#16

RE: Sprachübergreifender Rechtsstreit

in F r e i s t i l 01.05.2008 18:11
von Fritz-Franz • 675 Beiträge

An Andrew:

Das Haus wurde mir zufällig angeboten. Als mir der Mietzins genannt wurde (250 Franken pro Monat), mußte ich nicht lange überlegen, denn meine Dreizimmerwohnung in Zürich kostete mich zweieinhalb mal mehr. Da ich beruflich nicht an einen bestimmten Wohnort gebunden war, ließ ich mich in Brione s/M nieder. Wenn man freischaffend ist, muß man stets darauf bedacht sein, die monatlichen Fixkosten möglichst gering zu halten. Durch den Wegzug von Zürich sparte ich 4'500 Franken pro Jahr! Wie Du nun siehst, bewogen mich auch finanzielle Überlegungen, im Tessin Wohnsitz zu nehmen.

Es war eine wunderschöne Zeit. Ich konnte auf Locarno herabsehen, den Blick über den Lago Maggiore schweifen lassen und weit in die Magadinoebene hineinschauen. Vorallem aber, wie Du richtig vermutet hast, meinen damals gewaltigen Lesehunger in aller Ruhe stillen. Ich hänge diesen Zeilen ein Bild von dem Haus an. Der Gelbstich kommt von meinem altersschwachen Scanner.

Gruß von Fritz-Franz

Angefügte Bilder:
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 Casa Bosco.jpg 
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#17

RE: Sprachübergreifender Rechtsstreit

in F r e i s t i l 03.05.2008 16:11
von Andrew • 162 Beiträge

Danke Fritz-Franz. Deine Gründe sind natürlich völlig logisch und verständlich. Das Haus sieht auch schön aus. Ich kann verstehen, dass es eine schöne Zeit war. Kannst du auch Italienisch oder reichte es, wenn man Deutsch kann? Ich weiß, dass Deutsch im Tessin vor allem wegen Tourismus eine immer wichtigere Rolle spielt, aber wie es ist, wenn man dort wohnt, weiß ich nicht.
Ich muss gestehen, dass ich mich nie intensiv mit deutscher Literatur beschäftigt habe, (mit englischer auch nicht). Sondern eher Geschichte, Politik und einigen Bereichen der Philosophie. Vielleicht widme auch ich mich mal der Literatur.
Kants Kritik der reinen Vernunft werde ich auch mal lesen.

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#18

RE: Sprachübergreifender Rechtsstreit

in F r e i s t i l 04.05.2008 21:04
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge
Ich kann mir nicht helfen; das Haus in Brione erinnert mich an dieses Bild von Vincent van Gogh, so unübersehbar die Unterschiede auch sind:

zuletzt bearbeitet 04.05.2008 22:14 | nach oben springen

#19

RE: Sprachübergreifender Rechtsstreit

in F r e i s t i l 05.05.2008 15:44
von Fritz-Franz • 675 Beiträge
An Andrew:

Das Tessin hat mehrere Aus- und Einwanderungswellen erlebt. In der Regel wanderten arme Menschen aus, begüterte dagegen ein. Die größte Zuwanderung setzte nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Viele Leute, die während des ‚Deutschen Wirtschaftswunders‘ reich geworden waren, leisteten sich ein Feriendomizil im Süden. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren des vorherigen Jahrhunderts war das Tessin (aber auch Italien) der Deutschen und Deutschschweizer liebstes Ferienziel.

Als ich dort wohnte, beachtete ich auf meinen ausgedehnten Spaziergängen die Nationalitätszeichen auf den parkierten Automobilen: D, DK, B, und NL waren die häufigsten ausländischen, ZH, BS und AG die häufigsten außerkantonalen. Da ich mich mit einem Vorurteil im Tessin niederließ (ich dachte nämlich, die Tessiner wären fröhliche, lebenslustige und sangesfreudige Menschen), war mein Befremden groß, als ich feststellte, daß sie viel ernster als von mir vermutet waren. Die Einheimischen grüßten mich nicht oder kaum hörbar. Man dämpfte die Stimme, wenn ich ein Restaurant betrat, zeigte auf der Straße mit dem Finger auf mich und versteckte die Töchter vor mir. Der Pfarrer, der Gemeindeschreiber, die Schwester Oberin (Carmelo Santa Teresa) und die Frau vom Lebensmittelgeschäft waren beinahe die einzigen Personen im Dorf, die sich mir gegenüber offenherzig zeigten.

