#16

RE: Lehrer und neue Rechtschreibung

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 12.07.2009 17:33
von Laurissa • 30 Beiträge

Zitat von AndyOSW
... ich komme damit einigermaßen gut zurecht, besonders mit der Adelungschen S-Schreibung. Sollte eine Bundesregierung Ihrer Fasson sie wieder rückgängig machen, könnte ich damit leben. [...]

Im Gegenschluss könnte ich natürlich - Ihrer Sichtweise entsprechend - folgern, dass ein Befürworter der Rechtschreibung von 1901 kaiserhörig sei...


Sie wollen es einfach nicht kapieren, oder? 1901 wurde im wesentlichen das kodifiziert, was sich seit Adelung (1782) im Volk herausgebildet hatte. 1996 führte man archaische Schreibweisen wieder ein, die nicht dem Stand der natürlichen Sprachentwicklung - und somit nicht dem Sprachgefühl der Menschen - entsprachen. Die Reform von 1996 ist somit nicht vergleichbar mit den Ergebnissen der Orthographischen Konferenz von 1901. Die kodifizierte Rechtschreibung verfügte , bis auf wenige Ausnahmen, über eine große "Volksunterlage". 1996 versuchte man hingegen, dem Volk unnatürliche, ahistorische Schreibweisen aufzuzwingen. Demokratisch konnte die Reform von 1996 somit gar nicht sein. In einem widerwärtigen Überrumpelungsmanöver setzten die überforderten Kultusminister die Refom durch. Dabei ging es ihnen nicht darum, die Schreibung des Deutschen behutsam an durch Sprachwandel bewirkte Veränderungen anzupassen. Man machte das Gegenteil: Man versuchte mit allen Mitteln, einen Sprachwandel zu diktieren - von oben herab und ohne Sinn und Verstand.

Wenn Sie die Reform von 1996 historisch einordnen wollen, dann sollten Sie sich lieber einmal mit den Plänen des NSDAP-Reichserziehungsministers Bernhard Rust befassen. Er wollte 1944 die Rechtschreibung im wesentlichen so verschlimmbessern, wie es dann 1996 tatsächlich gemacht wurde. Auch Rust wußte, daß die von ihm geplante Rechtschreibung nicht auf Zustimmung des Volks stoßen würde und daß man sie ihm deshalb aufzwingen müßte - als vollendete Tatsache sozusagen.

Die Rechtschreibreform von 1996 steht sowohl politisch als auch sprachwissenschaftlich in der Tradition von 1944. Nachlesen kann man das z. B. in dem Buch "Rechtschreibreform und Nationalsozialismus" von Reinhard Markner. Bezeichnenderweise werden die nationalsozialistischen Wurzeln der Rechtschreibreform von 1996 in offiziellen Überblicksdarstellungen meist nicht erwähnt. In der kleinen Rechtschreibchronik des 'Wahrig' tut man so, als hätte es Rust nicht gegeben. Und in den meisten Handreichungen, die von Bildungsministerien herausgegeben werden, fehlt die Zeitspanne von 1933 bis 1945 ebenfalls.

Die s-Schreibung nach Adelung wurde 1996 abgeschafft. Amtlich schreibt man heute nach Heyse. Die Heysesche s-Schreibung galt übrigens von 1876 bis 1901. Man ersetzte sie 1901 dann wieder durch die Adelungsche, wiel man erkannt hatte, wie fehlerträchtig die Heysesche war.

Das mag z. B. auch daran liegen, daß es kaum jemandem gelingt, die neue s-Schreibung ohne Rückgriff auf die alte (nach Adelung) zu erklären. In einer offiziellen Lehrerhandreichung, herausgegeben vom Ministerium für Bildung in Rheinland Pfalz hieß es: "Nach Kurzvokal schreibe man nun ss." Irgendwann fiel den Beamten im Ministerium dann wohl auf, was für einen Unfug sie da verzapft hatten, denn nach der genannten Regel müßte man dann natürlich auch desswegen, Missthaufen, Buss, Kommunissmuss, Geheimniss, Iltiss, Luxuss und Atlass schreiben. Folglich modifizierten sie ihre "Regel" ein wenig:

"Nach Kurzvokal ersetze man das ß durch ss."


Soso, man muß also die alte Regelung kennen, wenn man die neue anwenden will ...








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#17

RE: Lehrer und neue Rechtschreibung

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 12.07.2009 19:37
von AndyOSW • 631 Beiträge

Zitat von Laurissa
Sie wollen es einfach nicht kapieren, oder?

Was muss ich kapieren? Dass Sie die Frage der Rechtschreibreform mal in der einen, dann in der anderen Richtung wortreich ideologisieren wollen?

Für mich bedeutet die Rechtschreibung "richtig schreiben", das heißt nach den derzeit gültigen Regeln. Mehr nicht. Regeln ändern sich ab und an, die Straßenverkehrsregeln auch. Ich muss mich trotzdem an beide halten. An die Straßenverkehrsregeln, um keine Bußgelder zu bezahlen oder das Leben zu verlieren. Und an die Rechtschreibregeln, weil mein Arbeitgeber das von mir verlangt. Da ist es mir vollkommen wurscht, auf wessen Initiative welche Rechtschreibregel wann ins Leben gerufen, verworfen, wieder aufgegriffen und letztendlich unvollständig umgesetzt wurde. Setzt sich eine Regelung nicht durch, benutzt sie keiner.

Ich persönlich finde die jetzige ß-Regelung einfacher und logischer, da auf der Standardaussprache beruhend. Da muss ich nicht unbedingt wissen, wie es vorher geschrieben wurde, wie Sie es darstellen.

Nachtrag:

Ich schrieb gestern:
Zitat von AndyOSW
Ich verteidige die Rechtschreibregeln von 1996 nicht, sie sind da, ich komme damit einigermaßen gut zurecht, besonders mit der Adelungschen S-Schreibung.
(nachträgliche Hervorhebung durch mich)

Das war ein Lapsus meinerseits, ich meinte natürlich die Heisesche s-Schreibung. Da mich persönlich nur die Schreibung, aber nicht der Urheber der Schreibung interessiert, verwechselte ich die Namen. Ich bitte um Entschuldigung.


zuletzt bearbeitet 12.07.2009 19:46 | nach oben springen

#18

RE: Lehrer und neue Rechtschreibung

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 13.07.2009 22:49
von JF-Leser • 7 Beiträge

Die Rechtschreibreform besitzt keinen Gesetzescharakter. Jeder kann so schreiben, wie er will. In Behörden und Schulen wurde die sogenannte neue Rechtschreibung durch Verwaltungsvorschriften in Kraft gesetzt.

