#1

Das kleine Esszett soll groß herauskommen

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 23.05.2007 18:15
von Moderator • 127 Beiträge
Das kleine Esszett soll groß herauskommen

Düsseldorf (dpa) - Bei der Rechtschreibreform drohte ihm das schmachvolle Aus. Aber es überlebte - wenn auch als minderwertiges Mitglied der Buchstabenfamilie an den Rand des Alphabets gedrängt: das kleine ß.

Der Niedergang des scharfen S muss Mitleid erregt haben, denn inzwischen legen sich mächtige Fürsprecher ins Zeug, damit das kleine Esszett groß herauskommt. Das Deutsche Institut für Normierung (DIN) bemängelt, dass dem ß eine Variante für die Großschreibung fehlt.

Die Internationale Standardisierungs-Organisation ISO hat den deutschen Vorstoß der DIN-Leute nun wohlwollend aufgenommen. Das scharfe S soll endlich auch als Großbuchstabe in den internationalen Schriftzeichenkatalog aufgenommen werden. Die Bundesregierung hat schon im vergangenen September ihren Segen erteilt.

In einigen Monaten wird dem großen ß voraussichtlich ein fester Platz im Zeichensatz ISO-10646 zugewiesen, genauer gesagt: die Position 0x1E9C. Damit wäre ein fast 130-jähriger Einsatz für ein großes ß doch noch gewonnen.

In den 1950er Jahren zierte das große ß bereits den GROßEN DUDEN der DDR. "Aber das ist wieder eingeschlafen", berichtet der Leipziger Typograph Andreas Stötzner.

Die eklatante Lücke im Normenkatalog musste bei jedem systematischen Geist Unbehagen auslösen: Bislang gibt es 100.000 verschiedene Schriftzeichen. Auch die Schrift längst ausgestorbener Sprachen ist international standardisiert und normiert, nicht aber ein großes ß.

"Das ß ist beileibe kein Exot", rechtfertigt Cord Wischhöfer vom Deutschen Institut für Normierung (DIN) die Bemühungen. Trotz der Krücke "aus ß wird in Großschreibung SS" kommt es zu Sprach- und Sinnverwirrung: War bei der MASSE die Masse gemeint oder waren es die Maße?

Besonders in Namen stellt sich das Problem. Es soll sogar schon Steuerzahler gegeben haben, die die Forderungen des Finanzamts an ESSER oder PREUSS mit dem Hinweis zerrissen, man heiße schließlich Eßer oder Preuß.

Die behördliche Großschreibung der Nachnamen birgt somit eine gefährliche Unschärfe, die endlich entschärft wäre. "Deswegen sind schon Prozesse geführt worden", berichtet Stötzner.

Schließlich behalf man sich damit, dass um der Eindeutigkeit willen auch in der Großschreibung das kleine ß verwendet werden darf.

Nun zerbrechen sich Schrift-Designer den Kopf darüber, wie das große Esszett aussehen könnte. In der von Stötzner herausgegebenen Fachzeitschrift "Signa" sind die Bemühungen der Graphologen bis ins Detail dokumentiert.

Das große Esszett sollte dem kleinen ß ähnlich sein und nicht mit dem großen B verwechselt werden. Mit mehreren Varianten für gängige Schriftarten haben die Designer das Problem elegant durch unterschiedlich große Bögen und eine unten offene Type gelöst.

Allein: In der Handschrift sieht das große ß dem versalen B doch wieder zum Verwechseln ähnlich.

Außerdem müssen auch die Tastaturen-Hersteller eines Tages bereit sein, das ß aus seinem Schattendasein unter dem Fragezeichen zu erlösen und zu einer eigenen Taste auf der deutschen Tastatur zu verhelfen, wie es dem dann vollwertigen 27. Buchstaben des Alphabets gebührt - die Umlaute nicht mitgezählt.
Was sagt der Typograph dazu?
zuletzt bearbeitet 25.05.2007 09:39 | nach oben springen

#2

RE: Das kleine Esszett soll groß herauskommen

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 24.05.2007 20:51
von Fritz-Franz • 675 Beiträge
Während all den Jahren, als die deutsche Rechtschreibung reformiert und abermals reformiert wurde, um sie nochmals zu reformieren, verfaßte ich viele Leserbriefe gegen diese sinnlose Reformiererei; und in den letzten Jahren entdeckte ich die Möglichkeit, in Internetforen meine Meinung zu äußern. Der drohende Verlust des Eszett, welchem ich entgegen wirken wollte, war nur eine meiner Befürchtungen. Ich könnte einen Eid darauf schwören, daß mir im letzten Jahrzehnt nicht eine einzige Zeile Text unter die Augen kam, verfaßt von einem, der sich als Typograph zu erkennen gegeben und diese Befürchtung mit mir geteilt hätte. Nun stehen sie alle stramm in einer Reihe, die Typographen, welche sich selbst gerne auch als „Typo-Designer“ bezeichnen, und rufen aus: Das Versal-Eszett ist da!

