#1

Der Zwang zur Gegenwartsform

in Deutsch in Medien und Literatur 08.08.2008 13:45
von Spacenite • 3 Beiträge

Jeder Privatsender, dessen Nachrichten oder Beiträge aktuell klingen sollen, ordnet zwangsläufig alle Geschehnisse in der Gegenwart an - ob´s nun passt oder nicht. Auch wenn da ein Ergeignis schon deutlich zurück liegt, wird nicht die Vergangenheitsform gewählt sondern alles in der Gegenwart berichtet, so als wenn es just in diesem Moment passieren würde. Da wurde nicht gestern Abend ein Tor geschossen, sondern da schießt jemand das Tor - auch wenn das doch deutlich in der Vergangenheit anzuordnen wäre. Natürlich gibt es Möglichkeiten die Gegenwartsform auch bei zurückliegenden Ereignissen zu verwenden, aber das sollte man dann schon können und nicht einfach stumpf in jedem Nachrichtensatz stur bei der Gegenwartsform bleiben.

nach oben springen

#2

RE: Der Zwang zur Gegenwartsform

in Deutsch in Medien und Literatur 08.08.2008 18:22
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge
Man könnte hier argumentieren, daß in den von Ihnen angesprochenen Fällen das schon angedeutete historische Präsens gebraucht wird, insbesondere in der Form eines laufenden Kommentars zu Bildmaterial, das für den Zuschauer in dessen subjektiver Gegenwart ausgestrahlt wird. "Hier steht A schön frei, B paßt zu A, A zieht ab...und Torwart C kann dem Ball nur noch hinterhersehen." Ich halte das für einen vertretbaren Gebrauch des historischen Präsens zu Zwecken der Dramatisierung und Vergegenwärtigung (im wahrsten Sinne des Wortes) eines an sich vergangenen Geschehens.

Nicht vertretbar wären Konstruktionen wie "Gestern schießt B in der 87. Minute das entscheidende Tor für den FC Musterstadt."

Auch in Nachrichtenkontexten halte ich historisches Präsens nicht für angemessen.
zuletzt bearbeitet 08.08.2008 18:23 | nach oben springen

#3

RE: Der Zwang zur Gegenwartsform

in Deutsch in Medien und Literatur 09.08.2008 09:22
von AndyOSW • 631 Beiträge

Ich kann hier keinen Zwang erkennen. Erstens glaube ich nicht daran, dass mündige Bürger zu etwas gezwungen werden können, andererseits gibt es Gegenbeispiele aus meinem Umfelde (http://www.fc-union-berlin.de/default.ph...details&id=2948):

Zitat von Spielbericht vom 2.8.2008
Im ersten "Heimspiel" der neuen Saison hat der 1. FC Union die zweite Mannschaft des VfB Stuttgart bezwungen und die ersten Punkte in der 3. Liga geholt. In einer guten ersten Halbzeit hatten Ruprecht (23.) und Benyamina (34.) die Eisernen vor 5107 Zuschauern im Jahn-Sportpark in Führung gebracht. Nach dem Wechsel kamen die Gäste stärker auf, und erst das zweite Tor von Benyamina (70.) klärte die Fronten. Das 3:1 durch Hofmann (77.) war nur noch Ergebniskosmetik für die Gäste aus Schwaben.

Uwe Neuhaus vertraute weitestgehend der Anfangsformation, welche vor sechs Tagen in München die Auftaktpleite kassiert hatte. Lediglich Dogan saß zunächst auf der Bank. Für ihn rückte Bemben ins Mittelfeld und Stuff komplettierte die Abwehrreihe. Und Union präsentierte sich stark verbessert gegenüber dem ersten Spiel. Es wurde früh gestört, so dass der VfB kaum zur Entfaltung kam. Auch nach vorne war deutlich mehr Durchschlagskraft zu sehen, was vor allem an den agilen Stürmern und den immer wieder nach vorne drängenden Außen Gebhardt und Bemben lag. Chancen ließen zwangsläufig nicht lange auf sich warten, aber Bemben (6.), Benyamina (9.) und Gebhardt per Freistoß (21.) zielten noch zu ungenau. Doch in der 23. Minute war es endlich soweit. Gebhardt brachte einen Freistoß nach innen und der lange Ruprecht war mit dem Kopf zur Stelle, erzielte die verdiente Führung – 1:0. Und Union ließ nicht nach, spielte weiter in Richtung gegnerisches Tor, was sich nur elf Minuten nach der Führung auszahlte. Die VfB-Abwehr produzierte im eigenen 16er eine Kerze, worauf erneut Ruprecht zum Kopfball kam. Diesen Ball konnte Stuttgarts Torhüter zwar reflexartig abwehren, aber der Ball sprang vom Querbalken zurück in den Strafraum, wo Benyamina aus dem Gewühl heraus zum 2:0 einnetzte (34.). Mit diesem Ergebnis ging es auch in die Kabinen.

