#1

gesprochene Sprache in Deutschland

in F r e i s t i l 19.05.2007 15:36
von Andrew • 162 Beiträge

Im letzten Beitrag des Themas "Mundarten in Deutschland" im Forum "Klartext" ist Folgendes zu lesen:

"...Es wird auch damit zu tun haben, daß Eltern Ihre Kinder sehr bescheuert erziehen. Sie selbst, die Eltern, sprechen breitesten Dialekt, den Kindern wird aber auferlegt hochdeutsch zu reden. Es mag es für die Kinder einiges einfacher machen, doch halte ich es schlichtweg für falsch."

Das ist nicht das erste Mal, dass ich eine spezifische Meinung zu Änderungen der gesprochenen Sprache in (Teilen von) Deutschland gelesen habe.

Mich würde interessieren, wie oft und in welchen Teilen Deutschlands es heutzutage öfter (also nicht nur in Einzelfällen) vorkommt, dass Kinder bewußt Hochdeutsch oder beuwßt den Dialekt des Orts oder der der Eltern lernen sollen. Also, "beuwßt" im Sinne, Eltern und evtl. Lehrer und andere am Wohnort dafür sorgen wollen, dass Kinder nicht unbedingt so sprechen wie die Eltern, weil entweder Hochdeutsch oder Dialekt geschätzt sind in einer Weise, dass es erwünscht ist, dass Kinder nicht so sprechen wie die Eltern und/oder wie im Wohnort sonst üblich.

Die Gründe würden mich auch interessieren. Werden mancherorts in Deutschland Dialekte geschätzt weil sie sonst aussterben könnten oder aus anderen Gründen? Wird Hochdeutsch (oder eine gesproche Sprache, die diesem gezielt ähnlich ist) mancherorts mehr geschätzt als Dialekt und wenn schon, warum?

Anders gesagt, im Wikipedia-Artikel über Blerinerisch steht u.a. "Durch die allgemein weitgehende Verwendung von Begriffen des Hochdeutschen gab es bis heute keine Notwendigkeit für einen schriftlichen Gebrauch und das Berlinern bleibt eine Mundart, was allerdings wohl auch darauf zurückzuführen sein wird, dass Berlinern vor allem innerhalb der Region selbst stets als Dialekt der einfachen Leute verpönt war, und sich die Bildungsschicht davon distanzierend stets um einwandfreies Hochdeutsch bemühte."

Inwiefern und in welchen Regionen Deutschlands passiert es heutzutage, das Änderungen der gesprochenen Sprache (Dialekt, Hochdeutsch, Mischung oder Tendenz von der einen Form zu einer neuen) bewußt aufgrund einer Einstellung zur Sprache stattfinden, statt wie immer in der Geschichte aller Sprachen "halt so" aufgrund verschiedener anderen Faktoren?

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#2

RE: gesprochene Sprache in Deutschland

in F r e i s t i l 19.05.2007 17:30
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge
Ein kompliziertes Thema.

Für den Ruhrdialekt behaupte ich einmal das folgende: er wird noch mit meiner Generation aussterben. Zum einen steht kein jahrhundertealtes regionales Selbstbewußtsein dahinter, wie etwa hinter dem Oberbayrischen. Stattdessen galt Ruhrdeutsch immer als Kennzeichen der Arbeiterschicht, roch nach Kohlenstaub und Schweiß, nach harter Maloche, aber sicher nicht nach Bildung oder sozialem Aufstieg. Mit dem Strukturwandel weg von Hütte und Zeche hin zum Dienstleistungssektor verschwindet auch der Dialekt, ganz ohne elterlichen oder schulischen Druck hin zu hochdeutscher Aussprache.

"Hörsse, getz mach ich Dich ma dein' Anspruch fettich, woll, dann krisse die Kohle am ersten auffet Konto." So bearbeitet man in Dortmund keine Versicherungsfälle. "Hömma, hammse getz die Macketingvorlesung innen HZO-20 valeecht oda watt", so klingen keine Bochumer Wirtschaftsstudenten. "Die Karre hat Platz fürde ganze Mischpoche, woll, dann gehtse ab wie Schmitz Katze, unt watten Spritt angeht, da bisse mit 7 Litter auf hundat Kilometers abba locka dabei, wirsse nich aam von." So werden in Essen keine Autos verkauft.

