#1

Gnadenlos George

in F r e i s t i l 25.08.2007 00:44
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge
Nee, nich den Schimanski-George. Den mit seim Kreis. Ja, genau, den:


Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade,
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.

Dort nimm das tiefe gelb, das weiche grau
Von birken und von buchs, der wind ist lau,
Die späten rosen welkten noch nicht ganz,
Erlese küsse sie und flicht den kranz,

Vergiss auch diese lezten astern nicht,
Den purpur um die ranken wilder reben
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.


---

Untatt übbasetzen wa getz ma schön dekonstruktivistisch in Ruhrdeutsch.
Datt geht so:


Kommsse ma im totgesachten Park rein (kommsse rein kannze rauskucken):
Da is son fernet Ufa sich ein am Grinsen,
unt blaue Wolken (Kokolores! Wolken sint weiß odda watt?!)
leuchten aussem Teich blau widda raus und auffe Wege drauf, irgnzwie sowatt.

Is auch ganz egal, weil dann schnappsse dich wat Gelbet und wat Grauet,
soll heißen Stückskes vonne Birken unt Buchsbäumkes, nä,
unt watta vonne Rosen nonnich voll inne Wicken is,
dat packsse alle mit rein in dein Riechbesen.

Untann tuhsse da nochen paa Astan rein, doch doch,
untann wickelze noch wat lila Gestrüpp drumrum,
unt allet watte da sonz noch so finz an Grünzeuch,
machsse Onkel Stefan son richtich schön Herpsstrauß von fettich, woll.

(Unt den kanna sich dann abba sowwatt von ann Hut stecken.)
zuletzt bearbeitet 26.08.2007 01:16 | nach oben springen

#2

RE: Gnadenlos George

in F r e i s t i l 31.08.2007 01:11
von Frau Musterfrau • 33 Beiträge

Köstlich - das ist wahre Lyrik. Darf ich - bitte, bitte - auch um eine gnadenlose Übersetzung ersuchen, wenn auch nicht von einem George, sondern von einem Heine:

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Daß ich so traurig bin;
Ein Märchen aus uralten Zeiten,
Geht mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.

Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar,
Ihr goldnes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr goldenes Haar.

Sie kämmt es mit goldenem Kamme,
Und singt ein Lied dabei;
Das hat eine wundersame,
Gewaltige Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht in die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh'.

Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn;
Und das hat mit ihrem Singen
Die Loreley getan.

Schönen Dank auch.

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#3

RE: Gnadenlos George

in F r e i s t i l 01.09.2007 01:29
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge
Ja, da kannich watt liefan...is zwa keine direckte Übasetzung von dem Heine sein Gedicht, sondan mehr sonne Beaabeitung, weil da habbich vor Jahrn ma so'n Einakta zu datt Thema vazapft. Alzich noch beide Poetry-Släms im Ruhrpott mitgemacht happ.

Unt datt ging dann ging so:

In Antwort auf:
Braucksiepe unti Loreley

Ort der Handlung: Loreleyfelsen am Rhein
Zeit der Handlung: frühe Achtziger

Personen:

Die Loreley
Karl-Friedrich Braucksiepe, Binnenschiffer aus Castrop-Rauxel

Karl-Friedrich Braucksiepe hat in Ludwigshafen Schrott geladen für Hoesch-Phoenix in Dortmund-Hörde.
Er kommt mit seinem Schleppkahn, der "Blume von Henrichenburg" den Rhein heraufgefahren und singt dabei das schöne alte Lied:


Braucksiepe (singt)
Ich weiß nich, watt soll dat bedeuten,
datt ich so fe-a-tich bin.
Ich will widda auffen Rhein-Herne-Kanal,
weil da gehör ich ja hin.

Alta, watten datta ohm?!?!

Die Loreley:
Tach auch Schiffer, ich bins, Loreley.
Und an mir, da kommt kein Schiff vorbei.
Bösen Zauba spricht mein roter Mund...
Fertich. Setz den Pott schonn auffen Grund.

