#1

Höhere Finanzmathematik: Kerschhofer kein Tucholsky

in Deutsch in Medien und Literatur 04.01.2009 17:20
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge

Aus der Financial Times Deutschland:
http://www.ftd.de/lifestyle/outofoffice/...eit/432416.html

Dichtung und Wahrheit
von Hanna Grabbe (Hamburg)

Rasend schnell verbreitet sich im Internet ein Gedicht zur Finanzkrise, das angeblich von Kurt Tucholsky stammt. Doch das ist eine Legende - der wahre Autor ist putzmunter. Wir haben mit ihm gesprochen. Und sein Werk gleich mal vertont.

Witze über Banker, auf die Krise umgetextete Lieder, Reime zum Finanzdesaster - in den E-Mail-Accounts der Republik landen derzeit allerlei Spinnereien zur aktuellen Krise. Besonders ein Gedicht erfreut sich großer Beliebtheit, seit über zwei Wochen schon spukt es durch das Netz - weil es hochaktuell wirkt, aber angeblich von Kurt Tucholsky stammt und bereits 1930 in der links-intellektuellen Wochenzeitschrift "Weltbühne" erschienen sein soll. "Höhere Finanzmathematik" heißt das Gedicht, das in zehn gefälligen Paarreim-Strophen einmal so richtig mit der "Spekulantenbrut", "Derivaten" und "Leerverkäufen" abrechnet.

Doch der Text stammt aus anderer Feder. Tucholsky konnte 1930 noch gar nicht wissen, was Derivate überhaupt sind. "Das Gedicht ist definitiv nicht von Tucholsky", sagt Friedhelm Greis, der für die Berliner Tucholsky-Gesellschaft arbeitet.

Nur vielen ist das egal, zu schön ist die Geschichte für all die Profi-Schwarzseher in den Internetforen. Jawohl, denken sie, Geschichte wiederholt sich. Und "Tucho", der Fuchs, hat das bereits vor 80 Jahren gewusst und vorsorglich den nächsten großen Börsencrash bereimt. Und so verbreitet sich die angebliche "Tucholsky"-Lyrik schneller als die Masern.

Wer die ersten beiden Zeilen des Gedichts googelt, erzielt knapp 2000 Treffer. Unzählige davon nennen Tucholsky als Autor der Zeilen - auch in den Internetforen seriöser Zeitungen wie der "Zeit" oder der "Süddeutschen Zeitung" taucht der Dichter als Urheber auf. Die "Nürnberger Nachrichten" veröffentlichten die Strophen sogar in ihrerer gedruckten Ausgabe mit dem Kommentar: "Kurt Tucholskys Werke sind auch heute noch von verblüffender Aktualität." Offenbar ohne zu prüfen, ob die Strophen wirklich von ihm sind.

Tucholsky-Experte Greis versucht auf seiner Internetseite Sudelblog.de die Entstehung des Missverständnisses zu rekonstruieren: Ursprung der Legende sei wahrscheinlich eine Website, auf der eine tatsächlich 1930 in dem Magazin "Weltbühne" erschienene Kapitalismusschelte von Tucholsky steht - direkt unter den Versen, die ihm jetzt zu Unrecht zugeschrieben werden. Unter diesen wird als Autor das Pseudonym "Pannonicus" angegeben.

Schnell spekulierten einige im Internet, ob sich dahinter ein gewisser Richard Kerschhofer aus Wien versteckt. Und tatsächlich: Ja, "Pannonicus" sei sein Pseudonym, bestätigt der Wirtschaftswissenschaftler der FTD. Seit seiner Pensionierung widmet sich der inzwischen 69-Jährige dem Schreiben ungezählter Leserbriefe, Kolumnen und Gedichte. Die Reime zur Finanzkrise veröffentlichte er zum ersten Mal am 27. September in der konservativen "Preußischen Allgemeinen Zeitung". Nebenbei schreibt Kerschhofer auch für das eher rechtsgerichtete Magazin "Zeitbühne".

Kerschhofer in der "Zeitbühne", Tucholsky in der "Weltbühne" - das klänge ja auch alles sehr ähnlich, versuchen die Blogger nun ihren Irrtum zu entschuldigen. Tucholsky selbst dreht sich wahrscheinlich in seinem Grab in Mariefred um. Und auch Kerschhofer kann die Verwechslung überhaupt nicht nachvollziehen: "Kurt Tucholsky hat nicht annähernd so saubere Reime geschrieben wie ich" - das bietet doch mal Stoff für die nächste Debatte über das Gedicht.

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#2

RE: Höhere Finanzmathematik: Kerschhofer kein Tucholsky

in Deutsch in Medien und Literatur 04.01.2009 17:25
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge
Hier das Gedicht Dr. Richard G. Kerschhofers ("pannonicus"), das ohne Wissen und Wollen des Autors eine Zeitlang unter falscher Tucholsky-Flagge durch die virtuellen Weiten trudelte:


Höhere Finanzmathematik

Wenn die Börsenkurse fallen,
regt sich Kummer fast bei allen,
aber manche blühen auf:
Ihr Rezept heißt Leerverkauf.

