#1

Berliner Morgenpost: Kiezdeutsch schadet dem Hochdeutschen nicht

in F r e i s t i l 04.06.2009 16:01
von AndyOSW • 631 Beiträge

Berliner Morgenpost:

"Isch sprech so Deutsch so"

Kiezdeutsch schadet dem Hochdeutschen nicht

"Bin isch sischer, Alda": Wer annimmt, dass die Sprachschöpfungen der Migrantenjugend unser Hochdeutsch kaputt machen könnten, irrt. Schon immer verabreichte Subkultur der Sprache eine wichtige Blutauffrischung. Obendrein sitzen andere Sprachpanscher ausgerechnet in deutschen Führungsetagen.

Breiter Gang, Griff in den Schritt und dann dieses Stakkato ohne Artikel und Präpositionen: „Was guckst du?“ Da schmerzen jedem die Ohren, der schon mal ein deutsches Gedicht gelesen hat. Dennoch wird am Kiezdeutsch der Migrantenjugend das Abendland nicht zugrunde gehen.

Sprache kann man nicht sauber halten wie eine Wohnung. Sprachen atmen Worte ein und aus, solange sie lebendig sind. Sprachen können auch sterben. Laut Unesco wird von den circa 6.500 Sprachen der Welt die Hälfte schon bald tot sein. Keiner mag sie mehr benutzen, da die Menschen andere Sprachen attraktiver finden. Es ist ein Verlust und zugleich ein evolutionärer Prozess aus dem auch immer wieder Neues entsteht: zum Beispiel Kiezdeutsch.

Spiegelt die Kiezsprache der türkischstämmigen Jugendlichen das Integrationsproblem? Ist es Menetekel einer sich verfestigenden Parallelgesellschaft? Nein, sagt die Potsdamer Germanistin Heike Wiesel, es ist eine Zweitsprache, die Pubertierenden ein Zugehörigkeitsgefühl vermittelt.

Solche Jugendsprachen sind nichts Neues. Die Hippieszene in den Stadtparks der 70er-Jahre entwickelte eine verquaste Mundart, die aus Rockmusik und Underground-Literatur zusammengesetzt war. Teile der Studentenschaft benutzten ein ardonitisches Idiom, das von Außenstehenden kaum noch als Deutsch zu erkennen war. Beides hat ein paar Spuren hinterlassen, konnte dem Hochdeutsch aber nichts anhaben.

Jede Subkultur verabreicht der Sprache eine kleine Blutauffrischung, die sie jung erhält. Napoleonische Truppen und Hugenotten hinterließen französische Akzente, die GIs und ihr Radiosender AFN amerikanische. Nicht mal die Nazis schafften es, das Deutsche vom Jiddischen zu reinigen. Dieser Prozess ist keine Einbahnstraße: Unter amerikanischen Studenten gilt es als schick, ein paar deutsche Worte einzustreuen.

Nicht nur die Unterschicht verhunzt die Sprache. Einen ebenso peinlichen sozialen Dialekt haben die Führungsetagen der Wirtschaft hervorgebracht. Kritiker nennen diesen Sprachcode, in Anspielung auf den Rinderwahnsinn BSE, Bad Simple English.

Schlichte Gedanken und dürftige Ideen werden dabei durch Versatzstücke aus dem Englischen aufgeblasen. Um Bedeutung zu simulieren, wedelt man unentwegt mit Begriffen wie Mindset, Forecast, Scoring, Benchmarking, Downsizing, Rollout, Asset und Outsourcing. Zum Glück hat dieses Manager-Denglisch seine beste Zeit bereits hinter sich.

Heute sitzt in jeder Konferenz mindestens einer, der die Augen verdreht, wenn allzu viele Sprechblasen dieser Art in die Luft gelassen werden. Im Alltag der meisten Menschen hat es ohnehin nicht sonderlich gestört, weil man in der U-Bahn und im Supermarkt selten diskutierenden Managern begegnet. Häufiger jedoch Jugendlichen mit Migrationshintergrund, wodurch deren Slang für viele zum Ärgernis wurde.

