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Ulrich Wickert: "Das Deutsche kann viele Slalomstangen einschlagen, um die sich der Ausdruck schlängelt."

in Aktivitäten zur Sprachpflege 02.11.2008 18:30
von AndyOSW • 631 Beiträge
Ulrich Wickert hält die Festrede beim Kulturpreis Deutscher Sprache

Vorbildlichen Umgang mit der deutschen Sprache würdigt der Kulturpreis Deutsche Sprache, der heute (1.11.08) in Kassel vergeben wird. Den Initiativpreis erhält die Übersetzerin Marica Bodrozic, den Institutionenpreis die Schweizer Post. Der frühere Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert hält die Festrede

Der frühere Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert hält die Festrede.

Warum heißt Ihre Rede "Vom Glück, deutsch zu sprechen"? Ulrich Wickert: Ich finde es sehr mutig, wenn man einen Zigeuner wie mich ermutigt, eine Lobrede aufs Deutsche zu halten. Ich habe im Ausland oft erlebt, wie Witze über das Deutsche gerissen wurden, dies sei eine harte, unverständliche Sprache. Mein Redentitel ist ironisch gemeint, schließlich habe ich ein Buch geschrieben, das heißt: "Vom Glück Franzose zu sein".

Können Sie denn das Deutsche trotzdem würdigen?

Wickert: Ja, ich werde über die Sprache als Symbol kollektiver Identität sprechen. Denn wir müssen uns bewusst machen, sprechen und denken sind eins. Auch die deutsche Sprache ist belastet durch die Nazizeit, so gibt es immer noch viele Sprachtabus.

Sollte man dagegen etwas tun?

Wickert: Ja, wir sollten versuchen, diese Tabus zu aufzudecken und zu bewältigen. Zum Beispiel Uniform. In deutschen Schulen spricht man nur von Schulkleidung. Wir können aber lernen, dass Uniform nicht notwendigerweise gleich mit Militär gleichgesetzt werden muss. Uniform bedeutet doch auch Einheitskleidung. Außerdem ist es sinnvoll, deutsche Begriffe in der Sprache zu benutzen, statt Fremdworte, wie etwa Holocaust: Als ich die Tagesthemen moderiert habe, habe ich nicht den Begriff Holocaust benutzt, sondern in diesem Fall immer von Judenvernichtung gesprochen. Das klingt brutaler, aber die Judenvernichtung war ja auch so brutal. Holocaust ist als Begriff zu abstrakt und verschleiert.

Ist also Sprache dann gut, wenn sie schonungslos ist?

Wickert: Es geht nicht um die Frage, schonungslos oder nicht, sondern um die Genauigkeit eines Ausdrucks. Orwell hat in seinem Roman 1984 vor dem Neusprech gewarnt. Neusprech verwandelt negative Begriffe in schöne klingende Worte. So kann das Volk keine Kritik mehr üben. Und diesen Neusprech haben wir uns auch angewöhnt.

Haben Sie ein Beispiel?

Wickert: Es gibt das Laster der Gier. Aber gedrängt durch die Ökonomisierung des Lebens haben wir die Gier positiv in Profitmaximierung umgedeutet. Das kling schon ganz positiv, weil dem Wort ein positiver Kontext unterstellt wird. Es geht aber um Gier.

Sind Sie ein Gegner von Anglizismen?

Wickert: Nicht unbedingt. Die deutsche Sprache stand immer schon unter dem Einfluss anderer Sprachen. Im 19. Jahrhundert war es das Französische. Ich wehre mich aber gegen die Faulheit, mit der einfach Ticketcounter oder Center gesagt wird statt Ticketschalter oder Zentrum. Ich hasse das. Oder Handy. Der Begriff klingt Englisch, existiert aber im Englischen überhaupt nicht. Da liebe ich die Franzosen, die suchen sich eigene Begriffe für Neues.

Gibt es etwas, für das Sie das Deutsche besonders mögen?

Wickert: Die deutsche Sprache lässt viele Differenzierungen zu. Nehmen Sie einen Satz wie "Er ist ja eigentlich ganz nett". Das kann man so auf Französisch nicht formulieren. Da gibt es diese Wörtchen "ja" und "eigentlich", die die freundliche Aussage bremsen und einschränken. Das Deutsche kann viele Slalomstangen einschlagen, um die sich der Ausdruck schlängelt."

Von Bettina Fraschke, HNA online

Mittlerweile ist der Kulturpreis vergeben, dpa dazu:
Zitat von dpa
Kulturpreis Deutsche Sprache vergeben

Kassel. (dpa) Die deutsch-kroatische Schriftstellerin Marica Bodrozic ist in Kassel mit dem Kulturpreis Deutsche Sprache geehrt worden. Die 35-Jährige erhielt am Samstag die mit 5000 Euro dotierte Auszeichnung für ihre «sensiblen und berührenden Reflexionen über die reichen Ausdrucksmöglichkeiten, die ihr die deutsche Sprache bietet», sagte Jurychef Helmut Glück. Obwohl sie erst mit zehn Jahren angefangen habe, Deutsch zu lernen, verfasse sie in ihrer zweiten Muttersprache «zauberhafte Texte». Den undotierten Institutionenpreis erhielt die Schweizer Post, weil sie sich englischen Einflüssen stelle und nicht ergebe.

Bodrozic sagte, der Preis sei für sie etwas besonderes, weil damit nicht ihre Literatur direkt, sondern ihre Art zu kommunizieren hervorgehoben worden sei. «Diese Sprache hat mich zu meinem Leben geführt. Der Abschied von der einen, das Ankommen in der anderen Sprache hat mich damals sehr bewegt und mein Leben beeinflusst», sagte die Autorin, die mit zehn Jahren aus Jugoslawien nach Deutschland kam. «Damals wollte ich eigentlich singen und spielen, aber nicht schreiben. Dass ich jetzt geehrt werde, berührt mich tief. Und der Brief mit der Mitteilung kam auch noch von einem Menschen, der Glück heißt.»

Die Schweizer Post bekam den Institutionenpreis, weil sie Englisch in ihrer Werbung und internen Kommunikation zwar zulasse, aber bewusst damit umgehe. So heiße es Tastatur und Sicherheitskopie statt Keyboard und Backup, zugleich aber auch Notebook, E-Mail und Computer. «Wir wollten einfach etwas gegen diese abartigen Anglizismen tun. Englisch ist wichtig und genehm, aber es wird oft benutzt, wo es nicht passt, von Menschen, die es nicht aussprechen können, für andere Menschen, die es nicht verstehen.» Vermutlich sei der Kampf gegen dieses Englisch schon verloren. «Aber man muss ihn führen»

Der Sprachpreis besteht eigentlich noch aus einem drittel Teil. Dieser Jacob-Grimm-Preis, den seit 2001 zum Beispiel Rolf Hochhuth, Vicco von Bülow (Loriot) und zuletzt «FAZ»-Herausgeber Frank Schirrmacher erhielten, wurde in diesem Jahr nicht vergeben. Zwar habe es eine «relativ prominente Person» gegeben, sagte Jurysprecher Glück. Die seit langem geplante Preisverleihung sei aber mit persönlichen Terminen kollidiert. Wer diese «relativ prominente Person» ist, sagte Glück nicht.
zuletzt bearbeitet 02.11.2008 18:30 | nach oben springen


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