Zwar hat sich in den letzten Jahren eine Art Ruhrpottstolz entwickelt insofern als man sich seiner schwerindustriellen Vergangenheit nicht mehr schämt, sondern es zum Positiven dreht, "Route Industriekultur", Industriedenkmäler, usw. Für den Dialekt kommt das zu spät. Die Kinder und Enkel der Bergleute und Stahlarbeiter sprechen die Sprache ihrer Väter und Großväter nicht mehr und haben auch kein lokalpatriotisches Interesse an deren Erhalt. Ich bin mit 37 einer der letzten und damit schon ein lebender Anachronismus.

Soviel aus meine Heimat, woll.

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In die Klartext-Geisterwelt eingegangen am 17. April 2007
zuletzt bearbeitet 19.05.2007 17:40 | nach oben springen

#3

RE: gesprochene Sprache in Deutschland

in F r e i s t i l 19.05.2007 19:41
von Fritz-Franz • 675 Beiträge
… und in der Schweiz.

Was der Schamane sagt, trifft auch auf die Schweizer Alpenregionen zu. Während meiner Kindheit und Jugendzeit traf man in den hintersten Tälern des Kantons Schwyz noch alte Bergbauern an, die während ihres ganzen Lebens kaum einmal über die Kantonsgrenzen hinausgekommen waren. Sie sprachen wirklich noch ein reines, schönes Schwyzerdütsch (nicht zu verwechseln mit Schwiizerdütsch). Es war eine Freude, ihnen zuzuhören. Doch bereits damals schon begann die Abwanderung der Jungen, die fern von daheim auf die Suche nach Arbeitsplätzen und Ausbildungsmöglichkeiten gehen mußten. Im Gegenzug kamen reiche Auswärtige, die an den Hängen der Täler Ferienhäuser errichteten. Die vielen Schweizer Dialekte vermischen sich immer mehr. Einige Stichworte führe ich noch an, für den, der den Ursachen dieses Themenkomplexes auf den Grund gehen will: Das Bauernsterben, das Lädelisterben, die Krise der Textil- und Uhrenindustrie, die Pendler, die Zersiedlung der Landschaft und nicht zuletzt die enorme Zuwanderung.
zuletzt bearbeitet 19.05.2007 20:31 | nach oben springen

#4

RE: gesprochene Sprache in Deutschland

in F r e i s t i l 20.05.2007 10:31
von Andrew • 162 Beiträge

Danke für die Antworten.
Schamane, gibt es auch Leute, die den Ruhrdialekt sprechen können, die ihn wegen seines Rufs mit Absicht nicht mehr sprechen, oder nur eher zu Hause, außerhalb des öffentlichen Lebens sprechen?
Wenn Sie sagen, Sie sind einer der Letzten, der den Dialekt spricht, meinen Sie überhaupt, also dass jüngere Leute den Dialekt nicht sprechen könnten, oder sie könnten es zwar im Privatleben (Familie, Freundeskreis), aber in Ihren Beispielen würden sie es trotzdem nie tun?

Fritz-Franz, der Prozeß, den Sie beschrieben haben ist aber anders im Sinne, die Änderungen des Dialekts haben unbewußt bzw. ohne Absicht stattgefunden oder? Also die Leute aus Kantonen wie Schwyz die nach Zürich, Basel, Bern usw. umgezogen sind haben nicht mit Absicht versucht, die Dialekte der neuen Wohnorte zu sprechen? Und in keinem Fall wird gezielt Hochdeutsch statt Dialekt gesprochen.

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#5

RE: gesprochene Sprache in Deutschland

in F r e i s t i l 20.05.2007 12:20
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge
Zitat von Andrew
Danke für die Antworten.
Schamane, gibt es auch Leute, die den Ruhrdialekt sprechen können, die ihn wegen seines Rufs mit Absicht nicht mehr sprechen, oder nur eher zu Hause, außerhalb des öffentlichen Lebens sprechen?
Wenn Sie sagen, Sie sind einer der Letzten, der den Dialekt spricht, meinen Sie überhaupt, also dass jüngere Leute den Dialekt nicht sprechen könnten, oder sie könnten es zwar im Privatleben (Familie, Freundeskreis), aber in Ihren Beispielen würden sie es trotzdem nie tun?