Solange die Jugendlichen die Kiezsprache als Zweitsprache benutzen, bleibt die Tür zur Integration offen. Die, die tatsächlich nicht anders sprechen können, sind eine Minderheit in der Minderheit. Längst hat die Ironisierung der „Kanak Sprak“, die aus dem Migrantenmilieu selbst kam, auch den Großteil derer erreicht, die so spechen. Kaya Yanar, Erkan und Stefan entfalteten eine segensreiche pädagogische Wirkung. Viel problematischer als Jungmannen in Picaldi-Hosen sind Importbräute, die ein Leben isoliert von der deutschen Mehrheitsgesellschaft führen und mit ihren Kindern kein Deutsch sprechen können. Für sie wäre schon Kiezdeutsch ein Fortschritt.

Sprachkurse und Sprachprüfungen für Einwanderer und Bürger, die die deutsche Staatsangehörigkeit anstreben, sind also durchaus sinnvoll. Ebenso kann kein Land auf eine für alle verbindliche Standardsprache verzichten. Österreich und die Deutschschweiz machen vor, wie man Dialekte leben lässt (und sogar pflegt) und doch gleichzeitig das Beherrschen der Hochsprache jedem zumutet, damit sich die regionalen Kulturen nicht zu weit voneinander entfernen.

Sind diese Standards gesetzt, empfiehlt sich eine gelassene Haltung gegenüber dem Wandel. Sprachliche Reinheitsgebote à la francaise wirken nicht sehr zukunftsfähig. Man kann Sprache nicht in Sicherungsverwahrung nehmen, in dem Glauben, sie so vor den unerwünschten Einflüssen schützen zu können. Das Deutsche wird auch das Kiezdeutsch überleben und sich vermutlich ein paar Souvenirs davon aufheben. Bin isch sischer.

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#2

Berliner Zeitung: "Isch mach dich Messer"

in F r e i s t i l 13.09.2011 17:23
von AndyOSW • 631 Beiträge

Interview in der Berliner Zeitung Online mit Prof. Heike Wiese, Germanistik-Professorin an der Uni Potsdam:

Heike Wiese, 45, ist Germanistik-Professorin an der Universität Potsdam. Die Sprachwissenschaftlerin, die in Kreuzberg lebt, forscht über die Jugendsprache in multiethnischen Innenstadtbezirken. Sie sagt, in Berlin entstehe gerade ein neuer Dialekt - das Kiezdeutsch.

Frau Professor Wiese, was heißt: "Machst Du rote Ampel."

Der Satz stammt aus einer unserer Studien. Dort hatte ihn ein Jugendlicher gesagt, der seinen Freund davor warnte, bei Rot über die Straße zu gehen. Das nenne ich Kiezdeutsch.

Was ist Kiezdeutsch für eine Sprache? Ein Jugendslang, der in Berliner Innenstadtbezirken gesprochen wird?

Nein, kiezdeutsch wird nicht nur in Berlin gesprochen, sondern generell in mehrsprachigen Wohngebieten in deutschen Städten. Kiezdeutsch könnte man als neuen deutschen Dialekt bezeichnen, mit dialektalen Eigenarten in Aussprache, Wortschatz, Grammatik. "Ich" wird zum Beispiel häufig zum "isch" wie in "Isch geh jetzt Viktoriapark".

Gleichzeitig wird der Wortschatz erweitert, und zwar nicht nur mit Worten aus dem Englischen. Ein Satz wird dann mit "wallah" im Sinne von "echt" abgeschlossen. Das kommt aus dem Arabischen und heißt wörtlich "bei Allah", so wie wir "Gott sei dank" sagen. Oder "lan", das kommt aus dem Türkischen und bedeutet "Kerl". In der Jugendsprache heißt das dann: "Komm mal her, lan!" Aber natürlich auch "Komm mal her, Alter!"