Es ist unerheblich, was die Rechtschreibung für Sie persönlich bedeutet. Sprachwissenschaftlich gesehen, verfolgt eine Norm der Schreibung den Zweck, den Menschen das Lesen zu erleichtern. Eine sinnvolle Rechschreibung muß sich somit vor allem an den Bedürfnissen der Leser orientieren. Aspekte wie z. B. eine leichte Erlernbarkeit sind zweit- oder drittrangig, da jeder Mensch in seinem Leben viel mehr liest als schreibt.

Die Adelungsche s-Schreibung hat in diesem Sinne den großen Vorteil, daß sie durch die Überlänge des ß die Wortbildungsfuge sichtbar macht (z. B. "Verschlußsache" statt "Verschlusssache", "Meßergbnis" statt "Messergebnis"). Auch die im Deutschen übliche Zusammenschreibung von Wörtern wie "freisprechen" oder "heiligsprechen" soll vor allem die schnellere Erfassung beim Lesen ermöglichen. Da man die Wörter als ein Wort ausspricht, ergibt es schlicht keinen Sinn, sie gewaltsam auseinanderzureißen (wie 1996 versucht).

Die ursprüngliche Rechtschreibreform (von 1996) sah vor, das Wort 'heiligsprechen' fortan getrennt, 'freisprechen' aber weiterhin zusammen zu schreiben. Begründet wurde die ahistorische Getrenntschreibung von 'heiligsprechen' mit der Adjektivendung -ig. Angesprochen auf die Frage, was die Adjektivendung -ig mit der Getrenntschreibung von Verben zu tun hätte, antwortete der für diesen Unfug verantwortliche Professor: "Nichts. Aber besser eine willkürliche Regel als gar keine."

Was zuvor problemlos funktioniert hatte, wurde von der Rechtschreibkommission unnötig verkompliziert.

Das gilt z. B. auch für die Kommasetzung. Im Zuge der Rechtschreibreform wurden viele Kommaregeln "liberalisiert". In der Praxis führte die Einführung vieler kann-Bestimmungen zu einer Aufblähung der Regeln. In Kinderbüchern wurden viele wichtige Kommas, die das Lesen erleichtern, plötzlich einfach weggelassen. Somit wurden ganze Sätze unleserlich. Beispiele hierfür kann ich bei Interesse liefern.

Ich habe Anfang der 90er Jahre gelernt, bei erweiterten Infinitiven grundsätzlich ein Komma zu setzen. Man konnte früher im Prinzip mit einem einzigen Satz die gesamte Kommasetzung bei erweiterten Infinitiven abdecken.

Heute macht man das Komma abhängig von etlichen anderen Faktoren, die Schüler verwirren müssen. Geht dem Infinitv ein Verb voraus, muß man kein Komma setzen. Geht dem Infintiv hingegen ein Substantiv oder ein Verweiswort wie z. B. "es" oder "daran" voraus, ist das Komma obligatorisch.

Im Deutschbuch "Deutsch-Ideen" (Jahrgangsstufe 9) und in einer etwas älteren Ausgabe des Deutschbuchs von Cornelsen füllen die Kommaregeln zu den erweiterten Infintiven über eine Seite. Man setzt den Schülern Regeln vor, die selbst ein Deutschlehrer dreimal lesen muß, um sie zu verstehen. In der aktuellen Ausgabe des Deutschbuchs von Cornelsen hat man erkannt, das die von der Rechtschreibreform vorgesehenen Kommaregeln kontraproduktiv sind. Nun empfiehlt man dort, einfach überall ein Komma zu setzen.

Neben der Erfassungsfunktion soll eine normierte Schreibung natürlich auch sicherstellen (nicht: sicher stellen, wie 1996 vorgesehen), daß Texte über einen längeren Zeitraum lesbar bleiben. Sich als Schreiber einer Norm anzupassen, bedeutet daher auch, daß Texte über einen längeren Zeitraum lesbar bleiben.

Rechtschreibregeln kann man nicht wie Konfektionen oder Verkehrsregeln nach Belieben ändern. Wer gewaltsam in die natürlich gewachsene Rechtschreibung eingreift, zerstört das Sprachgefühl der Menschen. Die Reform von 1996 hat dazu geführt, daß Texte heute schlechter lesbar sind als davor.

Die deutsche Sprache ist in vielen Jahrhunderten wie ein Organismus gewachsen. Betrachten Sie die Rechtschreibung als Haut dieses Organismus. Wer die Haut angreift, beschädigt auch den Organismus. Die Norm einer Schreibung kann daher nicht staatlich verordnet werden. Sie muß behutsam den Veränderungen angepaßt werden, die sich im Sprachgebrauch - von unsichtbarer Hand geleitet - ergeben.

Vor 1996 hat die DUDEN-Redaktion maßvoll die Änderungen aufgezeichnet, die sich zuvor im Schreibgebrauch der Menschen ergeben hatten. Die Regeln folgten immer dem Brauch.

Ein guter Grammatiker sagt nicht, wie etwas sein soll, sondern wie etwas ist. Er beobachtet, erklärt, wie etwas ist, schreibt aber nicht vor, wie etwas seiner Meinung nach sein solle. Dieses Grundprinzip, das Johann Christoph Adelung bereits Ende des 18. Jahrhunderts formuliert hatte, verließen die Rechtschreibreformer 1996. Sie griffen gewaltsam in eine gewachsene Norm ein und sorgten so dafür, daß sich die Menschen von ihrer Spracher entfremdeten.

"Ich persönlich finde die jetzige ß-Regelung einfacher und logischer, da auf der Standardaussprache beruhend."

Auch in diesem Punkt haben Sie keine Ahnung. Die Standardaussprache ist als Kriterium für die s-Schreibung ungeeignet. Wie ich bereits dargelegt habe, verführt die Heysesche s-Schreibung zu Übergeneralisierungen (z. B. Globuss, Kisste, Geheimniss). Solche Schreibweisen finden Sie heute in vielen Schülerarbeiten. Nach deutscher Standardaussprache ist der Vokal in diesen Wörtern kurz. Dennoch schreibt man ein einfaches s. Die s-Schreibung allein über die Aussprache zu erklären, ist ein heilloses Unterfangen. Adelung war da 1782 klüger. Er orientierte sich bei der Verfassung seiner s-Schreibung an syllabischen Strukturen.

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#19

RE: Lehrer und neue Rechtschreibung

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 13.07.2009 22:49
von JF-Leser • 7 Beiträge

P.S. Ich habe einen neuen Nicknamen, da mein alter hier nicht mehr akzeptiert wird. Wenn ich mich einlogge, loggt der Internet Explorer mich sofort wieder aus.