Die Älteren werden vielfach den Dialekt noch sprechen können, tun es aber nur im privaten Umfeld, im Verein oder in der Kneipe. Das Problem liegt, wie erwähnt, darin, daß der Ruhrdialekt immer als proletarisch galt, weshalb er seit langem in vielen Situationen in der Öffentlichkeit vermieden wird.

Der Strukturwandel ist die Ursache. Mit der Schwerindustrie und der entsprechenden Beschäftigungsstruktur verschwindet auch der Dialekt. Das funktioniert so: Großvater war Stahlarbeiter und spricht den stärksten Ruhrdialekt. Das Stahlwerk ist heute seit Jahrzehnten lange stillgelegt. Der Sohn machte seinen Realschulabschluß und dann eine Lehre als Industriekaufmann. Dort hätte der Dialekt ihn benachteiligt, also legte er ihn ab und sprach nur Hochdeutsch, wenn auch mit einigen lokalen Einsprengseln, auch zu Hause, um seinen Kindern ein Vorbild zu geben. Dessen Sohn wird Versicherungskaufmann und die Tochter studiert Jura. Beide haben nie richtig Ruhrpott gelernt und empfinden die Sprache der Großväter als "irgendwie komisch", aber prollig, uncool, von gestern, als etwas, das in Filme wie "Manta, Manta" oder auf die Kabarettbühne gehört, aber sicher nicht ins Büro oder an die Universität, geschweige denn die Kanzlei.

Kein Regionalstolz stand dem entgegen. Bis vor etwa 20 Jahren war es den Ruhrgebietlern sehr daran gelegen, ihre Herkunft zu verschleiern, da das Ruhrgebiet als dreckig, rußig, proletarisch verschrien war. Wer etwa Dortmund oder Gelsenkirchen als seine Heimat angab, der stank in den Augen vieler Außenstehender gleich nach Kohlenstaub und Bier. Dies hat sich mittlerweile geändert, man steht selbstbewußt zu seiner industriellen Vergangenheit und wirbt sogar damit. Aber wie ich schon sagte, für den Dialekt kommt das zu spät, der ist mit dem Strukturwandel seit der Kohlenkrise in den 60ern zusammengeschrumpft wie die Zechenlandschaft und die Stahlindustrie.

Ein Zitat von Tana Schanzara, Bochumer Ruhrgebietsikone:

In Antwort auf:
Unt datte aussem Ruhrpott biss, da musse dich doch nicht für schääm!


Das tut heute auch keiner mehr. Das hätten sie auch früher nicht tun sollen, dann wäre die Situation jetzt anders.

Und eins von Grönemeyer:

In Antwort auf:
Dein Grubengold hat uns wieder hochgeholt (aus "Bochum")


Den Beitrag der Region zum deutschen Wirtschaftswunder auf den Punkt gebracht. Eine späte Einsicht, und inhaltlich von der Entwicklung längst überholt.

All diesem gegenüber steht ein in letzter Zeit stark gewachsenes Interesse an Lokalgeschichte. Das betrifft aber eher das gebildete Mittelalter, und die Jugend interessiert sich überhaupt nicht mehr dafür. Die übernimmt die Sprache der Medien, aber nicht die der Taubenväter und der Männer aussem Pütt.


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In die Klartext-Geisterwelt eingegangen am 17. April 2007
zuletzt bearbeitet 20.05.2007 12:24 | nach oben springen

#6

RE: gesprochene Sprache in Deutschland

in F r e i s t i l 20.05.2007 12:27
von Fritz-Franz • 675 Beiträge

Lieber Andrew!

Schamanens Beispielen füge ich noch eines hinzu: Ich arbeitete vier Jahre lang in einem schweizerischen Handelsunternehmen. Während jener Jahre führte ich nicht ein einziges Telephonat mit einem deutschen Kunden oder Lieferanten im Dialekt. Die Geschäftspartner bemühten sich, wie ich mich selbst, hochdeutsch zu sprechen. Da wir Schweizer (übrigens nicht anders als die Deutschen) keine verbindliche Grammatik und Orthographie für die Dialekte besitzen, übersetzen wir beim Schreiben fortwährend vom Dialekt ins Hochdeutsche.