Der Pfarrer (Dozent am Kollegium Papio in Ascona) trank manches Glas Merlot mit mir. Er sagte: „Jetzt, wo ich Deine Bücher sehe, sehe ich, daß du reich bist.“

Der Gemeindeschreiber verriet mir lachend, daß mich die Dorfbewohner für einen Millionär hielten, der demnächst das alte Pfarrhaus renovieren würde. Er kannte meine Steuerdeklaration und konnte sich wirklich kaum halten vor Lachen.

Die Schwester Oberin wollte mir gratis Italienisch beibringen, erkannte aber gleich, daß meine Interessen gar zu vielfältig waren, um mich einem speziellen Gebiet widmen zu können. Noch heute behaupte ich, daß sie in mich verliebt war. Hier setze ich, ihr zu Ehren und zu ihrem Gedenken, ein †.

Die sehr belesene Frau vom Lebensmittelgeschäft klärte mich über die Verhältnisse zwischen den Dorfbewohnern und über die ‚Verhältnisse‘ zwischen diesen und den fremden Zuzügern auf. Während der Russischen Revolution flohen viele reiche adlige Russen nach Paris, an die Côte d’Azur, oder eben: ins Tessin. International bekannt wurde Locarno durch die im Jahre 1925 geschlossenen Verträge. Wer damals Land verkaufte, hätte es gleich verschenken können, so gering war der Gewinn. Wer aber nach dem Zweiten Weltkrieg, als das ‚Deutsche Wirtschaftswunder‘ begann, eine Parzelle am Lago Maggiore feilbieten konnte, machte das Geschäft seines Lebens; und jene der Einheimischen, die während der Hochkonjunktur noch einen Rebhang mit Seeblick veräußern konnten, erzielten einen Preis, der sie zu reichen Leuten machte. So kam es dazu, daß die Einheimischen einander neid- und haßerfüllt begegneten. Fragte man nach einem Namen, dann hieß es gleich: „Ach, der! Dessen Vorfahren verkauften ihr Land dazumal, als …“ Hinzu kam, daß die ‚Auswärtigen‘ schier ohne Ausnahme den Einheimischen auswichen, ihre sündhaft teuren Villen auch nur selten bewohnten etc.

Darum beschloß ich, ohne mir große Italienischkenntnisse erworben zu haben, wieder nach Zürich zu ziehen, ein Stadtmensch zu werden und in der Anonymität zu versinken.

Andrew, erst jetzt, kurz bevor ich diese Zeilen abschicken will, merke ich, daß ich Dir Deine Frage kürzer hätte beantworten können: Ich kann kein Italienisch. Aber meine jüngste Tochter heißt nicht von ungefähr Flora.