Nach dem Wechsel lief das Spiel lange andersherum. Stuttgart bestimmte das Geschehen und drängte die Eisernen weit in die eigene Hälfte. Glücklicherweise konnten die Schwaben aus dieser Überlegenheit kein Kapital schlagen. Etwa zwanzig Minuten vor dem Ende ließ der Druck der Gäste wieder etwas nach, und prompt konnte Union die Entscheidung herbeiführen. Zunächst scheiterte Benyamina nach einer Dogan-Ecke noch mit einem wuchtigen Kopfball an Ulreich (69.), aber eine Minute später klappte es dann besser, und der Angreifer konnte erneut nach Eckball per Kopf sein zweites Tor markieren (70.). Damit waren die Messen in diesem Spiel auch gesungen. Zwar konnte Hofmann (77.) noch für die Gäste treffen, aber das Tor kam zu spät, als das man die nun wieder sicherer wirkenden Berliner noch einmal in Gefahr hätte bringen können. Auch wenn die zweite Hälfte nicht wirklich überzeugend war, an dem Sieg gibt es nichts zu deuteln.
Nur im letzten Halbsatz wird die Gegenwartsform verwendet, der hat aber mit dem Spielgeschehen selbst nichts mehr zu tun.

nach oben springen

#4

RE: Der Zwang zur Gegenwartsform

in Deutsch in Medien und Literatur 12.08.2008 15:44
von Spacenite • 3 Beiträge

O.K., vielleicht hat das von mir verwendete Beispiel zu sehr abgelenkt.

Ich höre bspw. bei N-Tv einen Satz wie: "Am Abend kommen bei einem Gefecht in Georgien 10 russische Soldaten ums Leben". (Gemeint ist der Vorabend)

Wie schaut es damit aus?

nach oben springen

#5

RE: Der Zwang zur Gegenwartsform

in Deutsch in Medien und Literatur 12.08.2008 17:15
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge
Bin dagegen.

Ich habe doch in meiner ersten Antwort schon gesagt, daß ich Präsens in Nachrichtenkontexten für nicht angemessen halte, wenn Vergangenes referiert werden soll. Das Beispiel von n-tv, das Sie nennen, halte ich persönlich für einen sehr freizügigen bis schlampigen Sprachgebrauch. In neutraler, seriöser Berichterstattung gehört für mich Vergangenes ins Präteritum, und eine Rechtfertigung für den Gebrauch des historischen Präsens ist hier nicht gegeben. Bei Fußball mag das anders sein.

Wie entsteht so ein Präsensgebrauch wie in Ihrem Beispiel? Nach meiner Annahme gehen hier dem Journalisten, Kommentator, Reporter die grammatischen Gäule durch. Ich vermute einmal, daß sich auf psychologischer Ebene etwa das Folgende abspielt:

Ein Journalist, in seiner subjektiven Gegenwart, betrachtet Bildmaterial, das sich auf objektiv Vergangenes bezieht. Während des Betrachtens produziert er seinen Wortbeitrag. Dabei interpretiert der Journalist das Gesehene unbewußt als objektive Gegenwart. Es verwischen also objektive Vergangenheit und subjektive Gegenwart im Bewußtsein dessen, der den Text produziert. Heraus kommt dann so etwas, das sich wie ein im Präsens gehaltener Live-Kommentar zu ablaufenden Bildern anhört, ähnlich wie bei den schon angesprochenen Sportreportagen. Dies wird dann ohne weitere Korrekturen so ausgestrahlt.

Und kein Lektor greift ein und protestiert: "Moment! Das Ganze war gestern abend, also kamen die 10 Soldaten ums Leben. Die sind schließlich schon tot!"

