#1

Zum Internationalen Tag der Muttersprache

in Sprachpolitik 21.02.2009 13:19
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge | 1013 Punkte
Aus der Tagesschau, 21. Februar 2009:
http://www.tagesschau.de/inland/muttersprache100.html


Verstummt jede zweite Sprache?

Weltweit werden mehr als 6000 verschiedene Sprachen gesprochen - doch etwa die Hälfte davon ist vom Aussterben bedroht. Der Internationale Tag der Muttersprache will deshalb auf die Bedeutung sprachlicher und kultureller Vielfalt aufmerksam machen.

10.000 Menschen beherrschen in Deutschland die nordfriesische Sprache - das steht im jüngsten Weltatlas der bedrohten Sprachen, den der australische Linguist Christopher Moseley im Auftrag der Unesco herausgegeben hat: "Das Nordfriesische spielt in Deutschland eine einzigartige Rolle. Es ist ein sehr gutes Beispiel für eine Sprache, die sich abgetrennt hat - nämlich vom Südfriesischen, das in Holland gesprochen wird."

An der Nordseeküste habe sich das Nordfriesische dann innerhalb der letzten beiden Jahrhunderte zu einer eigenständigen Sprache entwickelt. "Viele Norddeutsche sprechen es bewusst und versuchen so, die Sprache vor dem Aussterben zu bewahren, in Kiel wird Nordfriesisch sogar an der Uni unterrichtet."

Friesisch für Akademiker

Mit ihrem renommierten Frisistik-Lehrstuhl will die Uni Kiel das Überleben des Nordfriesischen sichern. Denn weil es abgesehen von einem kleinen Streifen nördlich von Husum nur noch auf den Inseln Föhr, Amrum, Sylt, Helgoland und den Halligen gesprochen wird, stufen es die Linguisten als "ernsthaft bedroht" ein. Im Atlas hat Moseley das Nordfriesische mit einem dunklen Orange-Ton markiert - das heißt, um die Sprache steht es so schlecht wie um keine andere der insgesamt 13 Varietäten in Deutschland.

Die Sorben sorgen sich noch um ihre Sprache

Selbst das Sorbische in Ostdeutschland beherrschen noch doppelt so viele Menschen, nämlich 20.000. Die einzige slawische Sprache in Deutschland geht zurück auf die Zeit der Völkerwanderung. Dass das Sorbische lediglich als "gefährdet" eingestuft ist und nicht als "ernsthaft bedroht", dazu haben die Menschen in der Lausitz und im Spreewald viel beigetragen. Das Sorbische erfährt viel Unterstützung - die Sorben sind gut organisiert, es gibt Bücher in sorbischer Sprache, Sorbisch wird unterrichtet, und andere Traditionen werden gepflegt.

Jede zweite Sprache vor dem Ende

Das Engagement der Sorben freut Linguisten wie Moseley, der in seinem Atlas zu einem traurigen Befund kommt: Von den 6000 Sprachen auf der Welt ist fast jede zweite vom Aussterben bedroht. Zu allen Zeiten haben Machthaber versucht, mit einer Sprache auch eine Kultur und eine Weltsicht auszumerzen, Kolonialisierung und Kriege trugen dazu bei, dass einige wenige Sprachen immer dominanter geworden sind. Im Internet sind praktisch nur zwölf Weltsprachen vertreten, tausende andere kommen im Netz gar nicht vor.

Ja, mei

Selbst das Bairische, das - wenn man die Varietäten in Österreich, der Schweiz und Südtirol dazunimmt -, von immerhin 16 Millionen Menschen gesprochen wird, ist im Unesco-Atlas als "unsicher" eingestuft.

Doch die Bayern haben da einen ganz besonderen Schutzmechanismus entwickelt, meint der Sprachwissenschaftler - und lacht: "Deutschland ist ein bisschen wie Frankreich: Es gibt große Diversitäten, und hier wie dort treffen wir eine Art inneren Nationalismus an. So behaupten zum Beispiel viele Menschen, die bayerisch sprechen, dass ihre Sprache etwas Besonderes sei und viel näher an jener Art Deutsch, die in Österreich gesprochen wird. Deshalb ist das Bayerische auch nicht so stark gefährdet. Im Gegenteil: Dieser Stolz zeigt, dass das Bayerische bei ganz guter Gesundheit ist. Das macht uns nicht wirklich Sorgen."


---


Ein kleiner Zweifel: "Bairische Varietäten" in der Schweiz??

Und natürlich der Verweis zum Sprachenatlas der Unesco (wahlweise Englisch, Französisch und Spanisch)
http://www.unesco.org/culture/ich/index.php?pg=00206
zuletzt bearbeitet 21.02.2009 13:27 | nach oben springen

#2

RE: Zum Internationalen Tag der Muttersprache

in Sprachpolitik 22.03.2009 01:11
von AndyOSW • 631 Beiträge | 631 Punkte

Habe ich doch glatt übersehen...

