#1

LINUX-Magazin: Lingua communis - Was Sprachen für Computer und Menschen trennt und verbindet

in F r e i s t i l 04.06.2009 17:43
von AndyOSW • 631 Beiträge | 631 Punkte

LINUX-Magazin 07/09, S. 97:

Lingua communis - Was Sprachen für Computer und Menschen trennt und verbindet

Ob Programmieren Kunst oder Ingenieurswissenschaft ist, darüber haben schon viele debattiert. Eines eint beide Lager: Sie benötigen Sprache, um sich auszudrücken.

von Nils Magnus

Sprache sei inhärent uneindeutig, mäkelte ein genervter Teilnehmer einer Online-Debatte, in dem sich die Diskutanten nicht über exakte Wortbedeutungen einig wurden. Entwickler haben es da einfacher. Die meisten Programmiersprachen sind ziemlich eindeutig. Die wenigsten lassen zu, dass Schreiber ihre Regeln verletzen.

Natürliche Sprachen sind anders. Oft sind es gerade die Verletzungen, die Literatur interessant machten. In seinem berühmten Lied "odi et amo" bricht der römische Dichter Catull eine Reihe von Grammatikregeln, schafft aber dadurch eines der dichtesten Liebesgedichte - ein "wc -c catull.txt" zeigt gerade einmal 87 Zeichen in zwei Zeilen an (Torsten Lorenz, "C. Valerii Catulli: Carmen LXXXV": http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/95573.html). Das erreicht er durch geschicktes Weglassen des Offensichtlichen und Vereinfachung. Solche Poesie vermag C nur schwer zu erreichen. Programmiersprachen haben meist andere Stärken, sind eindeutiger und unnachgiebiger. Viele kennen das: Der Compiler beklagt sich einmal mehr über die nicht deklarierte Variable "x" und moniert andererseits, dass der Code "y" vereinbart, aber nicht benutzt.

Verständnisvolle Computer

Mancher Programmierer mag sich schon Compiler gewünscht haben, die mehr Verständnis für offenkundige Tippfehler haben. Einige Programmiersprachen versuchen sich zaghaft in etwas Toleranz und schaffen so Gemeinsamkeiten: Perl erhebt es etwa zum Konzept, mehr als einen Weg zur Lösung zuzulassen (Mike Schilli bestimmt im Perl-Snapshot am Seite 114 die Restlaufzeit seines Netbook). Selbst Java FX (Vorstellung der neuen Web-Sprache ab Seite 98) gibt sich im Gegensatz zur großen Schwester Java großzügig: Um Objekt-Attribute abzutrennen, gibt die junge Sprache Kommata vor - fehlen sie, sieht der Compiler gnädig darüber hinweg. Solch Freiheit waren Fortran-77-Programmierer nicht gewohnt, forderte der Grammatikparser doch strenge Einrückungen (Fortran-Merkblatt zur Fixed Source Form: http://www.infosun.fim.uni-passau.de/cl/passau/ppp2002/fortran-Merkblatt.html). Wer diesen Zeiten nachtrauert, darf sich mit Python trösten: Auch dort sind Einschübe syntaktische Sprachmittel (dafür lassen sich damit leicht Filesysteme schreiben, ab Seite 109).

Den Brückenschlag von der kalten, unerbittlichen Syntax zur Semantik, der Bedeutung hinter den Dingen haben viele versucht. Ketzerischerweise hat der Logiker Kurt Gödel das Streben nach ihm mit seinem berühmten Satz über die Unvollständigkeit zunichte gemacht: Nur mit syntaktischen Mitteln allein lässt sich nicht alles Wahre ergründen. Auch diese unerfüllte Sehnsucht eint Literaten und Techniker.

Ist das die Trennlinie zwischen Sprachen von Computern und Menschen? Die eine präzise und effizient, die andere ungenau, aber mit innerer Schönheit gesegnet? Das griffe zu kurz, Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Für den einen ist

*v;main(a,b){for(a=atoi(1[v=b]);o(a),b=atoi(v[2])-a;a+=(b|1)%2);}
nur eine wirre Reihung von Zeichen (1. Kaiserslauterer Shortest C Contest 1995: http://www.unix-ag.uni-kl.de/~conrad/shocc/shocc.html), andere sehen darin verdichtete Gedanken wie in Catulls Gedicht, das sich auch ums Hassen und Lieben dreht.

