#1

Unwort des Jahres 2008 gesucht

in Deutsch in Medien und Literatur 29.12.2008 21:50
von AndyOSW • 631 Beiträge | 631 Punkte

Frankfurt/Main (dpa/lhe) - Die Suche nach dem «Unwort des Jahres 2008» hat begonnen. Zum 18. Mal werden sprachliche Missgriffe gesucht, die im laufenden Jahr besonders negativ aufgefallen sind, weil sie sachlich grob unangemessen sind oder sogar die Menschenwürde verletzen.

Wie der Initiator der sprachkritischen Aktion, der Frankfurter Germanist Prof. Horst Dieter Schlosser, am Donnerstag (23. Oktober) mitteilte, sind die Bürger bis 9. Januar 2009 aufgefordert, einzelne Wörter oder Formulierungen vorzuschlagen. Die Beispiele sollen aus der öffentlichen Kommunikation stammen, etwa aus Politik, Verwaltung, Kulturinstitutionen, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft und Technik. Die Quelle für die Äußerung sollte nach Möglichkeit auch angegeben werden.

Schon vor dem offiziellen Start sind mehr als 500 Sprachschöpfungen vorgeschlagen worden. Als Beispiele nannte Schlosser «Menschenrest» für Schwerstpflegebedürftige, «Morbiditätszuschlag» im Gesundheitsfonds, und «Rentnerdemokratie», von der Ex-Bundespräsident Roman Herzog gesprochen habe. Unwortverdächtig seien zudem «intelligente Wirksysteme» als Beschreibung für eine neuartige Artilleriemunition und «notleidende Kreditinstitute». Die Entscheidung trifft eine unabhängige Jury, dabei kommt es nicht darauf an, wie häufig ein Begriff vorgeschlagen wurde.

Im vergangenen Jahr war «Herdprämie» zum Unwort des Jahres gewählt worden, nach «freiwillige Ausreise» (2006) und «Entlassungsproduktivität» (2005). 2000 wurde außerdem «Menschenmaterial» zum «Jahrhundert-Unwort» gekürt. Erstmals wurde 1991 ein Unwort des Jahres verkündet.

Weitere Informationen: http://www.unwortdesjahres.org
---
Für mich persönlich ist und bleibt das einzige Unwort das Wort "Unwort" selbst. Stammt es nicht aus dem Orwellschen Roman "1984" und bezeichnet dort nicht eher ein Wort, dass den Herrschenden nicht passte, da zu negativ?

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#2

RE: Unwort des Jahres 2008 gesucht

in Deutsch in Medien und Literatur 30.12.2008 13:25
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge | 1013 Punkte
Die Parteisprache Neusprech in Orwells "1984" ist selbst voller sogenannter Unwörter.

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Für mich ist nicht das Wort "Unwort" selbst ein Unwort. Unwörter sind nach meiner Definition Begriffe, die den Menschen zum Objekt und Instrument von materiellen oder Machtinteressen degradieren. Unwörter sind Negationen der Menschenwürde. Das Unwort des Jahrhunderts, "Menschenmaterial", ist deshalb perfekt gewählt.

Auch das vorgeschlagene Wort "Menschenrest" fällt in diese Kategorie. Hier werden Menschen zu einem zu entsorgenden "Rest" materialisiert, also entmenschlicht. Das ist mehr als Zynismus; das ist Menschenverachtung in der denkbar abstoßendsten Weise.

Nicht ganz so ekelerregend ist das Unwort "Humankapital", zumindest nicht, wenn man die eigentliche ökonomische Definition als Einkommenserzielungspotential zugrundelegt. Nichtsdestoweniger assoziiert dieser Begriff eine Haltung, die den Menschen auf eine Funktion potentieller Gewinnerzielung reduziert, ihn also ökonomistisch als Investitionsobjekt intrumentalisiert. Dies ist natürlich kein Fall von Menschenverachtung, sondern nur von Betriebs(wirtschafts)blindheit.

Also ein Schlußwort: Unwörter gibt es durchaus, und es sind die Fachtermini der Unmenschlichkeit.
zuletzt bearbeitet 30.12.2008 15:31 | nach oben springen

#3

RE: Unwort des Jahres 2008 gesucht

in Deutsch in Medien und Literatur 10.01.2009 22:34
von Fritz-Franz • 675 Beiträge | 675 Punkte

Warum nicht – wenn auch verspätet –: Rechtschreibreform?

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#4

RE: Unwort des Jahres 2008 gesucht

in Deutsch in Medien und Literatur 11.01.2009 00:31
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge | 1013 Punkte

Rechtschreibreform ist doch kein Unwort.
Unfug ist der passende Begriff.
Unsinn, Unding, Unflat, Unrat, unausgegoren, unterallersau passen auch alle ganz gut.