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#20

RE: Lehrer und neue Rechtschreibung

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 14.07.2009 00:16
von Administrator • 80 Beiträge

Zitat von JF-Leser
P.S. Ich habe einen neuen Nicknamen, da mein alter hier nicht mehr akzeptiert wird. Wenn ich mich einlogge, loggt der Internet Explorer mich sofort wieder aus.
Versuchen Sie, sich unter "Laurissa" ein neues Kennwort zu holen und befolgen Sie die Anleitung unter http://www.deutsches-sprachforum.de/t482...-Kennworts.html. Das Anmelden unter http://www.deutsches-sprachforum.de könnte in nächster Zeit, wenn nicht für immer, Schwierigkeiten machen. Dass es früher ging, verwunderte den Geschäftsführer der Miranus GmbH:
Zitat von Johannes Voß
Die Möglichkeit eine Domain auf diese Art auf das Forum aufzuschalten war nie dokumentiert und offiziell unterstützt. Auf eventuelle Fehler können wir daher keine Rücksicht nehmen.
Ich hoffe auf ihr Verständnis - gerade auch, da wir die Domains bei uns zum Einkaufspreis von nur 5,50 Euro / Jahr anbieten.


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#21

RE: Lehrer und neue Rechtschreibung

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 14.07.2009 00:27
von AndyOSW • 631 Beiträge

Wieder einmal viel Text, aber zum Punkt:

Zitat von JF-Leser
"Ich persönlich finde die jetzige ß-Regelung einfacher und logischer, da auf der Standardaussprache beruhend."

Auch in diesem Punkt haben Sie keine Ahnung. Die Standardaussprache ist als Kriterium für die s-Schreibung ungeeignet. Wie ich bereits dargelegt habe, verführt die Heysesche s-Schreibung zu Übergeneralisierungen (z. B. Globuss, Kisste, Geheimniss). Solche Schreibweisen finden Sie heute in vielen Schülerarbeiten. Nach deutscher Standardaussprache ist der Vokal in diesen Wörtern kurz. Dennoch schreibt man ein einfaches s. Die s-Schreibung allein über die Aussprache zu erklären, ist ein heilloses Unterfangen. Adelung war da 1782 klüger. Er orientierte sich bei der Verfassung seiner s-Schreibung an syllabischen Strukturen.

Sie haben mich missverstanden, ich habe nicht gemeint, dass die jetzt gültige s-Schreibung die Aussprache bestimmt, sondern dass sie ihr folgt.

Ihr Beispiel "Kisste" geht gegen den Baum, da das "st" selbst ein Doppelkonsonant ist, der den Vokal davor verkürzt, oder?
Globus ist kein deutsches Wort, folgt also auch keinen deutschen Rechtschreibregeln.

Geheimnis, Gleichnis usw. wurden vor Einführung einer genormten Rechtschreibung (und teilweise danach auch noch) mit ß am Ende geschrieben, warum wohl? Die Mehrzahlen davon heißen ja auch Gleichnisse, Geheimnisse usw.

Was regen wir uns eigentlich über die Rechtschreibung und ihre zyklischen Reformen auf, Sie sagten doch so schön:
Zitat von JF-Leser
Jeder kann so schreiben, wie er will.
Dann machen Sie's, ich mache es auch.


zuletzt bearbeitet 14.07.2009 12:23 | nach oben springen

#22

RE: Lehrer und neue Rechtschreibung

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 14.07.2009 12:45
von JF-Leser • 7 Beiträge

Zitat von Administrator
Versuchen Sie, sich unter "Laurissa" ein neues Kennwort zu holen ...


Das habe ich mehr probiert. Nach dem Einloggen mit neuem Paßwort werde ich, sobald ich einen Beitrag schreiben will, ausgeloggt, und dann funktioniert auch das Interimspaßwort nicht mehr.

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#23

RE: Lehrer und neue Rechtschreibung

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 14.07.2009 13:05
von Administrator • 80 Beiträge

Das zeitweilige Kennwort muss sofort geändert werden, deshalb wird man nach der Anmeldung über http://107228.homepagemodules.de (ganz wichtig) auch sofort auf die Seite "Einstellungen" verzweigt. Ist das Kennwort geändert, sollte alles so gehen wie gehabt.

Was auf alle Fälle helfen, aber nicht schaden sollte: Cache und Cookies vom IE löschen, vielleicht hat sich da eine alte Einstellung verhakt zu finden über Internetoptionen -> Allgemein -> Browserverlauf -> Löschen...).


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#24

RE: Lehrer und neue Rechtschreibung

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 14.07.2009 13:45
von JF-Leser • 7 Beiträge

In Antwort auf:
Sie haben mich missverstanden, ich habe nicht gemeint, dass die jetzt gültige s-Schreibung die Aussprache bestimmt, sondern dass sie ihr folgt.


Ich habe Sie nicht mißverstanden. Die Heysesche s-Schreibung wurde 1996 mit der Behauptung (wieder)eingeführt, daß die Schreibung der Aussprache folge und deshalb für Schüler leichter erlernbar sei. Die Annahme, daß die Schreibung der Aussprache folgen müsse, vertrat übrigens auch der NSDAP-Reichserziehungsminister Bernhard Rust. Er wollte die Schreibung des Deutschen der (mündlichen) Führerrede annähern.

Übrigens:

In vielen älteren Grammatiken (17./18. Jahrhundert) wird unbewußt die Auffassung vertreten, daß sich mündliche Hochsprache an der Schreibung orientieren solle. Die Annahme, daß die Schreibung einer Sprache etwas Zweitrangiges sei, ist unhaltbar. Gerade in einer Kulturnation, die ihr Wissen schriftlich konserviert, sollte man die Schreibung nicht zu etwas latent Unbedeutendem herabstufen.

In Antwort auf:
Ihr Beispiel "Kisste" geht gegen den Baum, da das "st" selbst ein Doppelkonsonant ist, der den Vokal davor verkürzt, oder? Globus ist kein deutsches Wort, folgt also auch keinen deutschen Rechtschreibregeln.


Das wissen Sprachwissenschaftler. Schülern, für die diese Reform ja eigentlich gemacht wurde, sind solche Überlegungen aber fremd. Ihnen bringen viele Lehrer, die die Systematik der s-Schreibung selbst nicht verstehen, bei, daß die s-Schreibung nun ganz einfach sei, weil man ja nur noch eine einzige Regel kennen müsse: "Nach Kurzvokal folgt nun Doppel-s." Diese "Regel" funktioniert aber nur sehr eingeschränkt, nämlich unter Berücksichtigung vieler Ausnahmefälle.