Wer spricht kiezdeutsch?

Es ist keine Mischung aus Deutsch und Türkisch. Oder Deutsch und Arabisch. Jugendliche unterschiedlicher Herkunft sprechen das untereinander im gemeinsamen Alltag.

Wieso sprechen auch Jugendliche, die ausschließlich Deutsch als Muttersprache haben, diesen seltsamen Dialekt?

Diese Jugendlichen leben in mehrsprachigen Wohngebieten, haben dort Freunde. Ich denke nicht, dass türkischstämmige Jugendliche mit Kiezdeutsch angefangen und andere das nachgemacht haben. Das war von Anfang an ein Gemeinschaftsprojekt. Fast alle Jugendlichen, die Kiezdeutsch sprechen, sind in Deutschland geboren.

Sie sprechen mit ihren Eltern vielleicht noch zusätzlich türkisch, kurdisch oder arabisch oder eben deutsch. Mehrsprachige Jugendliche sind offener für Sprachspielereien und sprachliche Veränderungen, deshalb ist Kiezdeutsch so etwas wie ein Turbo-Dialekt, in dem grammatisch besonders viel passiert. Aber dieser neue Dialekt ist fest im Deutschen verankert.

Aber dieser neue Dialekt setzt sich über die grammatischen Grundregeln der deutschen Sprache hinweg. Für viele steht Kiezdeutsch vor allem für Sprachverfall.

Nein, unsere Sprache verfällt nicht, wenn in ihr ein neuer Dialekt entsteht, Das Spektrum des Deutschen wird reicher. Kiezdeutsch hat eine eigene Dialektgrammatik wie andere Dialekte auch, mit grammatischen Regeln. So, wie sie zum Beispiel im traditionellen Berliner Dialekt "meiner Mutter ihr Hut" sagen können, aber nicht "meiner Mutter sein Hut", so können sie zum Beispiel in Kiezdeutsch sagen "Danach ich treff mich mit Sarah.", aber nicht "Ich danach treff mich mit Sarah."

Wird eine Sprache nicht ärmer, wenn man die Artikel oder anderes weglässt, oder?

Es stimmt, dass in Kiezdeutsch manchmal kein Artikel steht, wo wir im Standardschriftdeutschen einen verwenden würden. Aber in unserer Umgangssprache lassen wir auch häufig die Artikel weg. "Sie müssen Alexanderplatz umsteigen", sagen wir dann.

Oder wir verkürzen den Artikel und sagen, "hast du ’n Handy dabei?" Da ist der Artikel auch kaum noch zu hören. Und auch das sogenannte "Hochdeutsch" ist nur eine Variante, und grammatisch nicht "besser" als Dialekte wie Berlinisch oder Kiezdeutsch. Solche Dialekte und ihre Sprecher werden aber oft negativ bewertet.

Wie meinen Sie das?

Schon vor knapp 30 Jahren wurde von der Freien Universität die Einstellung der West-Berliner zum Berlinischen untersucht. Da fielen dann so Begriffe wie "Putzfrauen-Sprache" oder "schnodderig". Das wurde als Sprache der Unterschicht verstanden.

In Ost-Berlin war das sicher anders.

Mag sein. Generell ist in Deutschland das Standarddeutsch - also die Schul- und Schriftsprache - sehr nah am Sprachgebrauch der Mittelschicht. Ein anderer Sprachcode wird dann nicht als eigener Dialekt wahrgenommen, sondern gilt schlicht als falsch. Das ist aber eine soziale Bewertung.

In Berlin gibt es generell das Problem, dass jeder fünfte Neuntklässler Schwierigkeiten hat, deutsche Texte lesend zu erfassen.

Wie erfolgreich ein Schüler ist, wird aber nicht davon beeinflusst, ob er im Freundeskreis auch noch Kiezdeutsch spricht. Niemand spricht nur Kiezdeutsch, sondern beherrscht außerdem auch noch andere sprachliche Stile und Varianten - so wie Sie und ich ja jetzt auch anders sprechen als abends beim Bier mit Freunden.

