#1

Sprachpanscher 2008

in Aktivitäten zur Sprachpflege 30.08.2008 21:55
von AndyOSW • 631 Beiträge
Zitat von VDS
* Der Verein Deutsche Sprache e.V., dem weltweit über 31.000 Mitglieder angehören, hat Klaus Wowereit, den Regierenden Bürgermeister von Berlin, zum Sprachpanscher des Jahres 2008 gewählt. Zum Tag der Deutschen Einheit hatte er Werbefahnen über dem Brandenburger Tor mit Texten flattern lassen, wie: Power for Peace - Power for unity - Power for understanding. Und jüngst warb er für die deutsche Hauptstadt mit Be Berlin. Nach dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger, der die deutsche Sprache nur noch als Feierabenddialekt bestehen lassen will, ist Wowereit bereits der zweite Chef einer Landesregierung, dem diese zweifelhafte Ehre zuteil wird.
Mit großem Abstand auf dem zweiten Platz landete Ann Kathrin Linsenhoff, die Vorsitzende der Deutschen Sporthilfe, die in Berlin die Hall of Fame für verdiente deutsche Sportler eingerichtet hat. "Vielleicht sind ja die Olympischen Spiele, bei denen alle Sportler stolz ihre Heimat repräsentieren, auch für Frau Linsenhoff ein Anlass, deutschen Sportlern eine deutsch benannte Ehrenhalle einzurichten," erklärte VDS-Vorsitzender Walter Krämer gegenüber dpa.
Weitere Informationen bei dem für die Sprachpanscherwahl zuständigen Vorstandsmitglied des VDS,
Dr. Gerd Schrammen, Tel.: (0551) 21723, Fax: (0551) 2097285, E-Postfach: ge.schrammen@web.de.

Der größte VDS aller Zeiten hat gesprochen: "Be Berlin" ist die größte sprachpolitische Entgleisung des Jahres 2008. Dumm nur, dass die Werbekampagne Berlins nach innen "Sei Berlin" heißt und der Spruch "Be Berlin" für die Kampagne nach außen zuständig ist. Hat sich doch der VDS wieder einmal zum Löffel gemacht, da er schon voriges Jahr einen Eigennamen als Anglizismus verteufelt hat. Jetzt darf man also seine internationalen Gäste außerhalb Deutschlands nicht mehr englisch anreden. Aber was rege ich mich auf, jeder weiß doch, dass der VDS nicht gegen Anglizismen in Deutschland kämpft, sondern gegen die englische Sprache und die Kultur der anglophonen Menschen überhaupt.
zuletzt bearbeitet 31.08.2008 00:49 | nach oben springen

#2

RE: Sprachpanscher 2008

in Aktivitäten zur Sprachpflege 31.08.2008 10:07
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge
VDS hin, VDS her, diesmal haben sie meiner Meinung nach nicht schlecht gewählt.

An anderer Stelle habe ich schon einmal ausgeführt, wie sinn- und substanzlos ein Slogan wie "Be Berlin" ist. Man kann als Mensch keine Stadt sein. Vielleicht geht das ja noch so gerade eben für die tatsächlichen Einwohner Berlins, aber als Nichtberliner oder gar Ausländer sehe ich da wenig Möglichkeiten. Da ist es auch unerheblich, in welcher Spreche eine derart absurde Aufforderung an das nicht-berliner Individuum gerichtet ist. "Sei Berlin" ist genauso sinnlos wie "Be Berlin", "Wees Berlin", "Sois Berlin" oder "Berolina esto". Man muß nicht notwendigerweise Englisch oder gar Denglisch sprechen, um sinnfreien Blödsinn von sich zu geben.

Auch die anderen vom VDS mokierten Slogans sind geballter Quatsch. Das ist überhaupt kein Englisch, sondern nur englisch klingen sollender Textermüll.

Power for Peace - Power for unity - Power for understanding.