Braucksiepe:
Soso, also du biss Loreley.
Untu meinz, ich käm hier nich vorbei.
Alte, ey, dich lassich ganz links liegen!
Dann is kein Problem, hier abzubiegen.

Die Loreley:
Hörsse schlecht?? Ich bin die Loreley!
Unt ich sach dir, hier gehts nich vorbei!
Ich klau allen Kerlen den Verstand.
Also fahr den Kahn schon anne Wand!!

Braucksiepe:
Loreley, da hasse dich geschnitten.
Schöne Haare hasse, tolle Titten...
unta meinze, kannze mich mit töten?
Ey, ich lenk den Pott nich mitten Klöten!

Die Loreley:
Du biss nich der erste, der datt sacht.
Untich happsse alle plattgemacht.
Untich sach dir: heute bisse dran.
Komma näha, kuck mich richtich an.

Braucksiepe:
Nää, hör auf, da ohm ein rumzustrippen.
Damit locksse mich nich auffe Klippen
wie die ganzen andan Idioten.
Alte, du gehörss doch echt vaboten!

Die Loreley:
Komm watt näher! Kuck ma richtich hin!

Braucksiepe:
Alte, ey, vergisset. Hat kein Sinn.

Die Loreley:
Wieso will datt heute denn nich klappen??
Kacke! Der da geht mir durche Lappen!

Braucksiepe:
Also ehrlich, sonne blöde Kuh!
Labat die mich von da oben zu.
Voll durchen Wint, die Olle.

...abba getz nix wie voll Stoff bis Duisburch!


Vorhang



zuletzt bearbeitet 01.09.2007 01:36 | nach oben springen

#4

RE: Gnadenlos George

in F r e i s t i l 04.09.2007 01:59
von Fritz-Franz • 675 Beiträge

Feierabend

Bin Gärtner in dem totgesagten Parke,
Hört’ jüngst Georges Stimme dort genau.
Sie sprach: „Die Totgesagten leben länger
Und des Nachts sind alle Säufer blau.“
Zitternd hielt ich meine Harke,
Bange ward mir, bang und bänger!

Bin heut’ noch immer völlig durcheinander,
Such’ noch verzweifelt seiner Worte Sinn. –
Oh weh! Die Rosen dort in jenen Vasen
Sind verwelkt – geliebte Rosmarin!
Früher war’s, als wir selbander
Lachten über seine Phrasen.

Will pflücken dir der Blumen schönsten eine
Und leg’, Geliebte, sie dir auf dein Grab,
Und tränk’ mit bittern Tränen ihre Blätter,
Tief betrübt, als meine letzte Gab’.

Dies Gedicht – auch dessen Reime –
Rech’ ich vielleicht morgen glätter.

*

An Schmane: Ich danke Dir für Dein Theaterstück! – Nachdem man mich in zwei Photoforen regelrecht angeschissen hat, bin ich wieder hier, frisch gebadet und trockengerieben.

Gruß von Fritz-Franz

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#5

RE: Gnadenlos George

in F r e i s t i l 04.09.2007 13:39
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge

Ich bin so froh, daß Du wieder bei uns bist, Fritz-Franz!

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#6

RE: Gnadenlos George

in F r e i s t i l 04.09.2007 17:30
von AndyOSW • 631 Beiträge

Auch von mir ein herzliches Re-Willkommen!

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#7

RE: Gnadenlos George

in F r e i s t i l 04.09.2007 23:55
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge
So, nochen echten Onkel Stefan.

http://hor.de/gedichte/stefan_george/der_herr_der_insel.htm


---

Der Boß

Und auffen Kuttern hamse ne Legende
(wir tun ma so alz wolln wa datt ma glaum):
datt auf ne Insel ganz am andern Ende
son Flattermann gewesen wär wie’n Baum.

Sonn roten Reiher von so fünf, sechs Meter,
der sich im Stehn die Kirschen flücken kann.
Und peste der im Tiefflug durchen Äther,
dann kam kein Airbus watt dagegen an.

