#1

Noch'n Gedicht...

in Deutsch in Medien und Literatur 20.02.2009 15:57
von AndyOSW • 631 Beiträge | 631 Punkte

Der unvergessliche Heinz Erhardt wäre heute 100 Jahre alt geworden.

Der heutige Tagesspiegel fasst sein Wirken so zusammen:

Heinz Erhardt, als Sohn eines Kapellmeisters am 20. Februar 1909 in Riga geboren, sah sich selber nicht als Schauspieler, sondern als Autor. Schon als Schüler beginnt er zu dichten, nach dem Abitur tritt er mit „humoristischen Liedern zur Laute“ auf. Sein Studium am Leipziger Musikkonservatorium muss er abbrechen, weil er in Riga den Musikalienhandel seines Großvaters übernehmen soll. Erst 1938, da ist er bereits verheiratet, entkommt er den familiären Bindungen. Er zieht nach Berlin, kommt bei einer Künstleragentur unter und verkündet selbstbewusst: „Ich singe Chansons und begleite mich selbst am Flügel.“

Heinz Erhardt war ein Workaholic. In den sechziger und frühen siebziger Jahren wurde er zum Dauergast im Fernsehen und tingelte mit Theaterstücken durch die deutsche Provinz. In sein Tagebuch schrieb er: „Ich fühle mich sehr schlecht, unregelmäßiger Puls, Atemnot und zu hoher Blutdruck. Zur Vorstellung kann ich mich nur durch ein paar ,Doornkaats’ fithalten.“ 1971 erlitt er einen Schlaganfall, der sein Sprachzentrum zerstörte. An den Folgen ist er 1979 gestorben. Morgenstern, Ringelnatz und Erich Kästner waren Erhardts Vorbilder. In seinen Versen lebt der nassforsche Tonfall der zwanziger Jahre weiter, einige haben selbst das Zeug zum Klassiker. Zum Beispiel:

„Vom Alten Fritz, dem Preußenkönig,
weiß man zwar viel, doch viel zu wenig.
So ist zum Beispiel nicht bekannt,
dass er die Bratkartoffeln erfand.
Drum heißen sie auch, das ist kein Witz
Pommes Fritz.“

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 20.02.2009)



Eine Sammlung von weiteren Heinz-Erhardt-Gedichten findet ihr hier: http://www.sabon.org/heinz-erhardt-gedichte/index.html.
Mein absoluter Favorit daraus, wenn auch etwas länger:

Flecke

Gott, voller Weisheit, hehr und mild
schuf uns nach seinem Ebenbild
Gewiß, wir Menschen sind gescheit,
doch wo ist uns’re Menschlichkeit?
Erscheint uns jemand edel, groß,
so täuscht das: er verstellt sich bloß!
Erst wenn er Böses tut und spricht,
zeigt er sein wahres Angesicht! –

Um obiges nun zu beweisen,
laßt alphabetisch uns verreisen,
dann kann man sehn, was so geschah!
Wir fangen vorne an, bei A!

A (Amerika)

Amerika, du Land der Super-
lative und dort, wo James Cooper
zwar seinen »Lederstrumpf« verfaßte,
man aber die Indianer haßte,
weshalb man sie, halb ausgerottet,
in Reservaten eingemottet,
sich dafür aber Schwarze kaufte,
sie schlug und zur Belohnung taufte,
doch heute meidet wie die Pest,
sie aber für sich sterben läßt –
wie beispielgebend stehst du da
für Menschlichkeit! O, USA!

B (Briten)

Jedoch auch sie, die vielen Briten,
die Schott- und Engländer, sie bieten
für unser Thema Menschlichkeit
so manchen Stoff seit alter Zeit!
Nur waren’s statt Indianer Inder,
die sie ermordeten, auch Kinder;
und ähnlich Schreckliches erfuhren
danach die Iren und die Buren,
die man durch den Entzug des Fetts
verschmachten ließ in den Kazetts!
Jedoch bei Völkern, welche siegen,
wird sowas immer totgeschwiegen...

C (Christen)

Dann wäre da, bar jeden Ruhms,
so manche Tat des Christentums,
die, eben wegen seiner Lehre,
am besten unterblieben wäre!
Man denke da zum Beispiel an
Inquisition zuerst und dann
an Waffensegnung mit Gebeten,
um andre Gläubige zu töten!
Auch dieses: lieber Menschenmassen
verelenden und hungern lassen,
statt man Geburtenreglung übe –
auch das zeugt nicht von Menschenliebe!

D (Deutschland)

Nun: Wollt ihr, daß im Alphabet
es mit dem D jetzt weitergeht?
Ist es nicht besser, wenn ich ende?
Wascht nur in Unschuld eure Hände
und greift, kraft eigenen Ermessens,
zum güt’gen Handtuch des Vergessens...

Doch hilft das Waschen nicht und Reiben:
Die Flecke bleiben!

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#2

RE: Noch'n Gedicht...

in Deutsch in Medien und Literatur 20.02.2009 16:29
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge | 1013 Punkte
Mein Lieblings-Erhardt:


Ballade aus Estland

Im alten Schloss zu Wesenstein
da soll es nachts ganz finster sein.
Warum's dort finster ist bei Nacht,
das hat noch keiner rausgebracht.

Und jede Nacht um Mitternacht
die Turmuhr laut zwölf Schläge macht.
Warum dies grad um Mitternacht,
das hat noch keiner rausgebracht.

Ein Dichter, dem mans hinterbracht,
hat daraus dies Gedicht gemacht.
Warum er dies Gedicht gemacht,
das hat noch keiner rausgebracht.


zuletzt bearbeitet 20.02.2009 16:30 | nach oben springen


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