Nun zu den drei Fragen die Antworten aus eines (Deutsch-)Schweizers Sicht, der auch die Verhältnisse in Deutschland kennt: Die ursprünglichen Dialekte vermischen sich allmählich, und zwar gezwungenermaßen, durch geforderte Mobilität und Flexibilität. Eine Tendenz zum gesprochenen Hochdeutsch ist in der Schweiz nicht feststellbar; vielmehr eine gegenteilige Strömung: Der Konservatismus in allen seinen Stufen und Ausprägungen (vom Nationalismus, Föderalismus, Separatismus, „Kantönligeist“ bis zum Gartenzaun). Bemerkenswert in diesem Zusammenhang erscheint mir die Tatsache zu sein, daß die Betreiber der sprachlichen Globalisierung (von Deutsch über Denglisch zu Englisch) sich als besonders „heimatverbundene“ Menschen gebärden. Ich kann nicht anders, als diese Menschen für schizophren zu halten.

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#7

RE: gesprochene Sprache in Deutschland

in F r e i s t i l 20.05.2007 12:29
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge
So, unt hier noch der Beweis, datt Ruhrpott die reine Lyrik is:


Epigramm auf Franz*

(*datt is nich unsan Fritz-Franz von ausse Schweiz, woll!!)

Watt mich nervt, datt is dem Franz
seine Riesenarroganz.
Datt Gelaber unt Gesülze
macht mir Pickel, Pusteln, Pilze,
heiße Luft unt Null Substanz.
Franz der Große, Franz der Hatte,
sach ma'n Satz mit "Weiße Watte",
ein' mit "Weiße Watte", Franz.
Weiße watte mich ma kannz!

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In die Klartext-Geisterwelt eingegangen am 17. April 2007
zuletzt bearbeitet 20.05.2007 12:32 | nach oben springen

#8

RE: gesprochene Sprache in Deutschland

in F r e i s t i l 20.05.2007 14:24
von Andrew • 162 Beiträge

Das Ruhrgebiet ist eine Region, die mich eigentlich sehr interessiert, unter anderem weil ich ein Großstadtmensch bin und dort gibt es viele Städte die aneinander grenzen, also eine große Metropole. Ich habe auch Informationen des Regional Verbandes Ruhr gelesen (Statistik und über Strukturwandel, dort geht es nicht um Sprache). Es ist interessant, dass die Größe des Raums nicht eine Rolle beim Verschwinden des Dialekts gespielt hat (Mischung verschiedener Dialekte, Zuzüge, und modernes städtisches Leben usw.).

In Antwort auf:
...Dort hätte der Dialekt ihn benachteiligt, also legte er ihn ab und sprach nur Hochdeutsch, wenn auch mit einigen lokalen Einsprengseln, auch zu Hause, um seinen Kindern ein Vorbild zu geben...


Ist es dann ausschließlich so, dass das Verschwinden des Dialekts mit der negativen proletarischen Einstellung zu tun hat - und damit nicht auch mit einer positiven Einstellung zum Hochdeutschen?

In Antwort auf:
Aber wie ich schon sagte, für den Dialekt kommt das zu spät, der ist mit dem Strukturwandel seit der Kohlenkrise in den 60ern zusammengeschrumpft wie die Zechenlandschaft und die Stahlindustrie......Das hätten sie auch früher nicht tun sollen, dann wäre die Situation jetzt ander


Also auch im Sinne, im modernen Ruhrgebiet nach dem Strukturwandel wird es für gut gehalten, Hochdeutsch zu sprechen unabhängig davon, dass der Dialekt als prollig und von gestern gilt und der Dialekt würde sonst immernoch aber langsamer verschwinden, oder eher, Leute würden ihn heute noch so wie vor einigen Jahrzehnten sprechen.


Ich nehme an, andere deutsche Muttersprachler, zumindest aus NRW, merken immernoch, wenn einer aus dem Ruhrgebiet, oder beispielsweise Düsseldorf oder Münster ist, also trotz Übernahme der Mediensprache bleiben Merkmale in der Aussprache?





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#9

RE: gesprochene Sprache in Deutschland

in F r e i s t i l 20.05.2007 14:36
von Andrew • 162 Beiträge

Aber Fritz-Franz, wenn Sie mit Schweizern telefonieren, sprechen Sie eben Dialekt, die Person am anderen Ende der Leitung auch. Also, obwohl Dialekte sich vermischen und obwohl man vor allem in Städten verschiedene Dialekte hört, keiner spricht freiwillig als Normallfall Hochdeutsch, wie Sie gesagt haben, die Tendenz ist umgekehrt als im Beispiel des Ruhrgebiets. Und beide Sprachvarianten werden getrennt, man spricht also entweder Dialekt oder Hochdeutsch, nicht eine Mischung der beiden wie es bei manchen Leuten mancherorts in Deutschland und Österreich passieren kann.