Daß das 'st' in 'Kiste' ein Doppelkonsonant ist, wissen Schüler nicht. Auch die Tatsache, daß es sich bei Wörtern wie 'Globus' um Fremdwörter handelt, ist hier kein überzeugendes Argument. Solche Wörter werden, da sie fester Bestandteil unserer Sprache sind und nach heimischen Phonem-Graphem-Korrespondenz-Regeln gebildet werden, nicht mehr als Wörter fremden Ursprungs wahrgenommen.

Ich bleibe somit dabei: Für einen Umlerner bzw. einen sprachlich talentierten Menschen ist die Heysesche s-Schreibung erlernbar, aber aufgrund ihrer ästhetischen lesehemmenden Defizite nicht die erste Wahl. Neulerner, denen Sprache an sich eher fremd ist, haben mit den zahlreichen Ausnahmebestimmungen zu kämpfen.

In Antwort auf:
Geheimnis, Gleichnis usw. wurden vor Einführung einer genormten Rechtschreibung (und teilweise danach auch noch) mit ß am Ende geschrieben, warum wohl? Die Mehrzahlen davon heißen ja auch Gleichnisse, Geheimnisse usw.


Wie Sie richtig schreiben: vor der Einführung einer genormten Schreibung ...

Nach Adelung ist der Fall klar: Bei der Verlängerung von 'Geheimnis' zu 'Geheimnisse' fällt das Silbengelenk in den s-Laut ('Geheimnis-se'), daher ss.

Natürlich hat auch die Adelungsche s-Schreibung ihre Tücken. Das will ich gar nicht abstreiten. Allerdings darf man nicht verkennen, daß sie die Adelungsche s-Schreibung bis 1996 durchaus bewährt hatte - bei den Lesern, aber auch bei denjenigen, die z. B. aus beruflichen Gründen viel schreiben müssen. Wortbilder waren fest etabliert. Und wenn man sich einmal nicht sicher war, schrieb man ein Wort dreimal auf ein Blatt Papier, folgte seinem Sprachgefühl und wählte so i.d.R. die richtige Schreibweise.

Dieses Sprachgefühl, das in vielen Fällen eine exakte Regelkenntnis ersetzt, wurde 1996 mutwillig zerstört. Die s-Schreibung nach Heyse führte zu Verwirrung nicht nur bei den Schülern, sondern auch bei "Berufsschreibern". Man beachtete nicht, daß die Sprache - einschließlich ihrer geschriebenen Form - ein historisch gewachsener Organismus ist und daß jedes Wort, jede sprachlich Struktur eine eigene Geschichte hat. Daß die s-Schreibung im Deutschen nicht so einfach ist, liegt u.a. daran, daß wir anders als in vielen europäischen Sprachen das stimmhafte 's' nicht durch einen eigenen Buchstaben wiedergeben.

Der zweite große Fehler der Reform war, daß man eine (vermeintliche!!!) Einfachheit über Genauigkeit stellte. Die Reform wurde gemacht für Menschen, die sich selten oder ungern der Sprache bedienen. Diese sollten es leichter haben als bisher und deshalb möglichst viel getrennt schreiben dürfen („wohl bekannt“, „so genannt“,) - ohne Rücksicht auf feine Bedeutungsunterschiede, welche die traditionelle Rechtschreibung sichtbar macht. Im Bereich der Zeichensetzung wurden die Regeln verwässert, was dazu führte daß viele Texte schlicht unleserlich wurden.

Hinter der Reform stand die absurde Idee, daß ein Regelwerk den Schwachen bzw. den Neulernern entgegenkommen müsse. Noch einmal: Eine normierte Schreibung muß sich in erster Linie an den Bedürfnissen der Leser ausrichten. Sie solle sicherstellen, daß Texte nicht nur zügig, sondern auch in ihrer Nuancenhaftigkeit erfaßt werden können. Wer für den Papierkorb schreibt, soll schreiben, wie er mag. Wer gelesen werden will, denke gefälligst an den Leser.

Günter Zehm, ehemaliger stellvertretender Chefredakteur der Tageszeitung 'Die Welt' und heute Kolumnist bei der 'Jungen Freiheit', hat die Bedeutung der Rechtschreibung für den Leser wie folgt zusammengefaßt:

"Bei weitem nicht alles, was sich mündlich leichthin sagen läßt, läßt sich mit gleicher Leichtigkeit aufschreiben. Die Schrift nimmt der Sprache, wie schon die Weisen alter Zeiten wußten, viel von ihrer Nuancenhaftigkeit, sie dünnt sie aus und mindert ihre kommunikative Kraft. Daraus aber zu schließen, daß die Schrift ein nachgeordnetes und unwichtiges Medium sei, mit dem man faktisch nach Belieben verfahren könne, wäre völlig falsch und geradezu verhängnisvoll. Genau das Gegenteil trifft zu. Da das Zeichenarsenal eines Schriftsatzes notwendigerweise geringer ist als das der gesprochenen Rede, wächst jedem einzelnen Schriftzeichen besondere Bedeutung zu. Was geschrieben steht, ist verbindlicher und archivhaltiger, das meint konsequenzenreicher als jedes gesprochene Wort. Es kann weniger schnell zurückgenommen und korrigiert werden, und folglich muß seine äußere Form in der Sprachgemeinschaft fest vereinbart sein, damit es nicht zu Mißverständnissen kommt."

Die "feste Vereinbarung", die Zehm hier betont, wurde 1996 zerstört. Man stellte die leichte Erlernbarkeit (welche die Rechtschreibreform tatsächlich ja nicht bewirkt!!!) in den Vordergrund. Dabei kann die Erlernbarkeit immer nur ein sekundärer Aspekt sein. (Ich fordere als miserabler Mathematiker ja auch nicht, die binomischen Formeln so zu "vereinfachen", daß (a+b)² nicht mehr a² + 2ab + b², sondern a² + b² ergibt.

Man stelle sich einmal vor, wie mathematische Gesetze oder juristische Definitionen aussähen, wenn man im Sinne allgemeiner Bekömmlichkeit alles Exakte und Differenzierte aus ihnen verbannte!

In Antwort auf:
Was regen wir uns eigentlich über die Rechtschreibung und ihre zyklischen Reformen auf.


