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Berliner Zeitung: Zensur und Selbstzensur

in Deutsch in Medien und Literatur 11.09.2007 17:50
von AndyOSW • 631 Beiträge

Nicht erschrecken :-), aber ich bin da bei Recherchen zu einem anderen Thema auf diesen (zugegebenermaßen schon etwas älteren) Text in einer der besseren Berliner Tageszeitungen gestoßen:

Berliner Zeitung: Zensur und Selbstzensur

Zitat von Bernd Wagner, Berliner Zeitung
04.11.2006 / Politik - Seite 04

Bernd Wagner

Schon unser schablonisierter Sprachgebrauch gibt Hinweise genug auf die verordneten und von der Mehrzahl willig akzeptierten Grenzen des öffentlichen Denkens. Nicht nur die DDR tritt kaum noch ohne das Attribut "ehemalig" auf, auch kein Politiker ohne die "Politikerinnen", kein Sportler ohne die "Sportlerinnen" und besonders (denn auf diese kommt es an) kein Wähler ohne die "Wählerinnen". Das mögen Kleinigkeiten im Wettbewerb um die höchstmögliche politische Korrektheit sein, aber indem die Globalisierung immer mehr zu einer Weltinnenpolitik führt und sich die Ansprüche der daran Beteiligten an die deutsche Sprache häufen, entsteht ein Dschungel von sprachlichen Geboten, den gefahrlos zu durchqueren fast unmöglich geworden ist.

Der polnischen Zwillingsregierung beispielsweise ist als neue Bedingung für ein "Zentrum gegen Vertreibung" eingefallen, dass in Bezug auf die Deutschen nicht von "Vertreibung" sondern von "Umsiedlung" die Rede sein soll. Sie kann dabei auf ein nicht sonderlich feines Gehör der Deutschen hoffen, denn einer der Kaczinskys sprach davon, dass alles, was mit dem Namen Steinbach verbunden ist, enden solle, ohne dass jemand den Mordaufruf zurückwies, der damit ausgesprochen wurde. Im Gegenteil, die Polenbeauftragte der Bundesregierung Gesine Schwan, immerhin einmal als mögliche Bundespräsidentin im Gespräch, tadelte die Berichterstattung deutscher Journalisten und machte sie für das schlechte Polenbild in der Öffentlichkeit verantwortlich.

Als in der Bundesrepublik das Leugnen des Genozids an den europäischen Juden unter Strafe gestellt wurde, erhoben sich keine kritischen Stimmen. Dabei ist das Problem solcher Maßnahmen klar: die Unbelehrbaren werden durch Gesetze nicht bekehrt, vielmehr können sie sich als Märtyrer ihrer angeblichen Wahrheit fühlen, Argumenten weniger zugänglich denn je. Ein solches Gesetz schützt die Wahrheit nicht, sondern bringt sie in Gefahr, indem sie sie zu einer von Tabus umstellten Zone macht, innerhalb derer nachzudenken zum Risiko wird. Die Frage etwa, ob nicht die Opfer des Kommunismus ein gleiches Recht auf den Schutz ihres Andenkens haben wie die Opfer des Nationalsozialismus, zieht zwangsläufig den Vorwurf der "Relativierung" nach sich, die zwar noch keine juristische, wohl aber eine gesellschaftliche Strafe nach sich zieht.

Das Bestreiten jeglicher Vergleichbarkeit des Genozids an den Juden begann mit einer Sprachreglung. Indem aus Völkermord und Vertreibung "der Holocaust" wurde, verabschiedeten sie sich aus der gesamtmenschlichen Geschichte. Die für Diktaturen bezeichnende Aufteilung der Welt in Bezirke des absolut Guten und des absolut Bösen wurde damit von ihren Gegnern übernommen und jeder rationaler Beurteilung zu Gunsten eines quasireligiösen Weltbildes entzogen.

Ist es bei einer derartigen Mischung aus Demagogie und guten Willen, Desorientierung, Schwäche und Aktionismus verwunderlich, dass auch die Gegner der Demokratie ihre Zensurforderungen an sie anmelden? Wo der Staat sich zum Staatsanwalt macht, steht ein Heer von Denunzianten bereit. Sie sind das Fußvolk des Totalitarismus.

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Bernd Wagner (58), lebt seit 1977 als Schriftsteller in Berlin. Letzte Buchveröffentlichung: "Wie ich nach Chihuahua kam. Eine amerikanische Reise", Steidl.

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