Zitat von Schamane
Ein kleiner Zweifel: "Bairische Varietäten" in der Schweiz??
Vielleicht ist ja dieser Zipfel gemeint:

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#3

RE: Zum Internationalen Tag der Muttersprache

in Sprachpolitik 22.03.2009 12:52
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge | 1013 Punkte
Zitat von AndyOSW
Vielleicht ist ja dieser Zipfel gemeint.


Tatsächlich - wieder etwas gelernt.

Die Gemeinde Samnaun im äußersten Osten Graubündens an der Grenze zu Österreich spricht einen Tiroler Dialekt. Das sind etwa 650 Menschen.

Interessanterweise war Samnaun ein ursprünglich rätoromanisches Sprachgebiet.
zuletzt bearbeitet 22.03.2009 12:58 | nach oben springen

#4

GEO: Bayern in Neuseeland

in Sprachpolitik 23.03.2009 19:00
von AndyOSW • 631 Beiträge | 631 Punkte

GEO 07 | Juli 2008: Bayern in Neuseeland

GEOSKOP | Linguistik

Am anderen Ende der Welt hat sich ein alter bayerischer
Dialekt erhalten.


Rund 18000 Kilometer liegen zwischen dem Bayerischen
Wald und der Siedlung Puhoi auf der Nordinsel Neusee-
lands. Und doch konnte sich der Regensburger Germanist
Alfred Wildfeuer mit einigen Einheimischen dort ohne Pro-
bleme in seinem bayerischen Heimatdialekt unterhalten.

Der Grund: Die Neuseeländer in Puhoi sind Nachfahren
von Auswanderern aus dem bayerisch-böhmischen Grenz-
gebiet des 19. Jahrhunderts und sprechen noch das sogenannte
Nordbairisch ihrer Großeltern und Urgroßeltern.

Die über hundert Männer und Frauen aus der Gegend um
die nordböhmische Kleinstadt Staab (Stod), die sich 1863 auf
den Weg in die neue Heimat gemacht haben, waren mehr
als drei Monate unterwegs.

Vor allem die Verheißung von jeweils 16 Hektar eigenem
Land zog die Kleinbauern und Handwerker in die Ferne. Bei
der Ankunft in Puhoi, etwa 50 Kilometer nördlich von
Auckland, fanden sie allerdings statt der erhofften land-
wirtschaftlichen Nutzflächen dichten Urwald. Nur mithilfe
der Maori, der Ureinwohner Neuseelands, schafften es die
Neuankömmlinge, in der neuen Heimat zu überleben.

Für Sprachwissenschaftler ist die Entdeckung einer sol-
chen Sprachinsel ein Glücksfall: Hier können sie Dialekte
erforschen, die zum Teil in den Ursprungsländern bereits aus-
gestorben sind. Interessant ist aber auch, wie der Kontakt mit
einer anderen Sprache jene der Auswanderer beeinflusst hat.

Oft können Alfred Wildfeuer und seine Kollegin Ni-
cole Eller hybride Bildungen, also Mischformen, beobachten.
Das "Duschen" heißt bei den Neuseeländern "Showern", den
Pfirsichbaum nennen sie "Pieetschnbam". Als einer von
einem Geschäft erzählt, das ausgeraubt wurde, sagt er: "Da
hams den Laden gerobbt". Für das Auto, das es zum Zeitpunkt
der Auswanderung noch nicht gegeben hat, verwenden die
Neuseeländer den englischen Begriff "car". Beim Wort "tele-
fonieren" ist das anders: "I dou de otelegrafiern" heißt "Ich
werde dich anrufen".

Auch beim Satzbau fielen den Wissenschaftlern Unter-
schiede zur deutschen Variante auf. So gibt es die Satzklam-
mer, die im Deutschen häufig verwendet wird, in der Sprach-
insel nicht. Statt "Wir haben Bäume gehabt" sagen die neu-
seeländischen Bayern "Wir haben gehabt Bäume".

Schon seit 2005 sind die Sprachwissenschaftler der Uni-
versität Regensburg auf der Suche nach deutsch-böhmi-
schen Sprachinseln (etwaige Hinweise an Alfred.
Wildfeuer@spralit.uni-regensburg.de).

In der Ukraine, in Rumänien und in Nordamerika ent-
deckten sie zum Teil ganze Dörfer, in denen noch aktiv die
bairisch-böhmische Mundart gesprochen wird. Noch in die-
sem Jahr wollen sich die Regensburger auf die Reise
nach Brasilien machen. Dort sollen noch rund 1000 Spre-
cher eines nordbairischen Dialektes leben.

In Neuseeland hingegen wird es das Phänomen der
Sprachinsel nicht mehr lange geben. Der jüngste Sprecher
des Idioms ist 74 Jahre alt, die wenigen anderen sind alle
über 80 Jahre alt. Ihre Kinder verstehen den Dialekt zwar
zum Teil noch, sprechen ihn aber nicht mehr.

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