Nichts gegen das Versal-Eszett; aber alles gegen das Versal-Esszett! Nichts gegen die SPAßVÖGEL unter den Typographen und deren unfreiwillige Späße: Anstatt „daß“, schreiben sie „dass“ und meinen womöglich „das“.
zuletzt bearbeitet 24.05.2007 22:16 | nach oben springen

#3

RE: Das kleine Esszett soll groß herauskommen

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 25.05.2007 09:18
von Frau Musterfrau • 33 Beiträge
Wenn es denn unbedingt ein großes "ß" geben soll, würde mir spontan das große Sigma (Σ) einfallen. Das Zeichen entspricht dem Laut des griechischen scharfen s und ist auch schon aus der Mathematik bekannt.
zuletzt bearbeitet 25.05.2007 09:18 | nach oben springen

#4

RE: Das kleine Esszett soll groß herauskommen

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 25.05.2007 09:39
von Moderator • 127 Beiträge

Zum Nachlesen: Das Heft "Signa" Nr. 9.

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#5

RE: Das kleine Esszett soll groß herauskommen

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 25.05.2007 11:41
von Fritz-Franz • 675 Beiträge
Nach den neuen Rechtschreibregeln würde man – unter Verwendung von Majuskeln – trotzdem

ESSSTÄBCHEN

schreiben.

Davon abgesehen, ob das ß aus ſ+s oder aus ſ+z zusammengefügt ist: das im Heft Signa abgebildete Versal-Eszett erinnert mich an die Kombination von ſ+3.
zuletzt bearbeitet 25.05.2007 12:09 | nach oben springen

#6

RE: Das kleine Esszett soll groß herauskommen

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 02.06.2007 02:04
von Fritz-Franz • 675 Beiträge

Ich hatte es verloren, das Argument gegen das Versal-Eszett. Lange suchte ich vergeblich danach und war schon beinahe am Verzweifeln.

David Weiers sagte:

„Wenn es kein versales Lang-s gibt, kann es auch kein versales ß geben.“

Das war es, was ich den Befürwortern des Versal-Eszetts sagen wollte.

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#7

RE: Das kleine Esszett soll groß herauskommen

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 08.06.2007 06:42
von AndyOSW • 631 Beiträge

Zumal die abgebildeten Vorschläge des Versal-ß aussehen wie normale ß. Oberlänge bleibt eben Oberlänge. Die Unterscheidung müsste wie beim L stattfinden, das auch in seiner Minuskelform eine Oberlänge besitzt.

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#8

Rezept

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 08.06.2007 17:39
von Fritz-Franz • 675 Beiträge

In Antwort auf:
ssspeisen müssen wir wegen der Essstörungen mit Süssstoff süssen.

Karin Pfeiffer-Stolz

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#9

RE: Rezept

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 08.06.2007 18:04
von AndyOSW • 631 Beiträge
In korrekter Rechtschreibung (Deutschland) hieße es aber "ßspeisen müssen wir wegen der Essstörungen mit Süßstoff süßen." Oder habe ich jetzt was verpasst?

Nachtrag: Sehe gerade, dem Verweise folgend, dass es sich um einen Disput über die ß-lose Schweizer Schreibung handelt...
zuletzt bearbeitet 08.06.2007 18:06 | nach oben springen

#10

RE: Rezept

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 08.06.2007 18:15
von Fritz-Franz • 675 Beiträge
Man müßte sich den Satz in Versalien vorstellen – ohne Salz und Zucker, und ohne wenn und dass.

Gesetzt den Fall, es gäbe und gälte (in Deutschland) ein Versal-Eszett. Da die Schweizer nicht einmal ein mageres kleines Eszett akzeptieren, würde der Satz – in prächtigen Versalien über dem Portal des Bundeshauses gemeißelt – so aussehen:

SSSPEISEN MÜSSEN WIR WEGEN DER ESSSTÖRUNGEN MIT SÜSSSTOFF SÜSSEN.

Ergänzung: Man weiß, wenn man es weiß, daß der heute noch (zu Recht) hochgeschätzte, hochverehrte Typograph Jan Tschichold für die universelle, generelle, konsequente Kleinschreibung eintrat. Was würde er wohl heute zu der von (ihm verwandten) liebenswerten Spinnern erhobenen Forderung nach einem Versal-Eszett meinen, sagen und schreiben? Er, der die Ligatur des „Eszetts“ erwiesenermaßen falsch herleitetete bzw. zusammensetzte?
zuletzt bearbeitet 08.06.2007 20:23 | nach oben springen

#11

ß

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 08.06.2007 20:51
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge
Hach, isset nich herrlich?