Tachs sahsse’n nich. Da war er fest am poofen.
Aamtz wirder abba munter, storcht zum Strand,
und jodelt! Und Delfine fang am Schwofen!
(Erzähln die Fischer. Völlich hirnverbrannt.)

So soll datt, sahngse, übba Ewichkeiten
Auf diese Insel so gelaufen sein.
Bis irgenzwann en Schiff ankam mit Leuten,
„Ey weisse watt, hier nisten wir uns ein!“

Datt paßte unsern Kranich ja nu gaanich.
Noch eima siehsse’n auffe Halde stehn,
sich noch ma umzukucken, und mehr waa nich.
Und Abflug. Schüß. Nach Hassenichgesehn.


---


...komm ich getz im Kreis?
zuletzt bearbeitet 05.09.2007 10:00 | nach oben springen

#8

RE: Gnadenlos George

in F r e i s t i l 05.09.2007 13:06
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge
wir aber wandeln strack auf auf schroffen graten
in hehrer ferne vom geschmeiss des tales
reisiger rueden reim und sudel taten
bewaessern nicht die reinheit meines males

sie moegen frech das schieche bein erheben
es schuettert den nicht der im geiste wob
mit andren worten: damit kann ich leben
und daure den, der ruecks ins nichts zerstob



...alles klar, Meister.
zuletzt bearbeitet 05.09.2007 13:47 | nach oben springen

#9

RE: Gnadenlos George

in F r e i s t i l 08.09.2007 18:34
von Andrew • 162 Beiträge

In Antwort auf:
Ja, da kannich watt liefan...is zwa keine direckte Übasetzung von dem Heine sein Gedicht, sondan mehr sonne Beaabeitung, weil da habbich vor Jahrn ma so'n Einakta zu datt Thema vazapft. Alzich noch beide Poetry-Släms im Ruhrpott mitgemacht happ.


Was heißt "Einakta"?
Warum nicht "..., weil ich da vor Jahren mal so ein Einakta zu diesem Thema verzapft habe", bzw. ist diese Form im Dialekt normal und wenn schon, war sie immer normal?

"beide Poetry Slams" ist Dialekt für "bei den" und nicht das Hochdeutsche "beide", vermute ich?

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#10

RE: Gnadenlos George

in F r e i s t i l 08.09.2007 22:07
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge
In höchster Sorge darum, auf Deinen Beitrag zu antworten, ohne ihn zu überschreiben: :-D

a) Ein "Einakter" ist ein gängiger Begriff für ein Theaterstück, das aus nur einem Akt besteht. Ein in der Ruhrsprache nur selten gehörter Ausdruck, da sich die Stahlarbeiter und Bergmänner nur selten unter Verwendung bühnentheoretischer oder theaterwissenschaftlicher Begriffe unterhielten. Im Grunde nur eine Verballhornung von mir.

Ruhrdeutsch kontrahiert den unbestimmten Artikel und zieht ihn ans vorhergehende Wort, wobei ganze Silben verschluckt werden.

In Antwort auf:
sondan mehr sonne Beaabeitung, weil da habbich vor Jahrn ma so'n Einakta zu datt Thema vazapft.


so eine wird zu "sonne"
so einen wird zu "sonnen" oder auch nur "so'n", denn:

"Sonnen Einakter" hätte drei N-Laute beieinander, das kann so nicht bleiben, da muß unbedingt ein weiteres N verschluckt werden. Also: "so'n Einakter". In der Ausprache fällt die Stimme dabei beim Übergang vom offenen(!) "o" ins "n" um etwa eine musikalische Quarte, in Sekundenbruchteilen. Aber durchaus: "Sonnen dösigen Macker siehsse ni' oft".

b) Richtig! "Beide" ist eine Verschleifung von "bei die", da Ruhrdeutsch fast immer den Akkusativ bevorzugt, wo im Hochdeutschen Dativ stehen müßte, "bei den". Mit dem Wort "beide" für zwei Personen hat das nichts zu tun.
zuletzt bearbeitet 08.09.2007 22:08 | nach oben springen

#11

RE: Gnadenlos George

in F r e i s t i l 09.09.2007 17:35
von Andrew • 162 Beiträge
Danke Schamane, interessant. :) Bei der Frage mit "habe" meinte ich aber :

"...weil da habe ich vor Jahren mal so einen Einakter zu dem Thema vazapft."

