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GEO - Was schuckt die Bore?

in Aktivitäten zur Sprachpflege 02.03.2008 14:15
von AndyOSW • 631 Beiträge

GEO 03|2008, Seite 162f.

Was schuckt die Bore?

Linguistik - Sprachwissenschaftler sind dabei, die Geheim-
sprache der Viehhändler vor dem Vergessen zu bewahren.


Nur wenige Hundert Menschen beherrschen in Deutschland
noch Reste der Viehhändlersprache. Einst wurde diese Kom-
munikationsform überall in Deutschland auf Vieh- und Pferde-
märkten benutzt, um sich geschäftlich abzusprechen und dabei
Dritte auszuschließen. Das geschah nicht selten, um Mängel der
zum Kauf angebotenen Tiere vor den Käufern zu verbergen, er-
klärt die Studentin Yvonne Löffler von der Universität Pader-
born: "'Kimmel' ist das Wort für die Zahl drei", erzählt sie, "eine
Kuh, die nur aus drei Zitzen Milch gibt, wurde von den Vieh-
händlern als 'Kimmelkatak' bezeichnet." Und "in die Maschore
bieten" tat jemand, der nur ein Scheinangebot abgab, um den
Preis hochzutreiben. "Was schuckt die Bore?" ist hingegen nur
eine Frage nach dem Preis einer Kuh.

Löffler ist Mitglied in einer neu gegründeten Arbeitsgruppe,
die unter Leitung des Sprachwissenschaftlers Klaus Siewert da-
für sorgen will, die Viehhändlersprache und die damit verbunde-
ne Lebenswelt zu dokumentieren, bevor sie vollends ausstirbt.

Aktiv gesprochen wurde das Idiom bis zum Zweiten Welt-
krieg. Da der damalige Viehhandel stark von jüdischen Händlern
geprägt war und viele der sprachlichen Elemente aus dem He-
bräischen stammen, fand diese besondere Kultur unter anderem
mit der Judenverfolgung ein jähes Ende. Forscher können
sich bei ihren Untersuchungen nur noch auf Befragungen eini-
ger betagter Gewährsleute stützen - etwa einen Ferkelhändler
aus Verl, der noch Versatzstücke kennt. Nachdem in Lokalzeitun-
gen Aufrufe der Sprachforscher veröffentlicht worden sind, war-
ten die Wissenschaftler nun darauf, dass sich weitere Personen
melden (Interessierte erhalten nähere Auskünfte unter der Adres-
se geheimsprachen@googlemail.com). Als erstes Ergebnis ist so-
eben eine Staatsexamensarbeit von Ann Christin Schulte-Wess
als Buch erschienen ("Die Viehhändlersprache in Westfalen und
im nördlichen Rheinland"), das von Klaus Siewert herausgege-
ben worden ist.

War die Viehhändlersprache früher ein Geheimnis, das die
Verkäufer nur mit ihresgleichen teilten, so geben die verblie-
benen Kenner den Forschern heute meist bereitwillig Auskunft.
Zumal die traditionellen Märkte immer seltener werden:
"Viehmärkte haben sich mittlerweile zu Kirmesveranstaltungen
gewandelt, Handel mit Tieren dient in den meisten Fällen nur
noch als Folklore", sagt Siewert. Moderne Viehhändler sind
heute in der Regel wohlhabende Menschen, die ihr Lebens-
umfeld und ihre Sprache nicht verstecken müssen. Im Gegensatz
zu den Benutzern einer neu aufgekommenen Geheimsprache:
jener der Drogenszene. Siewert und seine Studieren-
den sind dabei, auch deren Kommunikation zu entschlüsseln.

Beispiele aus der Viehhändlersprache:

Zahlen
1 - olef
2 - bes
3 - kimmel
4 - dolleth
5 - hei
6 - vuv
7 - sojin
8 - sches
9 - tes
10 - jud
11 - jud olef
20 - kaff
30 - lames
40 - mem
50 - nun
60 - saschim
70 - schivim
80 - smonum
90 - dischim
100 - meio
1000 - ellephim

"Ich gebe lames schuk für das egel!" - Ich gebe 30 Mark für das Kalb!

"Das issen taffen masematten." - Das ist ein gutes Geschäft.

"He mach geern rutchin un lüü bedibbern." - Er mag gern handeln und Leute übers Ohr hauen.

"He het manschetten föört baumachorum." - Er hat Angst vor dem Gendarm.

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