Keck verhökern diese Knaben
Dinge, die sie gar nicht haben,
treten selbst den Absturz los,
den sie brauchen – echt famos!

Leichter noch bei solchen Taten
tun sie sich mit Derivaten:
Wenn Papier den Wert frisiert,
wird die Wirkung potenziert.

Wenn in Folge Banken krachen,
haben Sparer nichts zu lachen,
und die Hypothek aufs Haus
heißt, Bewohner müssen raus.

Trifft's hingegen große Banken,
kommt die ganze Welt ins Wanken
auch die Spekulantenbrut
zittert jetzt um Hab und Gut!

Soll man das System gefährden?
Da muss eingeschritten werden:
Der Gewinn, der bleibt privat,
die Verluste kauft der Staat.

Dazu braucht der Staat Kredite,
und das bringt erneut Profite,
hat man doch in jenem Land
die Regierung in der Hand.

Für die Zechen dieser Frechen
hat der kleine Mann zu blechen
und – das ist das Feine ja –
nicht nur in Amerika!

Und wenn Kurse wieder steigen,
fängt von vorne an der Reigen –
ist halt Umverteilung pur,
stets in eine Richtung nur.

Aber sollten sich die Massen
das mal nimmer bieten lassen,
ist der Ausweg längst bedacht:
Dann wird bisschen Krieg gemacht.


---

Nur ein paar kleine, ganz subjektive Anmerkungen.

Monoton trottet ein streng durchgehaltener, simpel gestrickter, paargereimter, vierzeiliger, vierfüßiger Trochäus durch die Ereignisse seit Oktober 2008. Das Gedicht ist zudem nicht ohne Längen und Redundanzen. Auch ein paar sprachlich schwache Formulierungen, "echt famos", "wird bißchen Krieg gemacht", lassen den Verdacht zumindest technischer Mittelmäßigkeit aufkommen.

In der zweiten Strophe aber landet Kerschhofer einen absoluten satirischen Volltreffer:

Keck verhökern diese Knaben
Dinge, die sie gar nicht haben


Jawoll. Kabumm. Faust aufs Auge, mitten ins Schwarze, Treffer, versenkt.

Wilhelm Busch höchstselbst - und die Parallele erscheint mir durchaus gewollt - hätte es nicht besser gekonnt. Von dessen bekannten Vers über Rotwein und alte Knaben einmal abstrahiert, ist hier in zehn Worten eine umfassende Definition der finanztechnischen Erscheinung der "Leerverkäufe" gelungen, oder, um im adäquaten Jargon zu bleiben, des "short selling." Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Dem Pannonicus gebührt für diesen Zweizeiler meine uneingeschränkte Hochachtung.
zuletzt bearbeitet 04.01.2009 18:34 | nach oben springen

#3

RE: Höhere Finanzmathematik: Kerschhofer kein Tucholsky

in Deutsch in Medien und Literatur 04.01.2009 17:27
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge
Jetzt aber zum Vergleich ein authentischer Tucholsky:


Eine Frage

Da stehn die Werkmeister – Mann für Mann.
Der Direktor spricht und sieht sie an:
“Was heißt hier Gewerkschaft! Was heißt hier Beschwerden!
Es muß viel mehr gearbeitet werden!
Produktionssteigerung! Daß die Räder sich drehn!”
Eine einzige kleine Frage:
Für wen?

Ihr sagt: die Maschinen müssen laufen.
Wer soll sich eure Waren denn kaufen?
Eure Angestellten? Denen habt ihr bis jetzt
das Gehalt, wo ihr konntet, heruntergesetzt.
Und die Waren sind im Süden und Norden
deshalb auch nicht billiger geworden.
Und immer noch sollen die Räder sich drehn …
Für wen?

Für wen die Plakate und die Reklamen?
Für wen die Autos und Bilderrahmen?
Für wen die Krawatten? die gläsernen Schalen?
Eure Arbeiter können das nicht bezahlen.
Etwa die der andern? Für solche Fälle
habt ihr doch eure Trusts und Kartelle!
Ihr sagt: die Wirtschaft müsse bestehn.
Eine schöne Wirtschaft!
Für wen? Für wen?

Das laufende Band, das sich weiterschiebt,
liefert Waren für Kunden, die es nicht gibt.
Ihr habt durch Entlassung und Lohnabzug
sacht eure eigne Kundschaft kaputt gemacht.
Denn Deutschland besteht – Millionäre sind selten –
aus Arbeitern und aus Angestellten!
Und eure Bilanz zeigt mit einem Male
einen Saldo mortale.

Während Millionen stempeln gehn.
Die wissen, für wen.