In Antwort auf:
Bemerkenswert in diesem Zusammenhang erscheint mir die Tatsache zu sein, daß die Betreiber der sprachlichen Globalisierung (von Deutsch über Denglisch zu Englisch) sich als besonders „heimatverbundene“ Menschen gebärden. Ich kann nicht anders, als diese Menschen für schizophren zu halten.


Das find eich komisch. Wer heimatverbunden ist, müßte eher darauf pochten, dass die Sprache der Heimat (egal welche Sprache in welchem Land und ob Dialekt opder Standardsprache) "rein" bleibt und sich nicht durch Globalisierung ändert.

Aber ich glaube, in schweizerischen Dialekten kommen nicht weniger Denglisch/englischen Wörter vor als im Hochdeutschen, der Dialekt wird also schon beeinflußt obwohl jeder weiterhin Dialekt spricht.

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#10

RE: gesprochene Sprache in Deutschland

in F r e i s t i l 20.05.2007 14:44
von Andrew • 162 Beiträge

Die Beispiele des Ruhrdialekts hier finde ich interessant. Ich verstehe auch die Mehrheit, was aber natürlich nicht heißt, dass ich die Zitate im gesprochenen Dialekt verstehen würde.

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#11

RE: gesprochene Sprache in Deutschland

in F r e i s t i l 20.05.2007 15:20
von Fritz-Franz • 675 Beiträge

Ich sprach ja von deutschen Kunden und Lieferanten. Sie sprachen nicht Allgäuerisch, Sächsisch, Bayerisch oder Schwäbisch mit mir, und ich nicht Schwiizerdütsch mit ihnen, sondern Hochdeutsch. Schweizer sprechen mit Schweizern Schwiizerdütsch, das ist klar.

Zur Tatsache, welche ich bemerkenswert finde, noch folgendes: Es sind gerade jene Menschen (z.B. Eigentümer großer, international tätiger Firmen oder Anteilhaber globaler Konzerne – Namen nenne ich hier keine), die in bewundernswürdiger Verlogenheit stets an das Heimatgefühl appellieren und den Verfall der Schweizer Kultur beklagen. Wenn das „komisch“ sein soll, dann bin ich eben humorlos.

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#12

RE: gesprochene Sprache in Deutschland

in F r e i s t i l 20.05.2007 15:29
von Andrew • 162 Beiträge

Mit "komisch" meine ich, wenn diese Leute an das Heimatgefühl appellieren und den Verfall der Kultur beklagen, dann ist es ein Widerspruch wenn die selben Leute viele Anglzismen einführen wollen und vermehrt (außer bei Kontakten mit englischsprachigen Ländern) Englisch benutzen wollen.

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#13

RE: gesprochene Sprache in Deutschland

in F r e i s t i l 20.05.2007 17:44
von Fritz-Franz • 675 Beiträge
Lieber Andrew!

Mir liegt sehr viel an der Erhaltung der Dialekte. Daher unterstütze ich auch das Idiotikon, obschon ich weiß, daß dieses Unternehmen nur dokumentarischen Charakters ist. Zur Erhaltung der sprachlichen Vielfalt trägt es kaum etwas bei. Was die Befürworter der (sprachlichen) Globalisierung und deren willfährige Unterstützer stets zu verschleiern suchen, ist ihr eigentliches Hauptziel: Die Monopolisierung des Wissens (kompensiert durch das von den Presseagenturen willkürlich verbreitete Halb- oder Viertelswissen, welches von den Zeitungen und Zeitschriften gutgläubig – mitsamt allen Rechtschreibfehlern – zur allgemeinen Verblödung der Leser verbreitet wird). Die dpa, d.i. die Deutsche Deppenagentur, galoppiert in diesem Unsinn munter voran. Da bleiben, bei der von ihr angewandten Dialektik, nicht nur die Dialekte auf der Strecke liegen, sondern auch die Bemühungen rechtschaffener Eltern und Lehrer, den Kindern Deutsch beizubringen. Überhaupt ist allerorten „Frühenglisch“ angesagt.

