutionen die Sprache eine Schatzkammer, die reich und arm ist, Gutes und Schlechtes in sich faßt, gewonnen und verloren hat, Zuschub braucht, und Vorschub thun kann, die aber, sie sey und habe was sie wolle, eine ungemein sehenswürdige Merkwürdigkeit bleibt. –

Jedes Buch ist ein Beet von Blumen und Gewächsen; jede Sprache ein unermäßlicher Garten voll Pflanzen und Bäume: giftig und heilsam, nahrhaft und dürre, für Auge, Geruch, und Geschmack, hoch und niedrig, aus allen Welttheilen und mit allen Farben, aus mancherley Geschlechtern und Arten – ein sehenswürdiger Anblick! – Wer wird hier blos den Riß des Gartens in todten Linien sehen wollen, wo der lebendige Inhalt desselben so viel zu lehren verspricht; und wer wird blos bei der dürren Form der Sprache stehen bleiben, da das Materielle, was sie enthält, der Kern ist?

Und dies Materielle der Sprachen, der große Gedankenvolle Raum, den sie einschließen, wird sich in verschiednen Ausdehnungen betrachten lassen. Es giebt eine Symbolik, die allen Menschen gemein ist – eine große Schatzkammer, in welcher die Känntnisse aufbewahrt liegen, die dem ganzen Menschengeschlechte gehören. Der wahre Sprachweise, den ich aber noch nicht kenne, hat zu dieser dunkeln Kammer den Schlüssel: er wird sie, wenn er kommt, entsiegeln, Licht in sie bringen, und uns ihre Schätze zeigen – Das würde die Semiotik seyn, die wir jetzt blos dem Namen nach in den Registern unsrer Philosophischen Encyklopädien finden: eine Entzieferung der Menschlichen Seele aus ihrer Sprache.

Jede Nation hat ein eignes Vorrathshaus solcher zu Zeichen gewordenen Gedanken, dies ist ihre Nationalsprache: ein Vorrath, zu dem sie Jahrhunderte zugetragen, der Zu- und Abnahmen, wie das Mondlicht, erlitten, der mehr Revolutionen und Veränderungen erlebt hat, als ein Königsschatz unter ungleichartigen Nachfolgern: ein Vorrath, der freilich oft durch Raub und Beute Nachbarn bereichert, aber, so wie er ist, doch eigentlich der Nation zugehört, die ihn hat, und allein nutzen kann – der Gedankenschatz eines ganzen Volks. Schriftsteller der Nation! wie könnt ihr ihn nutzen? und ein Philolog der Nation, was könnte er nicht in ihm zeigen, durch ihn erklären?

Alles, was dieser Nationalschatz eignes hat: Ursprung, Geschichte, und wahre Art dieser Eigenheit: Das Besondre desselben in Fächern der Armuth und des Ueberflusses: das Sehenswürdige in Gestalten der Schönheit, und in Mißgeburten: Münzen, die wohl oder übel geprägt sind: Schaustücke, die sich durch ihre Seltenheit, oder innern Werth, oder durch ihre Geschichte empfehlen: Merkwürdigkeiten, auf bequemen oder unbequemen Stellen: Figuren von außerordentlich leichter oder besonders widrigen Stellungen – und hundert unerhörte Dinge mehr würden uns über diesen Gedankenvorrath eines Volks gesagt werden können, die jeder Eingebohrne der Sprache, ihr mit begierigem Ohr hörete. Allein die Stelle eines solchen Sprachforschers ist freilich schwer zu besetzen, weil in sie ein Mann von drei Köpfen gehört, der Philosophie und Geschichte und Philologie verbinde – der als Fremdling Völker und Nationen durchwandert, und fremde Zungen und Sprachen gelernt hätte, um über die seinige klug zu reden – der aber zugleich als ein wahrer Idiot, alles auf seine Sprache zurückführte, um ein Mann seines Volks zu seyn.

...

Microsoft® Encarta® 2007. © 1993-2006 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten.
zuletzt bearbeitet 13.05.2007 21:49 | nach oben springen


Aktion Deutsche Sprache, Hannover | Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache des 20. Jh. | Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt | Deutsch-Netz.de, Lippstadt | Deutsche Sprachwelt, Erlangen | Die Seiten für Rechtschreibung | Forschungsgruppe Deutsche Sprache e.V., Aschaffenburg | Institut für Deutsche Sprache, Mannheim | Neue Fruchtbringende Gesellschaft zu Köthen/Anhalt e.V. | Sprachkreis Deutsch, Bern | Sprachpflege.info, Erlangen | Stiftung Deutsche Sprache e.V., Berlin | Verein Deutsche Sprache e.V., Dortmund | Verein für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege e.V., Schwaig bei Nürnberg | Woxikon | www.wortpatenschaft.de
Besucher
1 Mitglied und 2 Gäste sind Online:
MarcusMed

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: MarcusMed
Forum Statistiken
Das Forum hat 644 Themen und 4743 Beiträge.

Heute war 1 Mitglied Online :
MarcusMed


Xobor Forum Software von Xobor