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Ernst Röhl: Mit fRÖHLichem Gruße

in Buch-, Radio- und Fernsehtipps 24.12.2007 07:24
von AndyOSW • 631 Beiträge
Ernst Röhl: Mit fRÖHLichem Gruße - Das dicke Ernst-Röhl-Buch
Eulenspiegel-Verlag Berlin, 19,90 €, 224 Seiten, ISBN: 978-3-359-01688-5

"Der exzessive Wörter- und Stilblütensammler hat mit Witz und Ver-
stand viele Nachschlagewerke zum Zeitgeistigen Wortschatz vorge-
legt ... und hat mit anderen Büchern auch seine Fähigkeit unter Be-
weis gestellt, packend und unterhaltsam zu schreiben."
Neues Deutschland

Und weil Weihnachten ist, hier eine Leseprobe:

Ernst Röhl: Muttersprache, Mutterlaut

Richter des Oberlandesgerichts in Düsseldorf definieren die
Rechtslage beim Einbiegen auf die Autobahn folgendermaßen: "Wer
auf der Autobahn im Bereich von Vorsortierräumen, die durch Auf-
stellung von fahrstreifengegliederten Vorwegweisern eingerichtet
sind, auf der durch eine breite Leitlinie abgetrennten Rechtsabbiege-
spur an den auf den für den Geradeausverkehr bestimmten Richtungs-
fahrbahnen befindlichen Fahrzeugkolonnen rechts vorbeifährt, ohne
nach rechts abbiegen zu wollen, und anschließend nach links in eine
Fahrzeuglücke einschert, überholt rechtswidrig rechts."

Da könnse mal wieder sehen: Die deutsche Sprache ist voller Rätsel
und Unwägbarkeiten. Der treibende Teil einer Maschine, eines Flug-
zeugs etwa, heißt nicht Treibwerk, sondern Triebwerk. Das Gewächs-
haus des Gärtners dagegen, in dem die Triebe sich entfalten, heißt
Treibhaus und nicht Triebhaus. Triebhäuser gibt es auch, sie heißen
aber nicht so; meistens heißen sie Claudias Orgasmusstudio. Oder
Praxis für Atemtechnik.

Die Null geht im Deutschen als Zahlwort durch. Faulenzen wird
als Verb bezeichnet, weil kein vernünftiger Mensch darin ein Tätig-
keitswort erkennt. Schlappschwanz gilt sogar als Kraftwort. Schwanger
aber, obwohl es sich doch geradezu aufdrängt, ist als Umstandswort
immer noch nicht zugelassen.

Uneinprägsam für den Rest der Welt sind deutsche Zungenbrecher:
Als die Paten um den Putenbraten baten, konnten wir den Paten Pu-
tenbraten bieten, weil wir grade, als die Paten baten, Putenbraten
brieten.

Unentwirrbar fest geknüpft sind - in Einzahl und Mehrzahl - die
Bande der deutschen Sprache:

das Band - die Bänder
der Band - die Bände
die Bande - die Banden
die Bänd - die Bänds.

Wer möchte da Ausländer sein?

Vor die Aufgabe gestellt, das Wort Angstschweiß perfekt aus-
zusprechen, bricht dem Nichtmuttersprachler sofort der Angstsch-
weiß aus. Ebenso bei Impfzwang, Sumpfpflanze oder Lokomotivfüh-
rerüberwachungssignal, beim Registerverfahrensbeschleunigungs-
gesetz, bei der Zahnersatzzusatzversicherungsleistung, bei Eier-
schalensollbruchstellenverursacher oder bei der Verwaltungsverord-
nung über die Zusage einer Umzugskostenvergütung nach dem
Landesumzugskostengesetz bei Abordnung unverheirateter Beam-
ter ohne Hausstand.

Liebe Deutsche in Ost und West!

Das Deutsche, die deutsche Sprache, die deutscheste Spra-
che Deutschlands, wenn nicht der Welt. Allerdings machen wir es
der Welt nicht leicht. Denn die deutsche Sprache ist in stürmische
Bewegung geraten. In meiner ostdeutschen Wohngegend hatten wir
seinerzeit in der zweiten deutschen Diktatur eine Produktionsgenos-
senschaft des Tischlerhandwerks, und zwar stellten diese Tischer
Särge her, prima Särge, und darum hieß die Firma jahrzehntelang PGH
Sargtischlerei. So hießen solche Betrieb üblicherweise; zumeist
hatten sie noch einen schmückenden Beinamen wie etwa Maler-
PGH "Rote Scheuerleiste". In der idyllischen Stadt Rathenow an der
Havel gab es sogar eine PGH Sargtischlerei "Neues Leben".

Im Laufe der jüngeren deutschen Geschichte ist die Bude mehrfach
umbenannt worden: zunächst in PGH Erdmöbel, dann in Erdmöbel
GmbH, und wir können nur hoffen, daß sich diese GmbH weiterhin am
Markt behaupten wird. So muß man ja neuerdings sagen: am Markt
behaupten. Aber: im Markt positionieren. Der gute alte Sonnabend
kommt im Osten allmählich aus der Mode. Mehr und mehr breitet
sich der Samstag aus, und das nicht nur in 2008, sondern auch in 2009,
aber halt nicht mehr in der Woche, sondern unter der Woche sowie an
Silvester, an Ostern und an Pfingsten eh.