Es kann natürlich auch sein, daß der Journalist seine Tempora absichtlich wählt oder sogar eigenen Hausregeln folgt. Das können wir hier nicht beurteilen. Ich hoffe aber dagegen.
zuletzt bearbeitet 12.08.2008 17:20 | nach oben springen

#6

RE: Der Zwang zur Gegenwartsform

in Deutsch in Medien und Literatur 12.08.2008 19:50
von AndyOSW • 631 Beiträge

Zitat von Schamane
Es kann natürlich auch sein, daß der Journalist seine Tempora absichtlich wählt oder sogar eigenen Hausregeln folgt. Das können wir hier nicht beurteilen. Ich hoffe aber dagegen.
Ich muss Deine Hoffnungen zerschlagen. Hier wird in Punkt 3.4, Buchstabe b) geraten, die Gegenwartsform zu wählen. Auch beim Globetrotter-Magazin gibt es diesen Tipp in seiner Anleitung: "Wie schreibe ich fürs Globetrotter-Magazin?". Die Liste ließe sich wahrscheinlich fortsetzen. Aber wie gesagt, es gibt Ausnahmen.

nach oben springen

#7

RE: Der Zwang zur Gegenwartsform

in Deutsch in Medien und Literatur 12.08.2008 20:15
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge

n-tv ist doch keine Schülerzeitung.
(?)

nach oben springen

#8

RE: Der Zwang zur Gegenwartsform

in Deutsch in Medien und Literatur 13.08.2008 08:07
von Spacenite • 3 Beiträge

Zunächst mal vielen Dank für die ausführlichen Antworten!

Es scheint vor allem ein Problem der privaten Sender zu sein, bei den öffentlich-rechtlichen erlebe ich diese wundersamen Zeitverschiebungen nur selten bis garnicht. Ich denke auch die Texter der Privaten Anstalten wissen es besser, sind aber davon überzeugt nur dann aktuell rüber zu kommen, wenn sie auch alles im hier und jetzt ansiedeln. Mich nervt dieser gekünstelte Umgang schon lange...

Nochmals vielen Dank!

nach oben springen

#9

RE: Der Zwang zur Gegenwartsform

in Deutsch in Medien und Literatur 13.08.2008 12:38
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge
Nichts zu danken.

Zitat von Spacenite
Ich denke auch die Texter der Privaten Anstalten wissen es besser, sind aber davon überzeugt nur dann aktuell rüber zu kommen, wenn sie auch alles im hier und jetzt ansiedeln.


Ich lasse mich überzeugen und stelle meine zusammengeschusterte Theorie über absolute Zeit und relatives Zeitempfinden im Journalistengehirn fürs erste nach hinten.

Es wird bewußt und absichtlich im Präsens referiert, damit alles, aber auch wirklich alles als breaking news* nach CNN-Vorbild herüberkommt. Oder um den Eindruck zu erwecken, als säße der Texter persönlich mitten im Bombenhagel.

Es bleibt aber trotzdem falsch. Nicht nur grammatisch, um dem Eindruck sprachlicher Pedanterie entgegenzuwirken. Gestern ist nicht heute, egal wie die eine oder andere Redaktion sich darzustellen für nötig hält.

* Verdeutschungsvorschlag: Nachrichteneinbruch? ;-)
zuletzt bearbeitet 13.08.2008 14:55 | nach oben springen


Aktion Deutsche Sprache, Hannover | Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache des 20. Jh. | Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt | Deutsch-Netz.de, Lippstadt | Deutsche Sprachwelt, Erlangen | Die Seiten für Rechtschreibung | Forschungsgruppe Deutsche Sprache e.V., Aschaffenburg | Institut für Deutsche Sprache, Mannheim | Neue Fruchtbringende Gesellschaft zu Köthen/Anhalt e.V. | Sprachkreis Deutsch, Bern | Sprachpflege.info, Erlangen | Stiftung Deutsche Sprache e.V., Berlin | Verein Deutsche Sprache e.V., Dortmund | Verein für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege e.V., Schwaig bei Nürnberg | Woxikon | www.wortpatenschaft.de
Besucher
0 Mitglieder und 2 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: jokergreen0220
Forum Statistiken
Das Forum hat 659 Themen und 4758 Beiträge.

Heute waren 0 Mitglieder Online:



Xobor Forum Software von Xobor