Geht es um Hochdeutsch, dann ist das falsch. Das heißt nämlich:

"...weil ich da vor Jahren mal so einen Einakter zu dem Thema vazapft habe."

Die Frage ist also, ist die Version, die auf Hochdeutsch falsch ist, im Ruhrdialekt üblich und wenn schon, dann aufgrund des Einflusses des falschen Hochdeutschen oder war sowas im Dialekt immer üblich?
zuletzt bearbeitet 09.09.2007 17:35 | nach oben springen

#12

RE: Gnadenlos George

in F r e i s t i l 09.09.2007 20:46
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge

Ach sooooo,

richtig, auf "weil" folgt im Deutschen ein kausaler Nebensatz, das Verb geht nach hinten.

In der Umgangssprache wird das oft falsch gemacht. Das ist aber nicht ruhrgebietstypisch, sondern kommt im gesamten deutschen Sprachraum vor.

"weil ich ... geschrieben habe" ist korrekt.
"weil ich habe ... geschrieben" ist falsch, aber überall zu hören.

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#13

RE: Gnadenlos George

in F r e i s t i l 10.09.2007 13:44
von Andrew • 162 Beiträge
Also, wenn man das in Dialekten hört (im Ruhrdialekt oder in anderen im ganzen Sprachraum), dann kommt die falsche bzw. umgangssprachliche Form aus dem Hochdeutschen?
Bzw., die umgangssprachliche Form kommt von einer anderen Quelle als aus einem oder einigen Dialekten in welchen die immer vorkam?

(Weitere Beiträge von mir könnten leider aufgrund eines kaputten Bildschirms ein wenig dauern.)
zuletzt bearbeitet 10.09.2007 13:44 | nach oben springen

#14

RE: Gnadenlos George

in F r e i s t i l 10.09.2007 22:28
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge

Ich vermute, die Richtung geht vom Dialekt in die Standardsprache.

Der Hauptsatzanschluß an die Konjunktion "weil" ist nicht standardsprachlich, kommt aber in vielen Dialekten vor, unabhängig von der Geographie. Ruhrdeutsch macht es, "weil da hatta gesacht", Bairisch macht es auch, "weil do hot er g'sogt", Berlinerisch tut es, "weil da ha'ck'n jesacht", auch im Platt kommt es vor. Das alles unterstützt meine Vermutung, mag aber eine ganz schwache Form induktiven Schließens sein.

"Das" gesprochene Hochdeutsch gibt es im Grunde gar nicht, außer auf der Bühne oder in den Medien. Im täglichen Leben gesprochen wird zu 99.9% entweder ein Dialekt oder ein mehr oder weniger stark regional eingefärbtes Standarddeutsch, und das ist unabhängig von der Bildungsstufe des Sprechers. Das ist im Englischen (zumindest in Großbritannien) auch nicht anders. Irgendwann schafft es ein Dialekt dann, zum Standard erklärt zu werden, was aber eher soziogeographisch als linguistisch begründet ist.

Der Hauptsatzanschluß an "weil" ist eigentlich nur eine bundesweit anzutreffende gedankliche Nachlässigkeit und als solcher unabhängig von einem bestimmten Dialektraum.


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#15

RE: Gnadenlos George

in F r e i s t i l 24.09.2007 20:29
von Andrew • 162 Beiträge

Jetzt melde ich mich mal wieder.
Also, wenn diese Form eher aus Dialekten kommt, dann ist die kein Anglizismus, auch wenn die heutzutage im ganzen Sprachraum bzw. in vielen Dialekten vorkommt. Bzw. die Form existierte dann in manchen Dialekten und hat sich dann verbreitet. Habe ich dich richtig verstanden?

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