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Der Westen: Dieter Thomas Heck: "Natürlich treffen Dich Verrisse"

in Deutsch in Medien und Literatur 29.12.2007 22:38
von AndyOSW • 631 Beiträge

Gefunden in http://www.derwesten.de/nachrichten/kult...532/detail.html:

Dieter Thomas Heck: "Natürlich treffen Dich Verrisse"

Eine TV-Legende tritt ab

Ob ZDF-"Hitparade" oder "Melodien für Millionen" - Dieter Thomas Heck schrieb Fernsehgeschichte. Am 29. Dezember wird er 70 - und tritt mit einer Gala ab. Jürgen Overkott sprach mit Heck.

DTH: (schmettert) Guten Tag, Herr Overkott.

Sie sind ja geradezu unverschämt gut gelaunt. Ist das bei Ihnen immer so?

DTH: Wenn ich mich über irgendetwas sehr geärgert habe, sage ich: Oh, da ist der graue Himmel, aber dahinten, da ist schon ein Stück blauer Himmel.

Wissen Sie, was ich gerade festgestellt habe? Ich habe bedeutend schneller gesprochen als Sie. Das ist doch eigentlich Ihr Job.

DTH: Bei der „Hitparade“! Wenn Sie aber beispielsweise meine letzte Sendung nehmen, „Melodien für Millionen“, dann hat das mit schnell nichts mehr zu tun. Das ändert aber nichts daran, dass viele Kollegen von Ihnen schreiben „der Schnellsprecher Dieter Thomas Heck präsentierte zu Herzen gehend ,Melodien für Millionen’“.

Ich glaube, dieses Etikett werden Sie in diesem Leben nicht mehr los.

DTH: Das kann doch nicht wahr sein. Das ist ja wie bei Ronald Reagan damals. Bevor er Präsident der Vereinigten Staaten wurde, war er über Jahre Gouverneur, dann Oppositionsführer, und wir Rindviecher schrieben immer „Cowboy-Darsteller“.

Wie sind Sie damals auf die Idee gekommen, schnell zu sprechen?

DTH: Das kann ich Ihnen sagen – das gehörte zur „Hitparade“. Da kannst nicht sagen: (betont langsam) Und nun, auf dem dritten Platz, kommt jetzt der Interpret Rex Gildo, der übrigens zu Hause ist in Wanne-Eickel, dort eine Gaststätte betreibt – ich habe da mal ein Beispiel konstruiert – und jetzt singt: Hossa-hossa-hossa, Fiesta Mexicana. Schrecklich!

Als die „Hitparade“ im ZDF 1969 erstmalig gesendet wurde, war sie etwas Innovatives.

DTH: Die war wie eine Sportsendung. Nein, die „Hitparade“ musste Tempo haben.

Sie waren also der Ansicht, Schlager ist eine dynamische Musik, und dynamische Musik muss dynamisch präsentiert werden.

DTH: Besser hätte (betont) ich es nicht mal besser formulieren können.

Das Konzept der „Hitparade“ ist hauptsächlich vom Show-Regisseur Truck Branss entwickelt worden. Was war Ihr Anteil dabei?

DTH: Der Hauptanteil war, dass ich die „Deutsche Schlagerparade“ erfunden habe, als Radiosendung für die Europawelle Saar. Da gab es die Beatles und die Stones neben Roy Black. Alles quer durch den Garten. Und ich habe gesagt, in einem Land, in dem 90 Prozent der Menschen, zu 100 Prozent nur eine Sprache verstehen, muss es doch eine Sendung geben, die deutsche Musik bringt: (betont) „Deutsche Schlagerparade“. Ich kam damals von Radio Luxemburg und musste natürlich auch erst mal etwas anderes haben, als das, was es damals bei der Europawelle gab. „Deutsche Schlagerparade“. Da lachten sich meine Kollegen tot. Aber ich habe gesagt: Kinder, Ihr müsst es doch nicht machen – ich mache es. Und nach 14 Tagen schon war die „Deutsche Schlagerparade“ die meistgehörte Sendung. Und dann kam Truck Branss, der damals Erster Regisseur in Saarbrücken war, und sagte: Hör mal, Junge, ick hab da wat jehört, det is ja unglaublich. Ick hab da mal reinjehört, Du singst ja alles mit. Det muss man fernsehmäßig machen.

Und dann hat Truck Branss diese Idee erst mal fairerweise in Saarbrücken angeboten. Aber der Sender wollte nicht. Und dann hat Truck Branss gesagt: Dann biete ick det beim ZDF an. Und in Mainz hieß es: gekauft.