Noch einmal: Man darf die Schreibung nicht als eine im Vergleich zum Mündlichen zweitrangige Äußerungsform der Sprache betrachten. Johann Christoph Adelung, der erste moderne deutsche Sprachwissenschaftler, erkannte dies schon in den 1780er Jahren:

„Eine gründliche Sprachlehre ist gewisser Maßen eine pragmatische Geschichte der Sprache; soll sie eine wahre Geschichte sein, so muß sie die Sachen nicht so vortragen, wie sie seyn könnten oder seyn sollten, sondern wie sie wirklich sind. Alle als Sprachgründe angegebene Ursachen, welche auf spitzfindige Unterschiede, auf abstracte, tiefsinnige Betrachtungen hinauslaufen, sind schon um deßwillen verwerflich, weil sie der Denkungsart des Volkes, welches Sprache schafft und nach dunkel erkannten Ähnlichkeiten [Analogien] ausbildet, nicht angemessen sind. Der Grammatiker ist nicht Gesetzgeber der Nation, sondern nur der Sammler und Herausgeber der von ihr gemachten Gesetze, ihr Sprecher und der Dollmetscher ihrer Gesinnungen. Er entscheidet nie, sondern sammelt nur die entscheidenden Stimmen der meisten. Nie läßt er sich durch Vorurtheil oder Eigenliebe verleiten, die Gesetze der Nation zu verfälschen, oder ihr seine Meinungen unterzuschieben. Er stellet die Sprache so dar, wie sie wirklich ist, nicht wie sie seyn könnte, oder seiner Einbildung nach seyn sollte.“

Adelung über mögliche Eingriffe in die Sprache, die durch Sprachwandel hervorgeru-fene Veränderungen zurückzunehmen versuchen:

„Da des Änderns und Besserns kein Ende seyn würde, so müßte in kurzem eine ganze neue Sprache heraus kommen, worin das Volk, dessen Sprache es seyn soll, sich und den ganzen Gang seiner Vorstellungen völlig verkennen würde.“


zuletzt bearbeitet 14.07.2009 14:43 | nach oben springen

#25

RE: Lehrer und neue Rechtschreibung

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 14.07.2009 14:09
von JF-Leser • 7 Beiträge

Noch ein Nachtrag:

Als die Rechtschreibreform 1996 verkündet wurde, hörte man von vielen Reformbefürworten, daß die Arbeit mit dem DUDEN fortan unerläßlich sei. In Lehrplänen und Bildungsstandard erhob man die Arbeit mit dem Rechtschreibwörterbuch sogar zur (abprüfbaren) "Kompetenz". Viele Lehrer sind heute auch der Meinung, daß die Arbeit mit einem Rechtschreibwörterbuch etwas ganz Wichtiges sei.

Daß nun vermehrt mit Rechtschreibwörterbüchern gearbeitet werden soll/muß, entlarvt bei genauerem Hinsehen, daß die Reform nicht nur gescheitert ist, sondern von Anfang an ein heilloses Unterfangen war:

Vor der Rechtschreibreform folgte ein durchschnittlich gebildeter Sprecher/Schreiber seinem gesunden Sprachgefühl - und lag damit im allgemeinen richtig. Den DUDEN brauchte man nur ganz selten selten. Während ein Schüler, der eine Fremdsprache erlernt, Sprachregeln kennen und anwenden können muß, folgt der Muttersprachler eher seinem Gefühl.

Dieses Sprachgefühl wurde 1996 zerstört. An seine Stelle sind aufgeblähte Pseudoregeln und willkürliche Einzelfallfestlegungen getreten. Schreibweisen, denen man in Milliarden Büchern begegnet, wurden von einem auf den anderen Tag für falsch erklärt. Gleichzeitig enstand eine Unsicherheit, weil man natürlich nicht wußte, welche Wörter von der sogenannten Reform betroffen sind. Dieser Umstand macht die vermehrte Arbeit mit einem Rechtschreibwörterbuch erst erforderlich. (Und um viel Geld zu verdienen, erscheint heute alle zwei oder drei Jahre eine neue Auflage, während man früher auch mit einem 20 Jahre alten Wörterbuch zurande kam.)

Die vermehrte Verwendung von Rechtschreibwörterbüchern ist das unfreiwillige (!) Eingeständnis, daß diese Reform Müll ist.

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#26

RE: Lehrer und neue Rechtschreibung

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 15.07.2009 05:54
von AndyOSW • 631 Beiträge

Zitat von JF-Leser
Daß nun vermehrt mit Rechtschreibwörterbüchern gearbeitet werden soll/muß, entlarvt bei genauerem Hinsehen, daß die Reform nicht nur gescheitert ist, sondern von Anfang an ein heilloses Unterfangen war...

Ist doch Unsinn. Ist es nicht bei jeder Regeländerung (auch vor der Rechtschreibreform von 1996) so, dass man ein aktuelles Nachschlagewerk zu Rate zieht?

Zitat von JF-Leser
Vor der Rechtschreibreform folgte ein durchschnittlich gebildeter Sprecher/Schreiber seinem gesunden Sprachgefühl - und lag damit im allgemeinen richtig. Den DUDEN brauchte man nur ganz selten selten. Während ein Schüler, der eine Fremdsprache erlernt, Sprachregeln kennen und anwenden können muß, folgt der Muttersprachler eher seinem Gefühl.

Dieses Sprachgefühl wurde 1996 zerstört. An seine Stelle sind aufgeblähte Pseudoregeln und willkürliche Einzelfallfestlegungen getreten.

Habe ich gar nicht mitbekommen, dass "mein Sprachgefühl zerstört" worden ist. Die Umstellung von alter auf neue Rechtschreibung war für mich ein Prozess, für Sie nicht? Eher nicht, denn Sie lehnen die Rechtschreibung von 1996 ja ab. Was also ein Mensch "durchgemacht" haben muss, der seit 1996 eine andere Rechtschreibung praktiziert, dürfte Ihnen eigentlich entgangen sein. Ich jedenfalls lebe noch, bin des Lesens und Schreibens (trotz "zerstörten" Sprach"gefühls") weiterhin mächtig und benutze ein aktuelles Nachschlagewerk zur deutschen Rechtschreibung, um strittige Fälle zu klären. Das war aber auch vor 1996 so.

Zitat von JF-Leser
Und um viel Geld zu verdienen, erscheint heute alle zwei oder drei Jahre eine neue Auflage, während man früher auch mit einem 20 Jahre alten Wörterbuch zurande kam.