Zuerst re-formiert man eine etablierte und halbwegs funktionierende Rechtschreibung, aber anstatt den Probleme bereitenden Buchstaben "ß" ganz abzuschaffen, verändert man nur die Regeln, wodurch nichts vereinfacht wird, sondern die Problemzonen nur verschoben werden. Simplifizierungseffekt Null. Damit nicht genug: nun führt man auch noch einen neuen Buchstaben ein, auf daß niemand Masse und Maße miteinander verwechsele: denn dies könnte ja etwa bei Atomphysikern am Teilchenbeschleuniger oder in Kernkraftwerken zu den übelsten Konsequenzen führen, wenn da ein Homer Simpson aufgrund eines falschen Buchstabens den falschen Knopf drückt.

Nun aber wird aber niemand mehr an Süßstoffüberdosierung dahinscheiden, auch nicht großgedruckt: da ist ein Gewinn.

Zuerst nehmen wir also den Zucker aus der Cola, dann haben wir kalorienfreie Cola light mit Süßstoff (oder Süssstoff mit drei S?? - auch falsch, denn süß ist eine lange Silbe, also nach neuer wie alter RS mit "ß"), und dann muß wieder Zucker rein, auf daß sich niemand an großgeschriebener Cola verschlucke, oder wie.

Nee, watten Theater mit TH.
zuletzt bearbeitet 09.07.2007 22:48 | nach oben springen

#12

großes ß

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 09.07.2007 22:33
von gnomus • 62 Beiträge
Das war nur ein Test, klappt ja tatsächlich mit dem Anhängen eines Bildes.
@Schamane: Ist ja wirklich kinderleicht, aber mit dem Link http://www.imageshack.com/ hast Du mich etwas irritiert.
Also, ich wollte Euch nur mal zeigen, wie besagter Duden aussah.
In Antwort auf:
In den 1950er Jahren zierte das große ß bereits den GROßEN DUDEN der DDR. "Aber das ist wieder eingeschlafen", berichtet der Leipziger Typograph Andreas Stötzner.

Mein erstes Exemplar hatte meine Frau sofort entsorgt, als der erste deformierte Duden erschien. Zum Glück hatte ich noch das Exemplar meines Vaters bekommen, der anfangs trotz meiner Hinweise auch für die "Reform" war.
An dem alten Duden finde ich besonders wertvoll, daß trotz der lateinischen Buchstaben sogar noch die alten S-Regeln berücksichtigt werden: Ein rundes s wird als s dargetellt.
Angefügte Bilder:
Aufgrund eingeschränkter Benutzerrechte werden nur die Namen der Dateianhänge angezeigt Jetzt anmelden!
 Scannen0002.jpg 
zuletzt bearbeitet 09.07.2007 22:54 | nach oben springen

#13

RE: großes ß

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 09.07.2007 22:49
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge

Wenn man das Bild anklickt, erscheint es größer in einem neuen Fenster.

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#14

RE: großes ß

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 09.07.2007 23:15
von gnomus • 62 Beiträge

Wieder was gelernt :-)

Aber um nochmal auf Deinen Beitrag zum ß zurückzugehen: Ich bin gegen die Abschaffung des ß, ich würde sogar die Einführung des zugehörigen Großbuchstabens begrüßen. Jetzt werde ich mein Inkognito doch zur Hälfte aufgeben: Mein Nachname ist "Heß", in meiner alten Heimat ein sehr häufiger Name, vielleicht gleich nach "Schmidt". Seit dieser unseligen Reform wird er immer öfter wie "Heeß" ausgesprochen, erst vorgestern wurde ich im Wartezimmer so aufgerufen. Wenn das ß abgeschafft würde, wüßte in ein paar Jahren kaum noch jemand, was dieser Buchstabe bedeutet. Dann bin ich, wie vor einigen Jahren im Ausland, der "Herr Heb".
@Fritz-Franz: wie funktioniert das überhaupt in der Schweiz, behalten Namen (auch Ortsnamen) ihr ß, oder werden sie gnadenlos umbenannt? Müßte ich mir dort gar meine Geburtsurkunde ändern lassen?
Und leider war bei uns die Aufklärung über die neuen (künstlichen) ß-Regelungen ja sehr mangelhaft. Eine Folge davon ist, daß es bei uns in der Kantine "Klösse mit Sosse" gibt. Zum Glück schmeckt das Essen trotzdem, man muß es also nicht als "Frass" bezeichnen.

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#15

RE: großes ß

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 10.07.2007 14:27
von Fritz-Franz • 675 Beiträge

An Gnomus: Im „TwixTel“ (dem Telephonnummernverzeichnis der Schweiz auf CD-ROM) findet sich weder unter „Namen“ noch „Ortschaften“ ein Eintrag mit Eszett; auch nicht in den mir zugänglichen gedruckten Verzeichnissen von Basel-Stadt und Basel-Land. Dein Familienname ist ihnen mit „ss“ gedruckt. Wie Dein Familienname in Ausweisen geschrieben würde, wenn … hat mir soeben das Basler Paßbüro mitgeteilt. Mit Eszett!

Gruß von Fritz-Franz

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