#1

Jedem sein Kaffee? (Tchibo, Esso)

in Deutsch in Medien und Literatur 14.01.2009 15:05
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge
Internetpräsenz der Tagesschau, 14.01.2009
http://www.tagesschau.de/wirtschaft/tchiboesso100.html


Tchibo und Esso beenden umstrittene PR-Aktion
Kaffeewerbung mit Nazi-Beigeschmack gestoppt

Die Unternehmen Tchibo und Esso haben eine gemeinsame Werbeaktion für Kaffeesorten an bundesweit rund 700 Tankstellen unter dem Slogan "Jedem den Seinen" gestoppt. Die Redewendung war im Dritten Reich von den Nationalsozialisten missbraucht worden. Der Schriftzug "Jedem das Seine" stand über dem Eingang des Konzentrationslagers Buchenwald bei Weimar.

Tchibo-Sprecherin Angelika Scholz sagte der "Frankfurter Rundschau", das Unternehmen habe "nie die Absicht gehabt, Gefühle zu verletzen". Der Slogan sei "unglücklich" gewählt worden. Die Plakate sollten "schnellstmöglich" wieder abgehängt werden. Esso-Sprecher Olaf Martin sagte, die beauftragte Werbeagentur habe die historische Bedeutung des Satzes offenbar nicht erkannt.

Heftige Kritik vom Zentralrat der Juden

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn, sagte der Zeitung, das Plakat sei entweder eine "nicht zu überbietende Geschmacklosigkeit" oder ein Beispiel "totaler Geschichtsunkenntnis". Dass dies immer wieder geschehe, liege zu einem "erheblichen Anteil" am unzureichenden Geschichtsunterricht an Schulen.

Beliebter Spruch in der Werbebranche

Tchibo und Esso sind nicht die ersten, die aus historischer Unkenntnis den Satz "Jedem das Seine" für PR-Zwecke verwenden, heißt es im dem Bericht. 1998 bewarb Nokia austauschbare Handy-Gehäuse. Die Plakate wurden mit dem Shakespeare-Titel "Was ihr wollt" überklebt, nachdem unter anderem das American Jewish Commitee gegen den ursprünglichen Werbeslogan protestiert hatte. Kurze Zeit später konnte der Handelskonzern Rewe ein Prospekt nicht mehr stoppen, in dem es hieß: "Grillen: Jedem das Seine". Rewe entschuldigte sich öffentlich. 1999 stoppte Burger King in Erfurt nach Protesten eine Handzettelaktion mit dem Slogan. 2001 waren Kunden entsetzt über eine Werbekampagne für Kontoführungsmodelle der Münchner Merkur-Bank.

Den Spruch "Jedem das Seine" ("suum cuique") prägte ursprünglich der Philosoph Cato der Ältere vor mehr als 2000 Jahren und wollte damit eine positive Nachricht verbreiten, nach dem Motto: Jeder Mensch soll sein Leben so gestalten können, wie er es möchte.


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Noch einmal, weil's so schön war:

Esso-Sprecher Olaf Martin sagte, die beauftragte Werbeagentur habe die historische Bedeutung des Satzes offenbar nicht erkannt.

Und der Auftraggeber auch erst ein paar Minuten später... aber immerhin. Die richtigen Konsequenzen wurden gezogen. Das ist gut so.

Nein, es sind keine verkappten Nazis, die kaffeeröstende Boutiquenkette von Tchibo und die Mineralöl-Oligopolisten und Betreiber zapfbesäulter Mini-Supermärkte von Esso.

Andererseits sind Werber und Marketingleute, man darf da nicht zuviel erwarten, natürlich auch keine Historiker. Sondern zu einem großen Teil, und diesen Verdacht werde ich nie wieder los, intellektuelle Schmalspurbimmelbähnchen und Fachidioten vor dem Herrn, deren geistiger Horizont über den Suppentellerradius ihres Metiers nicht hinausgeht.

"SVVM QVIQVE VIRGA VOBIS" hätte der alte Cato, in charakteristischer Gravitas und Brevitas ausgerufen.
zuletzt bearbeitet 14.01.2009 23:17 | nach oben springen

#2

RE: Jedem sein Kaffee? (Tchibo, Esso)

in Deutsch in Medien und Literatur 15.01.2009 17:42
von AndyOSW • 631 Beiträge

Ich weiß nicht, wer es mal gesagt hat, aber es stimmt: "Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir."

Und im Geschichtsunterricht wurde das Thema durchgenommen, in den Geschichtsbüchern war das Tor mit dem Spruch abgebildet.

Aber auch die heutigen Medien wissen davon zu berichten:

http://de.wikipedia.org/wiki/Jedem_das_Seine
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Gate_KZ_Buchenwald.jpg&filetimestamp=20060531195248

Wenn man Google bemüht, befassen sich die ersten zehn Ergebnisse mit diesem Spruch, sollten also als relevante Quellen gelten.

Prüfen die Werbetexter nicht mehr, wer in welchem Zusammenhang welches Schlagwort schon einmal verwendet hat? Dann wäre ihnen dieser "Lapsus" nicht wiederholt passiert - zumal Nokia, Rewe und Burger King auch schon damit an die Wand gefahren sind.


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#3

RE: Jedem sein Kaffee? (Tchibo, Esso)

in Deutsch in Medien und Literatur 15.01.2009 21:40
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge
Zitat von AndyOSW
Ich weiß nicht, wer es mal gesagt hat, aber es stimmt: "Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir."


Seneca, der alte Stoiker, hat das gesagt. Aber andersherum, und zwar ironisch gemeint.
(Ich mußte selber nachschlagen. Hier:)

http://de.wikipedia.org/wiki/Non_vitae,_sed_scholae_discimus

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Ich warte auf den Tag, an dem eine Fitneßstudiokette von ihrer Hamburger oder Düsseldorfer Agentur so etwas wie "Kraft macht Freude" untergejubelt bekommt. "The Power of Joy" Na? Hat doch was?

Und für Werbekunden aus der Zeitarbeitsbranche fällt denen bestimmt auch noch ein knackiger Spruch ein.
zuletzt bearbeitet 15.01.2009 21:50 | nach oben springen


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