Der Duden erschien 1901 nach der II. Orthographischen Konferenz (also der ruhmreichen Rechtschreibreform von 1901, die ohne Sonderfälle und Ausnahmen ausgekommen ist) in 7. Auflage, 1947 erschien der erste Nachkriegsduden in 13. Auflage. Das macht nach ca. 7 bis 8 Jahre pro Auflage. Von 1947 bis 1991 erschienen dann noch einmal weitere 7 Auflagen, das sind 6 bis 7 Jahre pro Auflage. Die weiteren Abstände sind 5, 4, 4, 2, 3 Jahre. Der Zweijahresabstand zur 24. Auflage erklärt sich wohl aus den Modifizierungen des amtlichen Regelwerkes der deutschen Rechtschreibung, die vom Rat für deutsche Rechtschreibung vorgenommen wurden. Die jetzige, 25. Auflage enthält keine grundlegend neuen Regeln, sondern wie in den Auflagen vor der 24. neue Wörter, die in das Nachschlagewerk aufgenommen wurden. Ein 20 Jahre alter Duden bringt mir heute nichts mehr, da dort viele Begriffe wie E-Mail, fremdschämen und Mitnahmementalität fehlen. Sprache lebt, und irgendwo müssen die neuen Wörter ja rein. Vielleicht geht es Ihnen ja anders, und Sie können sofort neue Wörter richtig schreiben, vertrauen also z.B. auf die Presse.

Zitat von JF-Leser
Die vermehrte Verwendung von Rechtschreibwörterbüchern ist das unfreiwillige (!) Eingeständnis, daß diese Reform Müll ist.

Das ist Ihre feste Meinung, die sollen Sie auch weiterhin haben. Aber Sie werden akzeptieren müssen, dass ich diese Sichtweise nicht teile.

Ein letztes Wort von mir zur Rechtschreibreform von 1996: Ich bin weit davon entfernt, die Änderungen von 1996 alle gutzuheißen, wie Sie mir vielleicht "unterstellen" mögen. Ich bin auch weit davon entfernt, mich als Spezialisten für die reformierte Rechtschreibung von 1996 zu bezeichnen. Aber die Rechtschreibung von 1901 war auch weit davon entfernt, ein Ideal darzustellen. Kompromisse gab es immer, 1901 wie 1996. Aber ich hüte mich davor, die Rechtschreibreform von 1901 als gescheitert zu bezeichnen, nur weil schon 1996 die nächste kommen musste.


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#27

RE: Lehrer und neue Rechtschreibung

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 15.07.2009 14:32
von JF-Leser • 7 Beiträge

In Antwort auf:
Ist doch Unsinn. Ist es nicht bei jeder Regeländerung (auch vor der Rechtschreibreform von 1996) so, dass man ein aktuelles Nachschlagewerk zu Rate zieht?


Ich frage mich ehrlich, mit wem ich hier rede/schreibe. Mit Doris Ahnen höchstpersönlich?

Vor 1996 hat die DUDEN-Redaktion behutsam Veränderungen im Schreibbrauch verzeichnet, aber niemals in das Regelwerk eingegriffen und Regeln neu konstruiert. Man konnte früher einen DUDEN verwenden, auch wenn er schon 20 Jahre alt war. Die Norm der Schreibung wurde einerseits konserviert, andererseits war man aber auch so flexibel, daß veränderte Schreibweisen (als Folge unmerklicher Sprachwandelprozesse) ins Wörterbuch aufgenommen wurden.

Sie scheinen zu glauben, daß es früher alle fünf Jahre eine Rechtschreibreform gegeben hat. Noch einmal: Mit Ausnahme der Vereinheitlichung 1901, als im wesentlichen das Bestehende kodifiziert wurde, gab es bis 1996 keine Rechtschreibreform im Deutschen. Jede Neuauflage des DUDEN enthielt vor 1996 einige moderate Anpassungen an veränderte Schreibgewohnheiten; aber nie kam es zu präskriptiven Eingriffen in den Usus!!! (Ich habe keine Lust, Ihnen das jetzt noch dreimal vorzukauen!)

In Antwort auf:
Habe ich gar nicht mitbekommen, dass "mein Sprachgefühl zerstört" worden ist. Die Umstellung von alter auf neue Rechtschreibung war für mich ein Prozess, für Sie nicht? Eher nicht, denn Sie lehnen die Rechtschreibung von 1996 ja ab.


Ich rede hier nicht von Ihrem persönlichen Sprachgefühl, sondern vom Usus. Wenn ich lese, was Sie hier ablassen, dann kann ich gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte! Die Rechtschreibreform von 1996 stellt einen willkürlichen Eingriff in den gewachsenen Usus dar. Man versuchte, den Menschen Schreibweisen aufzuzwingen, die über keinerlei Volksunterlage verfügten und darüber hinaus dem Usus sogar widersprachen. Man wollte Schreibweisen reaktivieren, die das Volk schon vor 150 Jahren abgelegt hatte - und das ohne staatliche Eingriffe! Was sich über einen langen Zeitraum entwickelt hatte, wollte man zerstören: Seit Jahrhunderten gibt es im Deutschen den Trend zur Zusammenschreibung. Die Reform von 1996 versuchte, diesen Trend gewaltsam zu stoppen. An solchen Angriffen auf den Organismus Sprache beteilige ich mich nicht. Und ich finde es ziemlich ekelerregend, diesen Angriff dann auch noch euphemistisch als Prozeß zu beschreiben. Die Sprache gehört dem Volk, nicht irgendwelchen Schulmeistern und Politikern!

In Antwort auf:
Ein 20 Jahre alter Duden bringt mir heute nichts mehr, da dort viele Begriffe wie E-Mail, fremdschämen und Mitnahmementalität fehlen. Sprache lebt, und irgendwo müssen die neuen Wörter ja rein.


Für den Grundwortschatz reicht ein 20 Jahre alter DUDEN allemal.

Die Rechtschreibreform hat allerdings dazu geführt, daß selbst Lehrer sich bei Schreibweisen des Grundwortschatzes nicht mehr sicher sind. Sie benötigen heute ständig ein Rechtschreibwörterbuch, weil sie sich auf ihr Sprachgefühl nicht mehr verlassen können. Bei einigen Lehrern führt das dann dazu, daß sie die Rechtschreibung noch stärker als früher als Disziplinierungsinstrument mißbrauchen und den DUDEN als zweite Bibel anbeten.

Sprache lebt, wie Sie zutreffend schreiben. Dann sollte die politische Klasse die Sprache auch leben lassen, anstatt sie zu verstümmeln. Ich habe es schon einmal geschrieben: Wer meint, regelnd in die gewachsene Sprache eingreifen zu müssen, vergißt, daß die Sprache die einzige Institution ist, in der die Demokratie schon immer geherrscht hat. Haben Sie doch einfach mal ein bißchen Vertrauen in das Volk. Die Politik muß in Deutschland nicht alles regeln!

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#28

RE: Lehrer und neue Rechtschreibung

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 15.07.2009 15:54
von AndyOSW • 631 Beiträge

Ich weiß nicht, was Sie von mir konkret wollen. Sie drehen mir die Worte im Munde herum, behaupten Sachen, die ich so nicht gesagt, geschweige denn gemeint habe usw.