Er ist an Weihnachten gestorben... Diese Todesanzeige jagt den
Freßsäcken im Osten immer noch einen tödlichen Schreck ein. Ham-
se schon gehört, er ist gestorben! Neiiiin! Woran denn? An Weih-
nachten!

Alles schon passiert! Es ist ja auch gar nicht so leicht, die deut-
sche Weihnacht zu überleben.

Dies alles ist durchaus kein Grund zur Beunruhigung. Es
ist alles ganz harmlos; denn es handelt sich nur um den
wünschenswerten, eleganten süddeutschen Gebrauch der Präpo-
sitionen. Es weht, wie die Brotzeit, aus Know-how-country herüber in
den Osten und klingt halt ausgesprochen lecker, gell?

Dennoch kann von zwei deutschen Sprachen auch nicht ansatz-
weise die Rede sein; denn die Differenzen sind gering. Immerhin hieß
der Führerschein im Osten einst Fahrerlaubnis, der Personalchef
hieß Kaderleiter, der Werbechef von einst hieß Sekretär für Agitation
und Propaganda, der Arbeitslose hieß Werktätiger, und der Work-
aholic nannte sich sogar Held der Arbeit.

Ich selbst hab mir das neue Deutsch sozusagen im Schweins-
galopp beigebracht, zuerst all diese wunderbaren Lifestyle-Vokabeln:

the briefing - die Postzustellung
the laptop - der Topplappen
the patchwork - die Fliegenklatsche
the striptease-table - der Ausziehtisch.

Neulich sage ich am Fahrkartenschalter: "Bitte eine Fahrkarte nach
Ribnitz-Damgarten." "Pardon", sagt die junge Dame
von der Bahn AG, "das heißt bei uns Ticket!"
"Ticket?" sag ich. "Ist Ribnitz denn umbenannt worden?"
"Keine Ahnung", sagt sie, "bei uns heißt es jedenfalls Ticket."
"Wenn das so ist", sag ich, "dann hab ich bloß noch eine allerletzte
Frage: Wo gibt's hier eigentlich die Fahrkarten?"

Ach ja... So ist das mit den Wörtern. Planetengleich steigen sie auf
und ab am geistigen Horizont.

Freunde aus Dresden, die wissen, daß ich Sprachblüten schätze,
schickten mir die Kopie eines Geschäftsbriefes, der in einer Firma
namens Meß-Elektronik Dresden GmbH formuliert worden war.
Hinter dem Firmennamen übrigens verbirgt sich, schwach verhüllt, der
einstige VEB Meßelektronik Dresden. Sie haben auch dort inzwi-
schen, wie sich von selbst versteht, keinen Betriebsleiter oder Betriebs-
direktor mehr, sondern schon lange einen Geschäftsführer, in diesem
Fall den Herrn Dr. Meyer, einen beispielhaft sprachsensiblen Zeit-
genossen. Er teilt seinen wichtigsten Mitarbeiten, den "Leitern der
Zentral- und Geschäftsbereiche", in diesem ebenso kurzen wie authen-
tischen Schreiben Folgendes mit:

"... Aus gegebenem Anlaß darf ich Sie noch einmal bitten, die folgen-
den Formulierungen nicht mehr zu verwenden: Kader, Brigade, Öko-
nomie, Werktätiger und andere ähnliche spezifische Begriffe, die
aus der Vergangenheit stammen. Diese Begriffe sind für ein westliches Ohr
stark vorbelastet und führen zu negativen Assoziationen. Wir machen
uns im Umgang mit den westlichen Firmen das Leben unnötig schwer.

Mit kollegialem Gruß
Dr. Meyer, Geschäftsführer"

---
Ernst Röhl (* 25. Dezember 1937 in Neu-Ruthenbeck bei Parchim in
Mecklenburg-Vorpommern) ist ein deutscher Satiriker und Kabarettist. Als freier
Autor erscheinen seine Bücher hauptsächlich im Berliner Eulenspiegel-Verlag.

Der Eulenspiegel-Verlag ist ein seit 1954 bestehender Verlag mit Sitz in Berlin,
dessen Schwerpunkt im Bereich der Satire liegt.

Bis 1972 war der Eulenspiegel-Verlag Herausgeber der Satirezeitschrift Eulenspiegel.
In der DDR galt der staatlich sanktionierte Eulenspiegel-Verlag als bedeutendster
Satireverlag. Nach der Wende wurde 1993 von der Treuhand ein Konkursverfahren
eingeleitet. Für die Konkursmasse fanden sich jedoch Käufer (namentlich Dr. Matthias
Oehme und Jacqueline Kühne), die den Verlag neu gründeten.

Der Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, Teile des kulturellen Erbes der DDR zu
pflegen. Besonders hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang die Werkeditionen der
Dichter Peter Hacks und Rainer Kirsch.

Zur Verlagsgruppe Eulenspiegel gehören heute außerdem die Verlage Das Neue Berlin,
edition ost, Neues Leben und seit Februar 2007 der Rotbuch-Verlag.
zuletzt bearbeitet 24.12.2007 07:31 | nach oben springen


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