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ZEIT online: Druck auf die Tränendrüse

in Deutsch in Medien und Literatur 22.03.2007 15:57
von Moderator • 127 Beiträge

Zitat von ZEIT online (10/2007)
Druck auf die Tränendrüse

Die Berichterstattung in den Medien ist einer neuen Studie zufolge in den vergangenen zehn Jahren deutlich emotionaler geworden.

Von Jürgen Krönig

Als Barbara Plett, Auslandskorrespondentin der BBC, in einem Beitrag für die Sendung From our Correspondents auf Radio 4 erwähnte, beim Abflug des schwerkranken Yassir Arafat nach Paris seien ihr „Tränen in die Augen geschossen beim Anblick dieses großen Mannes“, wurde das durchaus mit gewissem Recht als symptomatisch gedeutet für den „bias“ zugunsten der Palästinenser, der die Programme der BBC seit Langem durchzieht.

Ein Vorwurf übrigens, der im vergangenen Jahr durch eine von der BBC selbst in Auftrag gegebenen Untersuchung bestätigt wurde.

Doch steht die Episode auch für einen Trend, der in den vergangenen Jahren spürbar zugenommen hat, gleich ob es sich um Fernsehen, Radio oder Printmedien handelt.

Allen Medien gemein ist die Neigung, immer stärker auf Emotionen zu setzen und dem Subjektiven mehr Raum zu geben. Eine neue Untersuchung untermauert diese These. Die Medienanalysten von „Carma International“, einem britisch-amerikanischen Forschungsinstitut, werteten jeweils 400 Artikel der britischen Presse aus den Jahren 1996 und 2006 aus, die um die Themenbereiche „Verbrechen“ und „Gesundheit“ kreisten. Man verglich Sprache, Wortwahl und Annäherung an die Themen.

Ausgewählt wurden Artikel von drei britischen „tabloids“, der Sun, dem auflagenstärksten Massenblatt Großbritanniens, der Daily Mail und des Daily Mirror, sowie von drei sogenannten Qualitätszeitungen, Times, Independent und dem Observer.

Die Studie erbrachte, dass sich binnen zehn Jahren Tonfall, Wortwahl und Art der Berichterstattung spürbar verändert haben. Die Inhalte würden durch die Bank weg „emotionalisierter“ dargeboten; generell werde das „Schicksal von Individuen“ sehr viel stärker in den Vordergrund gerückt, auch sei die Bereitschaft der Journalisten gewachsen, eigene Gefühle und subjektive Urteile in Berichte und Reportagen einfließen zu lassen.

Zugleich bestätigt die Studie, dass sich der Unterschied zwischen Boulevard- und Qualitätspresse deutlich verringert hat. Als „seriös“ eingeordnete Zeitungen näherten sich den Massenblättern an und servierten ihren Lesern Storys über Verbrechen und Gesundheit mit einem emotionalisierten Gusto, der dem des Boulevards kaum nachsteht. Das war noch vor zehn Jahren anders. Es gab einen klar umrissenen Unterschied zwischen Boulevard- und Qualititätspresse.

Bestimmte „Buzzwords“ haben an Popularität gewonnen; Journalisten benutzen Worte und Begriffe mit dem Ziel, beim Publikum eine höhere emotionale Wirkung zu erzielen, um Gefühle der Wut oder des Entsetzens auszulösen. Als Faustregel gilt, dass weniger ausdrucksstarke Worte fallengelassen und durch kraftvollere, in aller Regel dräuendere, dunklere Begriffe ersetzt wurden: „caged“, „eingekerkert“ statt „imprisoned“, „ins Gefängnis gekommen“, „evil“, „böse“ statt „disturbed“, „gestört“, „pervert“ statt „Sexualstraftäter“. Das Wort „Unglück“ wird, weil viel zu schwach, zur Rarität – unter „Katastrophe“ geht eigentlich nichts mehr.

Auch die zunehmende „Individualisierung“ in Artikeln erwächst aus dem Wunsch nach mehr Emotion. 1996 kreisten weniger als die Hälfte der Storys um Individuen. In zehn Jahren stieg die Zahl auf zwei Drittel an. Artikel, die von einer einzelnen Person und ihrem Schicksal handeln, besitzen zwangsläufig weniger neutrale Aussagekraft, lassen weniger Distanz zur betroffenen Person zu und erleichtern die Identifizierung mit ihr. Zugleich sind Journalisten dazu übergegangen, ihre eigenen Gefühle oder ihre emotionale Befindlichkeit stärker einfließen zu lassen.

Der Vormarsch der „Opfer- und Kompensationskultur“, die in Großbritannien wie anderswo in Europa immer stärker um sich greift, hinterlässt sprachliche Schleifspuren in der Presse. Eltern von Kindern, die zu Schaden oder ums Leben kamen, sei es auf einem Schulausflug oder durch eine Überdosis von Drogen, kommen in den Zeitungen verstärkt zu Wort. Häufiger als vor zehn Jahren werden Eltern zu „Kronzeugen“ hochstilisiert, werden aufgefordert, ihre Gefühle zu schildern und ihr Urteil abzugeben über das Unglück oder die Umstände, die dazu führten. Obwohl sie in ihrem emotionalisierten Zustand nun gerade nicht die besten Zeugen sind.