Soviel ich weiß, habe ich die ganze Zeit von den Rechtschreibreformen von 1901 und 1996 geschrieben. Jetzt kommen Sie daher und behaupten, ich würde "glauben, dass es früher alle fünf Jahre eine Rechtschreibreform gegeben hat." So etwas habe ich nie durchblicken lassen, also was soll der Unsinn?

Dann behaupten Sie wieder, es hätte vor 1996 keine Rechtschreibreform gegeben? Und behaupten, 1901 wäre nur "das Bestehende kodifiziert" worden? Die Heisesche s-Schreibung aber gab es z.B. schon seit 1879 in Österreich, wurde dort aber 1901 zugunsten der Adelungschen s-Schreibung abgeschafft. Wenn das damals keine Reform war, weiß ich auch nicht.

Sie postulieren wiederum, die Sprache gehöre dem Volk, nicht den Politikern. Da gehe ich 100%ig mit, etwas anderes habe ich nie behauptet.

Aber die Sprache erklären, beschreiben, Regeln zur Rechtschreibung schaffen, dass sollte doch wohl Fachleuten vorbehalten sein, wie Orthographen, Linguisten usw. Wenn die sich dann nicht einig sind, müssen Kompromisse gefunden werden, bis etwas steht. Einführen müssen es natürlich die Politiker, da haben Sie recht, wenn Sie ihnen eine gewisse Verantwortung zuschieben. Man darf natürlich auch nie vergessen, was die 1901er Reform gerade in Berlin "angerichtet" hat. Durch die Z/C/K-Regel gab es auf einmal einen "Kottbusser Platz", Cöpenick und Carlshorst wurden kurzerhand zu "Köpenick" und "Karlshorst". Soweit zu den Auswirkungen von Beamtenübereifrigkeit im Gefolge der 1901er Reform...

Man kann natürlich auch die Hände in den Schoß legen und alles beim Alten lassen. Besser fand ich persönlich das Alte nicht, man war es nur so gewohnt. Und nochmals: Es ist mir egal, wer in Ihren Augen Recht hat, Adelung oder Heise. Ich persönlich finde die ß-Regeln nach Heise logischer. Sie dürfen, das wie gesagt anders sehen, "bekehren" werden Sie mich so nicht.

Warum also immer wieder Dutzende von Zeilen, die mich von was weiß ich "überzeugen" sollen? Was ist der Zweck des Ganzen?

Es ist vergebliche Liebesmüh'.

P.S. Bevor Sie sich wieder irgendwo "verbeißen" ein abschließendes Wort. Ich bin kein Befürworter der Rechtschreibreform von 1996, nicht so, wie Sie ein Gegner zu sein scheinen. Ich benutze die jeweils gültige Rechtschreibung. Wenn sie neu ist, muss ich sie eben lernen. Wenn neue Regeln für mich einfacher sind, dann muss ich das auch wertfrei sagen dürfen. Sie dürfen selbstverständlich anderer Meinung sein, aber ich wiederhole mich.


zuletzt bearbeitet 15.07.2009 16:02 | nach oben springen

#29

Berliner Morgenpost: Duden gegen Wahrig - Die Rechtschreibreform ist endgültig gescheitert

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 03.08.2009 17:38
von AndyOSW • 631 Beiträge

Die Berliner Morgenpost aus dem Hause Springer meint:

Duden gegen Wahrig: Die Rechtschreibreform ist endgültig gescheitert
Montag, 3. August 2009 09:13 - Von Dankwart Guratzsch

Alles auf Kosten der Schüler: Die Unterschiede in den Neuausgaben von Duden und Wahrig beweisen schmerzhaft, dass die Rechtschreibreform komplett gescheitert ist. Ihr Ziel, die Rechtschreibung zu vereinfachen, hat sie vor allem bei den Heranwachsenden völlig verfehlt.

Im verflixten 13. Jahr nach der umstrittenen Rechtschreibreform legen Duden und Wahrig parallel zwei neue deutsche Wörterbücher vor - und bescheinigen damit ungewollt der größten Umstellung der deutschen Schriftsprache seit Konrad Duden ihr völliges Scheitern.

Denn statt einer gemeinsamen Orthographie - also Richtigschreibung - für das Deutsche präsentieren sie zwei. Das bereits bestehende Rechtschreibchaos wird dadurch fortgeschrieben - und der von der Kultusministerkonferenz (KMK) zur Koordination eingesetzte Rat für deutsche Rechtschreibung schweigt.

Das Pikante an der Sache: Wahrig und Duden erscheinen neuerdings quasi unter einem Dach: Der neue Herr im Bibliographischen Institut, dem Hausverlag des Duden, ist derselbe Verlag Cornelsen, der mit Bertelsmann auch den Wahrig herausbringt.

Wenn also hätte bewiesen werden sollen, dass die linke Hand nicht mehr weiß wie die rechte schreibt, dann hätte man kein besseres Arrangement dafür erdenken können. Doch der Vorsitzende des Rates, der frühere bayerische Wissenschaftsminister Hans Zehetmair, hat von den Diskrepanzen zwischen beiden Wörterbüchern offenbar noch nichts gemerkt. "Gibt es die?", fragte er unlängst in einem Zeitungsinterview - und bewies damit, dass er die Arbeit der Wörterbuchredaktionen keineswegs verfolgt hat.

Denn es gibt diese Diskrepanzen zuhauf, und das, obwohl dem Rat vor drei Jahren aufgetragen worden war, das durch die Reform angerichtete Chaos zu entwirren. Wenn sich der "Rat" damit überfordert fühlt, so hätte er sich Hilfe holen müssen, etwa bei der Berliner Forschungsgruppe Deutsche Sprache, die in einer ersten Übersicht 350 Abweichungen aufgelistet hat.

Soll man laut Duden zum Beispiel "bei Weitem" schreiben, so schließt sich Wahrig "bei weitem" noch nicht an. Hält der Duden an der "bismarckschen" Sozialgesetzgebung fest, meint man bei Wahrig, mit den amerikanisch verfremdeten "Bismarck'schen" Sozialgesetzen besser zu fahren. Und so geht es munter weiter: "Schimäre" oder "Chimäre", "tschau!" oder "ciao!", "Kortison" oder "Cortison", "dahin gehend" oder "dahingehend", "Kakofonie" oder "Kakophonie!", "seit Neuestem" oder "seit neuestem", "Play-back" oder "Playback", "Große Koalition" (für den Duden immer, für Wahrig nur von 1966-1968), "große Koalition" (für den Duden nie, für Wahrig von 1928-1930) - in beiden Redaktionen herrscht offenbar vollkommene Konfusion über das, was laut Rechtschreibreform "richtig" oder "falsch" ist und was, ganz unabhängig von richtig und falsch "allgemeiner Usus" (also Schriftgebrauch) ist. Aber Ratschef Zehetmair findet "kein Unbehagen" dabei. "Ich habe kein Problem mit Wahrig, der den jetzigen Stand der Orthografie wiedergibt."