Eine Kreuzberger Lehrerin sagte vor kurzem zu mir: "Manche unserer Schüler sind hervorragend im schriftlichen Ausdruck, andere müssen noch viel lernen. Aber Kiezdeutsch sprechen sie alle." Wir haben viele Anfragen von Lehrern, die sich intensiver mit Kiezdeutsch beschäftigen wollen.

Wird Kiezdeutsch auch aus einer Protesthaltung heraus gesprochen? Will man sich abgrenzen?


Nein, man will eher zu einer Gruppe von Gleichaltrigen dazugehören. Und natürlich grenzen sich die Jüngeren von den Älteren ab, in dem sie Jugendslang sprechen.

"Isch mach dich Messer" heißt es im Kiezdeutschen. Wird da nicht ein Gangster-Gehabe auch noch sprachlich artikuliert?

In jedem Dialekt können Sie drohen. Wenn man im Berlinischen sagt "Ick stech da ab", oder wenn ein Bayer sagt, "Schleich di, du Saupreiß, sonst fangst oane", dann ist das auch nicht netter. Bei Kiezdeutsch denken aber viele nur an solche Inhalte, die mit Gewalt und Bedrohung zu tun haben. Das hat mit dem Dialekt nichts zu tun, sondern mit den Einstellungen gegenüber den Sprechern und den Erwartungen, die wir von ihnen haben.

Wie flirtet man auf Kiezdeutsch?

So wie in anderen Dialekten auch. Selbst die Bayern können doch nicht nur "Saupreiß" schreien.

Sie haben auch untersucht, ob in Hellersdorf auch eine Form von Kiezdeutsch gesprochen wird.

Hellersdorf haben wir ausgesucht, um zu sehen, inwieweit sich Jugendsprache in Wohnvierteln mit hohem und niedrigem Migrantenanteil unterscheidet. In Hellersdorf wird eher der traditionelle Berliner Dialekt gesprochen.

Wie sind Sie überhaupt auf dieses Kiezdeutsch aufmerksam geworden?

Ich bin vor ein paar Jahren im M29er Bus die Glogauer Straße in Kreuzberg lang gefahren. Da habe ich Jugendliche gehört, die offenbar gerade Schulschluss hatten. Die riefen sich was zu. Als Sprachwissenschaftlerin fand ich das sehr interessant, weil da ganz neue Satzkonstruktionen verwendet wurden.

Wird Kiezdeutsch in den Innenstadtbezirken in der Zukunft das Berlinische überlagern?

Ich könnte mir vorstellen, dass es sich weiter verbreitet. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die mit mehreren Sprachen aufwachsen, nimmt zu. Ob es allerdings den Status einer Jugendsprache verliert und dann auch im höheren Alter gesprochen wird, kann ich nicht abschätzen.

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Flotte Sprüche:

Musstu Du hier anhalten.

Die hübschesten Frauen kommen von den Schweden. Isch meine so blond so. ("So" vor und nach dem Schlüsselwort)

Und da stand und hat mir seine Hand gegeben. Wallah. (Wallah kommt aus dem Arabischen und heißt echt)

Eye, rockst Du, lan. (lan kommt aus dem Türkischen und heißt Kerl)

Gibs auch ne Abkürzung? (Gibt es wird zu gibs zusammengezogen)

Isch mach Dich Urban. (Androhung von körperlicher Gewalt, die in der Folge einen Aufenthalt im Kreuzberger Urban-Krankenhaus nötig machen könnte)

Wir sind jetzt neues Thema.

Morgen ich geh Kino. (Satzstellung von Worten verschoben)

Früher war er so wie uns. (Uns statt wir)

Ja, ich aus Wedding. (Das so genannte Kopulaverb bin fällt weg)


Das Gespräch führte Martin Klesmann. | Berliner Zeitung, 13.09.2011

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