Ich grüße Dich aus Basel

Fritz-Franz

PS: Erinnerst Du Dich noch? Wir machten doch einstmals Duzis miteinander? Siehe dort!
zuletzt bearbeitet 20.05.2007 18:07 | nach oben springen

#14

RE: gesprochene Sprache in Deutschland

in F r e i s t i l 20.05.2007 21:48
von gnomus • 62 Beiträge

Hallo Andrew,
ich habe meine Kindheit in Südthürignen (also in der damaligen DDR) verbracht. Dort spricht man heute noch verschiedene fränkische Dialekte, z.B. Itzgründisch, Hennebergisch und Grabfeldisch, die auch im Westen, im Bundesland Bayern gesprochen werden.
Natürlich hatte ich im Kindergartenalter auch Itzgründisch gesprochen. Einmal bekam meine Muttern mit, wie ich mit einem anderen Jungen "platt" sprach. ("Platt" ist hier nicht identisch mit dem niederdeutschen "Plattdeutsch", sondern wird dort einfach als Gegenstück zu Hochdeutsch verwendet. Früher nannte man Hochdeutsch auch "Vürnahm", also vornehm.) Meine Mutter verbot mir sofort das "Plattsprechen" und als gehorsames Kind sprach ich von da an nur noch hochdeutsch. Mein Vater war Lehrer, er erklärte mir, ich wäre im Deutschunterricht im Vorteil, weil ich besser sprechen kann als die anderen. Meine Mutter wollte sowieso immer was besseres sein, also mußten sich ihre Kinder von den anderen abheben. Ich hatte mich dabei aber immer mehr ausgegrenzt gefühlt, hatte das Gefühl, daß anderen mich für eingebildet halten würden. Ich konnte zwar das "Platt" verstehen, aber richtig sprechen konnte ich es nicht mehr. Erst nach Beendigung der Schule traute ich mich wieder ran, naja, war etwas holperig, manche lachten mich deswegen auch aus.
Nun wohne ich schon fast 20 Jahre in Sachsen, hier werde ich oft für einen "Wessie" gehalten.
Meine Mutter, die sich ihres Dialekts früher schämte, spricht ihn fast nur noch, und wie es scheint, in einer älteren, fast vergessenen Fassung. Miteinmal benutzt sie Wörter, die ich früher nur von ganz alten Leuten gehört habe oder gar nicht mehr kenne.
Mein älterer Bruder haßt diesen Dialekt, er meint, der hätte etwas boshaftes an sich.
Ich höre den Dialekt gerne, vielleicht weil ich weit weg von dort wohne. Und wenn ich am Telefon mal einen Franken dran habe, kommen wie von selbst solche Wörter wie "net", "fuchzich" (fünfzig) u.a. Das gilt aber eigentlich noch als hochdeutsch.
Ich glaube nicht, daß dieser Dialekt dort so schnell aussterben wird. Die Walddörfer und die Stadt Sonneberg (sozusagen die Hochburg des Itzgründischen) werden diesen Dialekt sicher länger behalten.
Bei Coburg wäre ich mir da nicht so sicher.

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#15

RE: gesprochene Sprache in Deutschland

in F r e i s t i l 20.05.2007 22:06
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge

Andrew schrieb:

In Antwort auf:
Die Beispiele des Ruhrdialekts hier finde ich interessant. Ich verstehe auch die Mehrheit, was aber natürlich nicht heißt, dass ich die Zitate im gesprochenen Dialekt verstehen würde.


Ich meine, daß der Ruhrdialekt einer der verständlichsten ist. Er wird von allen Deutschsprachigen problemlos verstanden und dürfte auch für den Ausländer einer der am einfachsten zu verstehenden Dialekte sein, zumal für den englischsprechenden. Bestimmte Erscheinungen englischer Dialekte, wie k-dropping oder t-dropping, treten 1:1 auch so im Ruhrdeutschen auf. Und mit unserem "watt" und "datt", das wir phonetisch mit dem Plattdeutschen und auch dem Niederländischen gemeinsam haben, sind wir nicht weit weg von "what" und "that".

Schweizer Dialekte dagegen sind selbst für die meisten Deutschen so gut wie unverständlich. Ich behaupte, eher niederländisch zu verstehen als einen starken schweizer Dorfdialekt. Für mich als Nordwestdeutschen ist so weit weg wie Chinesisch.


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In die Klartext-Geisterwelt eingegangen am 17. April 2007
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