Tut er das wirklich? Der "Münchner Merkur" rät zu einem Blick ins Internet: 69 Prozent der Internet-Nutzer schreiben Gemse - und nicht Gämse, wie die Reformer wollten; 72 Prozent ziehen "selbständig" dem reformierten "selbstständig" vor, "und wer das neudeutsche 'Spagetti' eingibt, wird vom Computer wie selbstverständlich gefragt: ,Meinten Sie: Spaghetti?'"

Wenn die KMK dem famosen Rat die Aufgabe gestellt hat, die Schreibweise dem Schriftgebrauch anzupassen, hätte Zehetmair unverzüglich tätig werden und die neuen Unsinnsschreibungen diesem "allgemeinen" Gebrauch anpassen (also zurücknehmen) müssen.

Stattdessen bekennt sich der Oberverweser der neuen deutschen Schriftsprache zur altersweisen Untätigkeit: "Der Rat wird intensiv in der Stille arbeiten und die Sprache beobachten - ohne zeitliche und inhaltliche Aufgeregtheit. Er wird nicht durch Beschlüsse weitere offizielle Empfehlungen abgeben." Das heißt aber mit anderen Worten, er gibt seinen Auftrag zurück.

Müsste die KMK da nicht unverzüglich die Konsequenz ziehen und die Finanzmittel für diese Rechtschreibvoyeure streichen. Untersucht man die Abweichungen näher, kommt eine interessante Tatsache zutage: Nicht der Rechtschreibrat scheint eine erkennbare Funktion auszuüben, wohl aber die Deutsche Presse-Agentur (dpa) als Sachwalterin des gedruckten Deutsch. Zumindest Wahrig stützt sich mit seinen Schreibweisen weitgehend auf ihre Empfehlungen.

Damit wiederholt sich ein Phänomen, mit dem sich schon der Schöpfer der deutschen Einheitsrechtschreibung, Konrad Duden, konfrontiert gesehen hatte: Mehrfachschreibweisen ließen sich nicht durchsetzen. Der Widerstand ging von den Buchdruckern aus. Auf einer Tagung in Konstanz 1902 "gaben sie ganz unverhohlen ihrer Missstimmung über die durch die neuen Regelbücher nur noch vermehrte Unsicherheit in der Rechtschreibung Ausdruck". Und so waren es schon damals die gedruckten Medien, die im Kampf um eine einheitliche Schreibweise letztlich obsiegten.

1903 lieferte Duden erstmals einen "Buchdruckerduden" aus, der später mit dem "normalen" Duden verschmolz. Im Untertitel wurde darauf hingewiesen, dass er "auf Anregung und unter Mitwirkung des Deutschen Buchdruckervereins, des Reichsverbandes Österreichischer Buchdruckereibesitzer und des Vereins Schweizerischer Buchdruckereibesitzer" entstand.

Ganz auf diese Linie scheint der neue Wahrig eingeschwenkt zu sein, der sich über weite Strecken an die von dpa vorgeschlagene Gemeinschaftsschreibweise der gedruckten Medien hält. Getreu der Regel, dass in Zweifelsfällen die herkömmliche Schreibweise gelten soll, macht er so manche Eskapaden der Schreibreform nicht mehr mit.

Der neue Duden hingegen wirkt wie eine Kampfansage an dieses Konzept. Dabei setzt er jeweils eigene Schreibweisen an die erste Stelle seines Variantensalats und verzichtet auch noch darauf, die Schreibweisen wie bisher je nach Quelle farbig voneinander abzuheben. Der Benutzer soll nicht mehr erfahren, ob er sich in den Ruinen der alten Rechtschreibung oder im Niemandsland der neuen bewegt.

Unterstützung für Wahrig kommt von "Anwendern der Presse und der Verlage" in der Schweiz. Wie die Kollegen in Deutschland unter Führung der dpa, haben auch sie sich auf die Ausarbeitung eigener Rechtschreibregeln geeinigt. Auch hier heißt die Generalregel: "Bei Varianten die herkömmliche", auch hier ist das Ziel, die von den Rechtschreibreformern um den Siegener Linguisten Gerhard Augst zerstörte Einheitlichkeit der Rechtschreibung zurückzugewinnen.

Aber anders als der untätige deutsche "Rat" bietet die "Schweizer Orthographische Konferenz (SOK)" dazu auch Sprachwissenschaftler auf, die sich als kooperativ erweisen.

Als Hauptleidtragende der inzwischen mehrmals nachgebesserten Rechtschreibreform macht die Redaktion der reformkritischen Zeitschrift "Deutsche Sprachwelt" die Schüler aus. "Nicht die Schüler sind zu dumm für die Neuregelung, sondern umgekehrt ist die Rechtschreibreform zu dumm für die Schüler", so Chefredakteur Thomas Paulwitz. Tatsächlich hat der saarländische Germanist Uwe Grund jüngst nachweisen können, dass die Reform ihren Hauptzweck, die Vereinfachung der Rechtschreibung, gerade bei den Heranwachsenden verfehlt.

In einer umfangreichen Studie, in der die Rechtschreibleistungen in Schülertexten vor und nach der Rechtschreibreform verglichen werden, kommt Uwe Grund zu dem Befund, dass die Fehlerquote nicht abgenommen, sondern zugenommen hat: "1. Nach der Rechtschreibreform werden in der Schule erheblich mehr orthographische Fehler gemacht als davor. 2. Die Fehler haben sich - möglicherweise sogar überproportional - in den Bereichen vermehrt, in denen die Reformer regulierend in die Sprache eingegriffen haben. 3. Die Vermehrung der Fehler hat Konsequenzen, die vor allem die Lehrenden und Lernenden schlechter stellen, also jene Sprachteilnehmer, um deretwillen das Reformwerk angeblich geschaffen wurde."

Als Resümee stellt der Germanist Grund die rhetorische Frage: "Gibt es Auswege aus dem ,nationalen Desaster'?" Seine Antwort fällt bildkräftig aus: "Der Teufel muss, wie der Volksmund weiß, zu dem Loch wieder hinaus, zu dem er hereingekommen ist. Das gilt auch für den Fehlerteufel."
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(Hervorhebung von mir.)


zuletzt bearbeitet 11.08.2009 17:32 | nach oben springen


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