Gruß von Fritz-Franz
zuletzt bearbeitet 06.05.2008 02:45 | nach oben springen

#20

RE: Sprachübergreifender Rechtsstreit

in F r e i s t i l 05.05.2008 17:33
von Fritz-Franz • 675 Beiträge

Das hast Du gut beobachtet, Schmane. Die Perspektive, d.h. in diesem Fall: die Wahl des Standorts – leicht übers Eck– , ist nur eine der Gemeinsamkeiten, die einem geübten Beobachter ins Auge fällt. Auch das Trottoir und der Vorplatz, der das im Zentrum stehende Haus wie einen Kragen umschließt, ist auf beiden Bildern zu sehen. Alles irgendwie ‚schräg‘ Erscheinende an den Gebäuden hat die Ursache darin, daß der Beruf des Architekten aus dem Beruf des Maurers hervorging, und dieser sich wiederum dank den Fähigkeiten der seßhaft gewordenen Flüchtlinge, welche ‚Bauern‘ wurden, zur hohen Kunstfertigkeit entwickelte. Hier wären etymologische Studien angebracht. Leonardo Benevolo hat solche angestellt und in seinem großartigen Werk „Storia della citta“ (Editori Laterza, Rom – Bari, 1975) veröffentlicht. Auf Van Goghs Gemälde sind, wie auf meiner Photographie, kleine Menschen abgebildet, wie sie oft zufällig dort, wo Häuser stehn, zu erblicken sind. Auch befindet sich hinter dem im Vordergrund zu sehenden Haus ein weitaus größeres. Die auffälligste Gemeinsamkeit der beiden Bilder ist jedoch das ‚Südliche‘, das nach dem mittelmeerländischen Hinziehziehende, in nordischen Herzen Sehnsuchterweckende, das Farbenfrohe, die, trotz aller Lebenspein hochgehaltene Zuversicht auf bessere Zeiten, welche Hoffnung heißt und jegliche Befürchtung mildert.

Gruß von Fritz-Franz

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#21

RE: Sprachübergreifender Rechtsstreit

in F r e i s t i l 05.05.2008 19:33
von Andrew • 162 Beiträge

Zitat von Fritz-Franz


Andrew, erst jetzt, kurz bevor ich diese Zeilen abschicken will, merke ich, daß ich Dir Deine Frage kürzer hätte beantworten können: Ich kann kein Italienisch. Aber meine jüngste Tochter heißt nicht von ungefähr Flora.



Ich danke dir für deine Antwort, die mit der Hintergrundinformation viel interessanter war als nur "ich kann kein Italienisch" gewesen wäre. Ich weiß, dass Tourimus heutzutage im Tessin sehr wichtig ist, wusste aber das, was du über frühere Zeiten geschreiben hast, nicht. Die Verhältnisse zwischen Tessinern und Zuzügern waren mir auch neu. Vermutlich sind Tessiner unter sich so, wie du von deiner Ankunft vermutet hattest? Das sonstige Verhalten hätte also eher mit der beschriebenen Situation zu tun.

Das Bild von van Gogh gefällt mir. Aber was ist das zwischen den Menschen auf dem Weg und denen auf den Sitzbänken?

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#22

RE: Sprachübergreifender Rechtsstreit

in F r e i s t i l 06.05.2008 00:05
von Fritz-Franz • 675 Beiträge
Das ist Heu. Van Gogh wurde am Beginn der Industrialisierung geboren. Damals galt die Pferdekraft noch etwas. Die Pferde der Reisenden wollten und mußten versorgt werden. Warte noch eine Weile und betrachte währenddessen das Bild aufmerksam: Bald schiebt ein Junge einen Karren durch die enge Pforte hinaus, um ihn mit dem vom Bauern abgeladenen Heu hastig zu beladen. Ist der Karren voll, schiebt er ihn zu den Stallungen in den Hinterhof. Und nun blicke zum Himmel hinauf. Er ist düster dunkelblau. Drehst Du Dich jetzt um und blickst hinter Dich, dann siehst Du ein Sommergewitter nahen. Der dem unsichtbaren Gasthof zugedachte Heuhaufen wurde bereits vorsorglich mit Wachstüchern zugedeckt. Wie stark der Wind schon weht, ist am weißen Rauch im Bildhintergrund zu erkennen.
zuletzt bearbeitet 06.05.2008 01:24 | nach oben springen

#23

RE: Sprachübergreifender Rechtsstreit

in F r e i s t i l 06.05.2008 19:45
von Andrew • 162 Beiträge
Ich dachte, das könnte Heu sein, sah aber keinen Grund dafür, dem ganzen Weg entlang. Interessant ist auch die Geschichte. Du hast aber sicher schon gemerkt, dass ich nichts über Gemälde weiß. Nachdem du das mit dem Himmel erwähnt hast ja, dann fällt es mir ein. Danke, wieder was gelernt.
zuletzt bearbeitet 06.05.2008 19:47 | nach oben springen


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