#16

GEO 11|2008, Seite 204: Ganz nebenbei - HEIßE LUFT

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 23.10.2008 12:00
von AndyOSW • 631 Beiträge

GEO 11|2008, Seite 204: Ganz nebenbei

HEIßE LUFT

Subversiven Elementen ist es gelungen, einen neuen Buchstaben
offiziell in die Schriftsprache einzuschmuggeln. Hanne Tügel fragt sich,
wie diese Rechtschreibrevolution einzuschätzen ist

Das deutsche Alphabet begnügt sich nicht mit 26 Buchstaben,
wie zum Beispiel das englische. Es leistet sich die Extravaganz
der Umlaute und verziert Väter und Verräter, Kohlköpfe und
Könige, Übermütige und Müllwerker mit horizontalen
Doppelpünktchen. Wobei sich das Punkteverstreuen nicht so
köklü (= radikal) durchgesetzt hat wie in der Türkiye, in deren
kültür mit der Kraft güc der Umzug göc in die Direktion
müdürlük bewältigt wird, mal durch den Engpass güclük,
mal durch die Senke cöküntü.

Festzuhalten bleibt, dass die Vokalabkömmlinge die
Zahl der deutschen Lettern auf 29 erhöht haben. Als Nummer
30 gesellt sich ein Buchstabe hinzu, der wie eine 3 aussieht,
die am Stock gehen muss. Warum und wie lange wird er noch
durchhalten? Das ist heiß umstritten. Mitleid ist angebracht,
denn das "ß", auch "Eszet" oder "Buckel-S" genannt, leidet
unter dem Handikap, daß (oder neuerdings richtiger: dass)
kein wirklich eigener Laut zu ihm gehört. Gesprochen klingt
es wie jedes beliebige "s", das nicht in Säusel-Singsang
daherkommt.

Die Schweizer haben den Gebrauch von Nummer 30
schnell verworfen. Und auch die Deutschen und Österreicher
brennen für dieses urdeutsche Element, das sie so lange
gehegt haben, nicht mehr so leidenschaftlich wie einst. Fuß,
Gruß und Ruß lassen sie noch fortleben, doch mit Kuß und
Genuß ist seit der jüngsten Rechtschreibreform Schluss.

Ein Fall für Verdruss, gäbe es nicht eine unerwartete
dialektische Wende. In der Zeit grassierenden ß-Schwundes
haben fast unbemerkt Kräfte Oberhand gewonnen, die den
Buchstaben auch als Versalie, also in Großschreibung, in
Szene setzen wollen.

Pioniere stritten dafür schon 1879. Zwar gibt es kein
einziges Wort, in dem das "ß" sich an den Wortanfang verirrt
hat und in dem natur- und dudengemäß Großschrei-
bung vorgeschrieben wäre. Doch was, wenn ganze Worte
groß herauskommen sollen, zum Beispiel in der Zeitung?
Nach Regeln von 1901 war das "ß" dann tatsächlich als SZ
zu schreiben. Also etwa: "MASZLOS: WEISZER HAI FRASZ
DREISZIG SCHWEIZER SCHWEISZER". Kein Balsam fürs
Auge, trotzdem setzten sich Schriften mit Versal-ß nicht
durch. Hilfsweise wurde die STOSZSTANGE im Lauf
der Zeit zur STOSSSTANGE.

Eine Weile experimentierten sozialistische Sprachver-
walter mit einer Mischung von groß und klein. 1957 kam
der "GROßE DUDEN" der DDR heraus. Später verließ die
Autoren der Drang zur Gleichmacherei wieder, dafür
meuterten sie im Inneren des Bandes: "Das Schriftzeichen ß
fehlt leider noch als Großbuchstabe." Es folgte der geheim-
nisvoll verräterische Satz: "Bemühungen, es zu schaffen,
sind im Gange."

Die Mauer fiel. Der Duden wurde gesamtdeutsch.
Die Hüter der Schriftsprache verschlissen sich im Kampf
gegen Tollpatsche, die Ketschup auf Portmonees kleckern.
Andere intensivierten ihre "Bemühungen" ohne öffentliches
Aufsehen und bis zum Triumph. 44 Delegierte aus elf Län-
dern waren präsent, als die "Working-Group 2 des Subkomi-
tees 2 des gemeinsamen Komitees von ISO und IEC" feierlich
und offiziell die Resolution "M50.18" verabschiedete.

Gegen die Stimmen der USA wurde der lateinische
Großbuchstabe "Latin Capital Sharp S" als 1E9E in den
sogenannten Unicode aufgenommen, den internationalen
Standard für Computerzeichensätze. Dort ruht das Versal-ß
nun, gemeinsam mit drei neuen tibetanischen Buchstaben,
sozusagen im Uterus eines zukünftigen Universal-Schrift-
tums. Als ß-Embryo, dem man das nun gestattete Großsein
noch nicht ansieht.

Mit einer Kombination aus "Shift", "Alt Gr" und "ß"
lässt sich das Zeichen im Computer "ansprechbar" machen -
wenn es denn irgendwann in der gewählten Schrifttype
existieren sollte. Ein Fortschritt der kültür? Vielleicht eher
öküzlük, eine Riesendummheit.

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#17

Scharfes S

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 04.08.2010 11:24
von Dorftrottel • 32 Beiträge

Meine Güte!

Die Ligatur ß entstand aus dem langen s und dem z. Es gab und gibt sie eigentlich immer noch, weil nie irgendwie verboten, auch im Französischen, Italienischen, Englischen, in vielen Sprachen, nein, Schriften, selbstverständlich zunächst in gebrochenen. Dann Antiquae und zuletzt Groteske. Nur Ungebildete wissen nicht, daß es sich um eine Gemeinenligatur handelt. Großbuchstaben und ß, das hat nichts miteinander zu tun. IMBISS, ROSS, fertig.

Vollkommene Idiotie, eine Versalligatur zu suchen, erst recht im Antiqua- oder Grotesksatz. In der Antike, bei den Römern, findet man nirgends einen Zusammenzug von Lettern. Stellt euch vor, am Tempel prangte SERENIßIMVS. Die Grandezza hatte man vor 2000 Jahren noch, zwei schöne runde S nacheinander zu meißeln. Das sz verdanken wir dem wirtschaftlichen Druck auf die Schriftenmacher und Setzer, übrigens auch ck, ch, ff, ss u. a. m.

Immer weniger Leute beherrschen doch auch die Regeln, wo ß zu setzen ist. In dieser Hinsicht sind alle Rechtschreibereformen gescheitert. Die Grundregel ist: Schreibe, wie du sprichst. Ich sage Fuß. Langes u und scharfes s. Ich sage Fluss. Kurzes u und scharfes s. Ich sage Mus. Langes u und stumpfes s (im Gegensatz zu scharf, hihi). Der Schmied arbeitet am Boß.

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