Experten dagegen, Kriminologen, Psychologen und Akademiker, tauchen in den Artikeln seltener auf. Diese Entwicklung führte ganz logisch zu einem nächsten Schritt: Eltern und Angehörige von Opfern werden gerne auch in den Rang von „Experten“ erhoben. In einem Fall, den Carma besonders beleuchtet, begannen die Eltern eines Mädchens, das nach der Einnahme von Exstacy starb, eine Antidrogenkampagne und erreichten eine ungeheure Medienpräsenz. Ihre Aussagen und Empfehlungen zur Drogenpolitik waren von fragwürdigem Wert und widersprachen zumeist den Erkenntnissen der Fachleute.

Doch der Schmerz über den Verlust ihrer Tochter wog das allemal auf. Die Medien rissen sich um sie und boten ihnen über Jahre hinweg immer wieder eine Plattform. Dabei waren die Eltern eines allen voran, nämlich „Experten für Schmerz“, ein Umstand, der nüchterner Urteilskraft in aller Regel abträglich ist.

Ihr Medieneinfluss ist gleichwohl garantiert. Aussagen von Fachleuten mangelt es eben an Betroffenheit und damit an emotionaler Wucht. Die Untersuchung von Carma beschränkte sich darauf, die Hypothese einer zunehmenden Emotionalisierung am Beispiel der britischen Presse zu prüfen. Doch der Befund trifft auf die Printmedien in anderen europäischen Ländern ebenso zu wie auf die Befindlichkeit der elektronischen Medien.

Ein ganz frisches Beispiel aus deutschen Landen mag das illustrieren. Kürzlich gelangte ein Planungspapier des öffentlich-rechtlichen Südwestrundfunks an die Öffentlichkeit, das von einer leitenden Angestellten erstellt wurde. Die Autorin, bereits für höhere Aufgaben in der Hierarchie vorgesehen, empfahl darin, auf „informative O-Töne von Amtsträgern“ besser zu verzichten. Die Informationsprogramm sollten sich stattdessen an „Herzpunkten“ orientieren, definiert als „Sex/Crime“, „Prominenz“, „Schicksal“, „Katastrophe“, „Kinder“ (die rühren nun einmal mehr als Erwachsene) und „Tiere“.

Moderne Mediengesellschaften verlangen nach einem Gefühl der Betroffenheit. Man muss „fühlen“, um richtig verstehen zu können. Rationaler Diskurs wird mehr und mehr durch Emotion ersetzt, eine Tendenz, die sich als „Feminisierung“ der Medien in den westlichen Gesellschaften deuten lässt. Ein Auslandskorrespondent des ZDF beklagte sich kürzlich über den wachsenden Druck von Seiten seiner Redaktion. Ständig werde er von der Redaktionsleiterin gedrängt, nur ja „viel Emotion“ zu liefern, am besten garniert „mit reichlich Tränen“.

Fernsehen ist von seiner bildhaften Natur her ohnehin ein emotionales Medium und wurde als solches nicht zufällig das Leitmedium unserer Gesellschaft. Zugleich stehen Emotionalisierung und Feminisierung in einem Zusammenhang mit dem Prozess der fortschreitenden Demokratisierung der westlichen Gesellschaften.

Alle Trends, ob auf dem Internet oder in den alten Medien, belegen das: die „sozialen Netzwerke“ mit ihren „user created content“; der unaufhaltsame Vormarsch des Reality TV; der wachsende Rückgriff auf „Bürgerjournalisten“, wie sie in Medienkreisen etwas bemüht, politisch korrekt benannt werden, auf private „Camcorder-Reporter“ oder digitale Fotografen.

Auch greift die Praxis immer weiter um sich, in Informationssendungen von Radio und TV regelmäßig kurze E-Mails des Publikums zu verlesen; um ein möglichst unterhaltsames Programm zu machen, werden stets die fetzigsten, kontroversesten Meinungen ausgewählt. Differenzierte Argumente haben schwerlich eine Chance, den redaktionellen Filter zu durchdringen, zumal in den Redaktionen die Tendenz zugenommen hat, auf Kontext zu verzichten. Das Fernsehen tendiert dahin, den Raum für journalistische Inhalte zu reduzieren und durch Programme zu ersetzen, die von Zuschauern selbst gemacht werden.

In einer unterhaltungsgetränkten, emotionalisierten Medienwelt wird es schwerer, einen klaren Kopf zu bewahren und Probleme nüchtern abzuwägen. Das wirkt sich auf die Qualität der Entscheidungen aus, die Parlamentarier und Regierungen zu treffen haben. Diesen Preis haben wir für die medialdemokratische, quasiplebiszitäre Entfesselung zu bezahlen, die derzeit abläuft. Niemand kann absehen, wohin sie führen wird.

© ZEIT online 7.3.2007 - 16:55 Uhr
Obwohl die Studie die britische Medienlandschaft untersucht hat, wird das meiste auch für die unsrige zutreffen. Was meint ihr?

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