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GEO: Denken heißt Handeln

in F r e i s t i l 21.03.2009 11:06
von AndyOSW • 631 Beiträge

GEO 04 | April 2008: Denken heißt Handeln

GEOSKOP / Psychologie - In den Kognitionswissenschaften vollzieht sich ein Paradigmenwechsel - weg von abstrakten Konzepten

Technische Entwicklungen haben oft zu Technikmetaphern in der Theorie des Geistes geführt. Die Erfindung des Computers zum Beispiel ließ das Hirn als eine Art Symbolverarbeitungsmaschine erscheinen, die Konzepte wie Datensätze auf einer Festplatte bannt.

Die Vorstellung etwa von einem Hund setzt sich diesem Verständnis zufolge aus diversen, miteinander verbundenen "Dateien" mit Angaben zu Körperform (Schwanz, Ohren, Schnauze) und Handlungen (Beißen) zusammen.

Dabei sei das Gehirn offenbar auf bestimmte unveränderliche Kriterien der Kategorisierung (Form, Farbe, Geruch) programmiert, mit denen es die wahrgenommene Welt analysiert und ordnet. Auf diese abstrakten kognitiven "Ordner" und "Dateien", so die Theorie, würden wiederum die Wörter unserer Sprachen verweisen.

Nun deuten neue Forschungen auf eine völlig andere Arbeitsweise des Denkorgans hin: Das Hirn scheint seine Kategorien aus dem konkreten Umgang mit Situationen zu beziehen - und nicht auf feststehende kognitive Repräsentationen zurückzugreifen.

Ein Indiz hierfür sind Untersuchungen am neu eingerichteten Cognition and Communication Research Centre (CoCo) an der Northumbria-Universität in Newcastle upon Tyne. Das Institut erforscht die Beziehung zwischen Sprache, Handeln und Wahrnehmung - etwa anhand der Verwendung räumlicher Ausdrücke wie "above" und "over", die im Deutschen beide normalerweise als "über" übersetzt werden.

Lange Zeit galt es als gegeben, dass der Gebrauch dieser Wörter auf abstrakte räumliche Konzepte und Merkmale zurückzuführen ist. Tatsächlich aber hängt die Verwendung der Ausdrücke von der Art und Weise ab, wie ein Mensch mit einem Objekt interagiert, und ist je nach Kontext spontan veränderlich - ein Unding für eine computertechnische Repräsentation durch kontextfreie abstrakte "Dateien".

So wurden in einem Versuch den Probanden Tafeln gezeigt, auf denen das Bild einer Flasche über dem eines Glases zu sehen war. Dort, wo aus der offenen Flasche eine Flüssigkeit zu strömen schien, benutzten die Versuchspersonen das Wort "over" - offenbar impliziert dessen Gebrauch den Verwendungszweck der Flasche, das Glas aufzufüllen. Das nutzlose "Schweben" der Flasche über dem Glas wurde hingegen mit "above" angezeigt.

Entscheidend für die Verwendung von "above" gegenüber "over" ist in diesem Falle also nicht ein räumlicher Parameter, sondern ein Unterschied in der Art und Weise, wie sich Menschen den Umgang mit einer Flasche vorstellen.

Gestützt werden die Ergebnisse durch neurobiologische Experimente des Psychologen Lawrence Barsalou. Der Gastwissenschaftler von der Emory University in den USA hat mittels bildgebender Verfahren nachgewiesen, dass die Repräsentation von Ereignissen nicht abstrakte "Dateien" anzapft, sondern den Akt der Wahrnehmung einer konkreten Situation "simuliert" - oft mit überfüssigen Details.

Selbst Tätigkeiten wie Rechnen werden in spezifischen Situationen verankert: So sieht man etwa in der Vorstellung einen Lehrer an der Tafel.

Das bestätigt die pädagogische Erfahrung: Ein allzu abstrakter, an Begriffsschemata orientierter Unterricht widerspricht der Art und Weise, wie das Hirn die Welt wahrnimmt und Sprachen lernt.

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