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#5

RE: Unwort des Jahres 2008 gesucht

in Deutsch in Medien und Literatur 20.01.2009 18:55
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge | 1013 Punkte

Es ist gefunden, das Unwort des Jahres 2008:

http://www.tagesschau.de/inland/unwort106.html

Größter sprachlicher Missgriff 2008
"Notleidende Banken" ist "Unwort des Jahres"

Das "Unwort das Jahres" 2008 heißt "notleidende Banken". Ausgewählt wurde der Sieger aus mehr als 2100 Vorschlägen, teilte die Jury um den Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser in Frankfurt am Main mit. Die Formulierung "notleidende Banken" stelle das Verhältnis von Ursachen und Folgen der Weltwirtschaftskrise auf den Kopf, sagte Schlosser zur Begründung der Entscheidung. Während die Volkswirtschaften in ärgste Bedrängnis gerieten und die Steuerzahler Milliardenkredite mittragen müssten, würden die Banken mit ihrer Finanzpolitik, durch die die Krise verursacht wurde, zu Opfern stilisiert.

Ebenfalls vorgeschlagen worden waren "unwortverdächtige" Sprachschöpfungen wie "Rentnerdemokratie" und "Karlsruhe-Touristen".



Keine schlechte Wahl.

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#6

RE: Unwort des Jahres 2008 gesucht

in Deutsch in Medien und Literatur 20.01.2009 21:54
von AndyOSW • 631 Beiträge | 631 Punkte

Dem stimme ich zu, hätte es aber erweitert auf "Notleidende Branchen", da ja auch die Autoindustrie am Staatstropf hängt. Mal sehen, wann der Mittelstand die Hand ausstreckt...

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#7

RE: Unwort des Jahres 2008 gesucht

in Deutsch in Medien und Literatur 21.01.2009 00:38
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge | 1013 Punkte
Der kriegt höchstens 'was auf die Finger, aber bestimmt nichts auf die Kralle.
zuletzt bearbeitet 21.01.2009 00:47 | nach oben springen

#8

RE: Unwort des Jahres 2008 gesucht

in Deutsch in Medien und Literatur 23.01.2009 21:49
von David-Isaak G. • 11 Beiträge | 11 Punkte

Zitat von AndyOSW
Für mich persönlich ist und bleibt das einzige Unwort das Wort "Unwort" selbst.
Ich stimme dir zu. Die Vorsilbe "Un" sagt doch, dass das nachstehende Wort letztendlich verneint wird. Aber wenn es sich nicht um ein Wort handelt - was ist es dann?
Es kann kein "Unwort" geben, sondern nur Geräushe, Laute.
Aber das übersehen die Sprachgelehrten anscheinend.
Also kann das was die sich früher mal als "Unwort" ausgesucht haben, in diesem Sinn kein "Unwort" sein, weil es ja doch ein Wort ist.
Und jetzt sind es gar zwei Wörter, "notleidende Banken", - wie also können zwei Wörter ein Unwort sein?
"Die spinnen, die Römer", tät Asterix jetzt sagen.

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#9

RE: Unwort des Jahres 2008 gesucht

in Deutsch in Medien und Literatur 23.01.2009 22:52
von AndyOSW • 631 Beiträge | 631 Punkte

Zitat von David-Isaak G.
Und jetzt sind es gar zwei Wörter, "notleidende Banken", - wie also können zwei Wörter ein Unwort sein?
So eng würde ich das nicht sehen.

Abgesehen von der Unwort-Diskussion, kann "das Wort" auch mehr sein als nur ein einzeln stehendes Wort, lt. Wikipedia:
Zitat von Wikipedia
"Wort bezeichnet als Kollektivum auch eine bedeutsame, kurze Aussage (Ein Wort der Weisheit, Machtwort), insbesondere wenn sie eine feste Form bilden, in die Einschübe nicht möglich sind (etwa in Sprichwort)."

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#10

RE: Unwort des Jahres 2008 gesucht

in Deutsch in Medien und Literatur 23.01.2009 23:00
von David-Isaak G. • 11 Beiträge | 11 Punkte

Zitat von AndyOSW
Abgesehen von der Unwort-Diskussion, kann "das Wort" auch mehr sein als nur ein einzeln stehendes Wort, ... (etwa in Sprichwort)."
Danke. Dieser Einwand leuchtet mir ein. Ich kenne Sprichworte und die haben mehr als ein Wort. Vielleicht sollte ich auch zwecks der Definition von einen Begriff öfetr mal bei Wkipedia nachsehen.

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#11

RE: Unwort des Jahres 2008 gesucht

in Deutsch in Medien und Literatur 08.02.2009 00:54
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge | 1013 Punkte

Was also macht ein Wort zum "Unwort"?

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#12

RE: Unwort des Jahres 2008 gesucht

in Deutsch in Medien und Literatur 06.09.2009 17:54
von Aktivdenker • 27 Beiträge | 27 Punkte

Solch sinnfrei Fragen können nur die Genormten stellen.

ACHTUNG - IRONIE!
Un_Kraut vergeht nicht.


Zitat Ludwig Wittgenstein:
"Wieviel von dem, was wir tun, besteht darin, den Stil des Denkens zu ändern, und wielviel von dem, was ich tue, besteht darin, den Stil des Denkens zu ändern, und wieviel tue ich, um andere zu überzeugen, ihren Denkstil zu ändern."

zuletzt bearbeitet 06.09.2009 17:54 | nach oben springen


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