Rundfunk ist eine Sache – und Fernsehen eine andere. Beim Radio brauchst Du nur ein Mikro, beim Fernsehen muss auch die Optik inszeniert werden.

DTH: Das ist richtig. Und der große Punkt ist ja noch, Jürgen (und das wissen die wenigsten), Du Dich musst als Rundfunksprecher mit dem Mikrophon unterhalten können, und dahinter musst Du die Augen Deiner Freundin oder Deiner Frau sehen. Beim Fernsehen guckst Du in einen toten viereckigen Kasten rein, dahinter steht noch ein Mensch, der vielleicht sogar mürrisch guckt – den musst Du ignorieren.

Du musst natürlich bleiben, auch wenn das Rotlicht an ist. Die Leute sagen mir immer: Herr Heck, wir haben das Gefühl, dass Sie bei uns im Wohnzimmer sind. Wir laden Sie immer zu uns ein. Nee, frisierte Schnauze, das wäre schrecklich.

Neu war bei der „Hitparade“ auch, dass sie die Distanz zwischen Bühne und Publikum aufhob, dass sie Nähe produzierte – die Künstler saßen teilweise mitten zwischen den Fans.

DTH: Das war der ganz entscheidende Punkt: Die Sendung mit den Menschen für die Menschen aufgenommen.

Die „Hitparade“ erreichte anfangs bis zu 27 Mio. Zuschauer. Aber die Kritiker stimmen nicht immer in den Jubel ein. Haben Sie Verrisse getroffen?

DTH: Natürlich treffen Dich Verrisse. Kein Mensch kann sagen, er steckt sie einfach weg. Aber es steckt ein wunderbarer Trost in den Zeilen von Erich Kästner, der da sagte: Ich sitze gerade in dem kleinsten Raum meines Hauses und habe ihre Kritik vor mir, gleich habe ich sie hinter mir. Aber grundsätzlich sage ich: Kritik kann, wenn sie konstruktiv ist, sehr hilfreich sein.

Ende der 70er hat sich die „Hitparade“ verändert – nämlich als die Neue Deutsche Welle kam. War das ein Ergebnis von Kritik?

DTH: Nee, ich bin immer für neue Schlager gewesen - jetzt kommt eine ganze Welle. Es wäre doch ein Wahnsinn gewesen, daran vorbeizugehen. Nee, nee, das war ganz anders. Ich bin damals mit Klaus Volkmann, der in den 60ern viel mit den Beatles gemacht hat, nach Berlin geflogen. Klaus Volkmann hatte Trio produziert. Und der erzählte mir im Flieger: Du, die Jungs haben unheimlich viel Schiss vor Dir. Wegen der Krawatte und so. Da habe ich erwidert: Lass mal, ich mach das schon. Also bin ich zu den Jungs hin und gesagt: Grüß Dich, Stefan, grüß Dich, Peter, grüß Dich, Kralle, ich bin der Dieter. Ja, von diesem Augenblick an hatten wir ein richtig tolles Verhältnis.

Einige Leute fordern eine Quote für deutschsprachige Musik im Rundfunk...

DTH: Ich auch.

Wirklich?

DTH: Weil ich sage: Du musst nicht alles spielen, aber Du musst ein Verhältnis haben. Es gibt zwar Sender, die nur Deutsch spielen, Spartensender, eine schlimme Erfindung. Oder Sender, bei denen ich nur Englisch höre - furchtbar. Es muss ja nicht nur Schlager sein. Hören Sie sich mal Nummern von Silbermond an - oder von Annett Louisan. Also: Warum haben wir nicht mehr das, was früher in Luxemburg oder bei der Europawelle so erfolgreich lief - das gemischte Programm? Da war was für die ganze Familie drin - für Mutter, für Vater und für den Sohn mit 15 und für die Tochter mit 17 und sogar für Oma und Opa. Die sollte man jedenfalls bei öffentlich-rechtlichen Sendern nicht vergessen.

Pünktlich zum Siebzigsten werden Sie die Showbühne verlassen. Haben Sie eine Träne im Knopfloch?

DTH: Du wirst nicht ohne Träne davonkommen. Ich habe das immer mit Leib und Seele gemacht. Aber ich will selbst den Zeitpunkt setzen, wann ich Schluss mache. Und wenn dann Menschen traurig sind, ist das auch sehr schön – das zeigt, dass sie Dich gern gehabt haben.

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