Was soll das denn nun konkret heißen? Kraft für Frieden? Kraft für Einheit? Kraft für Verständnis? Oder "Macht"? Macht für Frieden? Macht für Einheit? Macht für Verständnis? Auch hier kommt kein Sinn heraus. Diese drei inhaltsleeren Pseudo-Phrasen kann sich nur ein deutscher Texter aus den Fingern gesogen haben, denn kein englischer Muttersprachler hätte sich derartig Sinnfreies aus dem Ärmel geschüttelt. Außerdem ergeben sich nicht nur bei manchem Amerikaner und Briten, besonders in Berlin, ungute Assoziationen, wenn der Deutsche das Wort "power" in die Gegend brüllt, aber das am Rande.

Darf man seine ausländischen Gäste auf Englisch anreden? Sicher doch. Aber doch bitte mit einem Englisch, das Inhalt trägt, eine verständliche Aussage vermittelt und vor allem kein Gestammel aus sinnfrei zusammengeklebten Vokabeln ist. Sonst bewegen sich die Reaktionen nämlich im Raum zwischen "Huh? What the fuck?", "Balderdash" und "This does not make sense. What sort of content are they trying to convey?"

Der Sprachpanscherpreis ist verdient, für besondere Verdienste um die Produktion von sinnfreiem Gewäsch ohne Gefühl für die Zielsprache. Dem internationalen understanding wird so jedenfalls keine power zuteil.
zuletzt bearbeitet 31.08.2008 10:17 | nach oben springen

#3

RE: Sprachpanscher 2008

in Aktivitäten zur Sprachpflege 31.08.2008 11:40
von AndyOSW • 631 Beiträge

Kann man sehen, wie man will.

Bleibt für mich noch der Umstand, dass der VDS immer nur in die "ungefähre Richtung" zielt. Einerseits werden dann mal eben so ein paar Phrasen aus dem Kontext gefischt, über deren Qualität sich streiten ließe, auch wenn sie auf Deutsch gewesen wären. Andererseits muss immer wieder der Repräsentant dran glauben, nicht der Urheber.

Der VDS wettert doch sonst immer gegen bestimmte Werbefachlaute, warum erhält den "Preis" dann nicht die ausführende Medienagentur? Das wäre für mich nachvollziehbarer als diese ständige Herumhackerei auf Vorständen und Politikern. Beim Oettinger hatten sie natürlich Recht, der hat seinen Unsinn selbst gesagt...

Ein Gegenpreis (z.B. "Sprachmeister des Jahres") wäre vielleicht nicht schlecht, dann würde der VDS nicht immer nur als "Meckerverein" dastehen. Dieses zur Zeit vergebene sogenannte "Sprachsiegel" ist für den Allerwertesten, das wird nicht verliehen, das muss man für viel Euro kaufen...

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#4

RE: Sprachpanscher 2008

in Aktivitäten zur Sprachpflege 31.08.2008 12:12
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge
1) Der "Sprachwahrer des Jahres" ist doch schon besetzt. Er wird von der Deutschen Sprachwelt ernannt. Sogar Seine Heiligkeit findet sich in der Liste.

Bisherige Preisträger: Porsche AG, Rolf Zuckowski, Initiative Sprachlicher Verbraucherschutz, Edda Moser, Natascha Kampusch, Centaur, Stadt Mühlhausen, Josephine Ahrens, Benedikt XVI., Mathias Döpfner, Karin Pfeiffer-Stolz, Bastian Sick, Akademiepräsidenten, Deutschsprachige Universität Budapest, VDS-Gruppe Stuttgart, Reiner Kunze, Katharina Burkhardt, Harald Schmidt, Theodor Ickler, Pforzheimer Versandhandel, Martin Mosebach, Karl-Heinz-Requard, Peter Vogelgesang, FAZ

http://www.deutsche-sprachwelt.de/sprachwahrer/

2) Sicher wäre es nicht unangemessen, der verantwortlichen Medienagentur den Preis zukommen zu lassen. Aber ich meine, daß nicht nur der Textproduzent verantwortlich ist, wenn sprachlicher Ramsch unter die Völker gebracht wird, sondern auch der Großabnehmer, der den Ramsch bestellt, absegnet und in Verkehr bringt. Insofern wird hier schon der richtige Esel geprügelt, finde ich. (Bitte das mit dem Esel nicht wörtlich nehmen.)
zuletzt bearbeitet 31.08.2008 21:22 | nach oben springen


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