Theobald Tiger: “Eine Frage”, in: Die Weltbühne, 27.1.1931, S. 123


---

Auch hier ein paar subjektive Anmerkungen.

Was Tucholsky hier thematisiert, läßt sich fast eins zu eins auf die heutige Situation übertragen.

Man braucht hier (Prosodie außen vor) nur ein paar Begriffe auszutauschen, etwa Controlling Department für Direktor, Betriebsrat für Werkmeister, Cash Flow statt drehender Räder; dazu Plasmafernseher für Bilderrahmen, Designermode für Krawatten, Trashkultur für die gläsernen Schalen. Und augenblicklich ist man mitten im ersten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends. Das konnte Tucholsky zu seinen Lebzeiten aber wirklich nicht wissen. Oder konnte er?

Denn es ist ja alles da: die jahrzehntelang bewußt gesteuerte Zurückdrängung gewerkschaftlicher Interessenvertretung der Arbeitnehmerseite; die gebetsmühlenartigen Forderungen der Unternehmerseite nach Einkommensverzicht (nur nicht bei sich selbst); ein statistisch erwiesener Rückgang der Reallöhne über Jahre hinweg; damit einhergehend die kontinuierlichen Preissteigerungen quer über den Warenkorb, ob mit oder ohne Euro-Einführung; die hausgemachte, aber nichtdestoweniger lautstark bejammerte fehlende Binnennachfrage; die "Entlassungsproduktivität" samt der notwendig mit ihr einhergehenden Prekarisierung und Ausgrenzung immer größerer Teile der erwerbsfähigen Bevölkerung von der Teilhabe an Wirtschaftswachstum und Volkseinkommen.

Wie sagt der Franzose: "Plus ça change, plus c'est la même chose."
Und der Deutsche, stabreimend: "Also alles beim alten."

---

Schlußwort:

Der gänzlich undogmatische, an sozialer Marktwirtschaft orientierte und gelegentlich auf fragwürdigem Niveau lyrisch dilettierende Schamane verleiht - eigenmächtig und unberufen - den Preis für den größten Satiriker seit Busch an den bekanntlich sozialistisch mehr als angehauchten Dr. iur. Tucholsky. Und nur, wer seinen Tucho nicht kennt, läuft Gefahr, ihm das stellenweise durchaus gelungene satirische Œuvre des bekennenden Konservativen Dr. Kerschhofer in die Schuhe schieben zu wollen.
zuletzt bearbeitet 05.01.2009 02:21 | nach oben springen

#4

RE: Höhere Finanzmathematik: Kerschhofer kein Tucholsky

in Deutsch in Medien und Literatur 06.01.2009 15:36
von AndyOSW • 631 Beiträge

Recht hat er, unser Tucho. Und dann noch in wohlformulierte Zeilen gesetzt, dass die Lektüre derselben eigentlich jedem ein Licht aufgehen lassen sollte. Als Ergänzung zu den Tucholskyschen Zeilen empfehle ich Marxens wirtschaftswissenschaftliche Werke, insbesondere "Das Kapital", Bd. 1., das auch heute noch aktuell und unwiderlegt ist.


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#5

RE: Höhere Finanzmathematik: Kerschhofer kein Tucholsky

in Deutsch in Medien und Literatur 07.01.2009 15:19
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge
Noch ein Kästner (1929) zum Thema:


Hymnus auf die Bankiers

Der kann sich freuen, der die nicht kennt!
Ihr fragt noch immer: Wen?
Sie borgen sich Geld für fünf Prozent
und leihen es weiter zu zehn.

Sie haben noch nie mit der Wimper gezuckt.
Ihr Herz stand noch niemals still.
Die Differenzen sind ihr Produkt.
(Das kann man verstehn, wie man will.)

Ihr Appetit ist bodenlos.
Sie fressen Gott und die Welt.
Sie säen nicht. Sie ernten bloß.
Sie schwängern ihr eignes Geld.

Sie sind die Hexer in Person
und zaubern aus hohler Hand.
Sie machen Geld am Telefon
und Petroleum aus Sand.

Das Geld wird flüssig. Das Geld wird knapp.
Sie machen das ganz nach Bedarf.
Und schneiden den anderen die Hälse ab.
Papier ist manchmal scharf.

Sie glauben den Regeln der Regeldetri
und glauben nicht recht an Gott.
Sie haben nur eine Sympathie.
Sie lieben das Geld. Und das Geld liebt sie.
(Doch einmal macht jeder Bankrott!)
zuletzt bearbeitet 07.01.2009 15:24 | nach oben springen

#6

RE: Höhere Finanzmathematik: Kerschhofer kein Tucholsky

in Deutsch in Medien und Literatur 10.01.2009 22:32
von Fritz-Franz • 675 Beiträge

Auf dieses Gedicht fiel auch ich herein. Falsch – auf den Namensdieb. Das Gedicht aber finde ich gut.

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