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#2

Wie man einer Katze eine Pille verabreicht

in F r e i s t i l 13.06.2009 12:46
von AndyOSW • 631 Beiträge | 631 Punkte

Hier noch etwas zum Thema "Oft sind es gerade die Verletzungen, die Literatur interessant machten.":

Wie man einer Katze eine Pille verabreicht (Autor unbekannt)

Nehmen Sie die Katze in die Beuge Ihres linken Armes, so als ob Sie
ein Baby halten. Legen Sie den rechten Daumen und Mittelfinger an
beiden Seiten des Mäulchens an, und üben Sie sanften Druck aus, bis
die Katze es öffnet. Schieben Sie die Pille hinein, und lassen Sie die
Katze das Mäulchen schließen. Sammeln Sie die Pille vom Boden auf,
und holen Sie die Katze hinterm Sofa vor. Nehmen Sie sie wieder auf
den Arm, und wiederholen Sie den Vorgang. Holen Sie die Katze aus
dem Schlafzimmer, und schmeißen Sie die angesabberte Pille weg.
Nehmen Sie eine neue Pille aus der Verpackung, die Katze erneut auf
den Arm, und halten Sie die Tatzen mit der linken Hand fest. Zwingen
Sie den Kiefer auf, und schieben Sie die Pille in den hinteren Bereich
des Mäulchens. Schließen Sie es, und zählen Sie bis 10. Angeln Sie die
Pille aus dem Goldfischglas und die Katze von der Garderobe. Rufen
Sie Ihren Mann aus dem Garten. Knien Sie sich auf den Boden, und
klemmen sie die Katze zwischen die Knie. Halten Sie die Vorderpfoten
fest. Ignorieren Sie das Knurren der Katze. Bitten Sie Ihren Mann, den
Kopf der Katze festzuhalten und ihr ein Holzlineal in den Hals zu
schieben. Lassen Sie die Pille an dem Lineal runterkullern, und reiben
Sie anschließend den Katzenhals. Pflücken Sie die Katze aus dem
Vorhang. Nehmen Sie eine neue Pille aus der Packung. Notieren Sie
sich, ein neues Lineal zu kaufen und den Vorhang zu flicken. Wickeln
Sie die Katze in ein großes Handtuch. Drapieren Sie die Pille in das
Endstück eines Strohhalmes. Bitten Sie Ihren Mann, die Katze in den
Schwitzkasten zu nehmen, so dass lediglich der Kopf durch die
Ellenbogenbeuge guckt. Hebeln Sie das Katzenmäulchen mit Hilfe
eines Kugelschreibers auf und pusten Sie die Pille in ihren Hals.
Überprüfen Sie die Packungsbeilage, um sicher zu gehen, dass die
Pille für Menschen harmlos ist. Trinken Sie ein Glas Wasser, um den
Geschmack loszuwerden. Verbinden Sie den Arm Ihres Mannes, und
entfernen Sie das Blut aus dem Teppich mit kaltem Wasser und Seife.
Holen Sie die Katze aus dem Gartenhäuschen des Nachbarn. Nehmen
Sie eine neue Pille. Stecken Sie die Katze in einen Schrank, und
schließen Sie die Tür in Höhe des Nackens, so dass der Kopf
herausschaut. Hebeln Sie das Mäulchen mit einem Dessert-Löffel auf.
Flitschen Sie die Pille mit einem Gummiband in den Rachen. Holen Sie
einen Schraubenzieher aus der Garage, und hängen Sie die Tür zurück
in die Angeln. Legen Sie kalte Kompressen auf Ihr Gesicht, und
überprüfen Sie das Datum Ihrer letzten Tetanusimpfung. Werfen Sie Ihr
blutgesprenkeltes T-Shirt weg, und holen Sie ein neues aus dem
Schlafzimmer. Lassen Sie die Feuerwehr die Katze aus dem Baum auf
der gegenüberliegen Straße holen. Entschuldigen Sie sich beim
Nachbar, der in den Zaun gefahren ist, um der Katze auszuweichen.
Nehmen Sie die letzte Pille aus der Packung. Binden Sie die Vorderund
Hinterpfoten der Katze mit Wäscheleine zusammen. Knüpfen Sie
sie an die Beine des Esstisches. Ziehen Sie sich Gartenhandschuhe
über, öffnen Sie das Mäulchen mit Hilfe eines Brecheisens. Stopfen Sie
die Pille hinein, gefolgt von einem großen Stück Filetsteak. Halten sie
den Kopf der Katze senkrecht, und schütten Sie Wasser hinterher, um
die Pille herunter zu spülen. Lassen Sie sich von Ihrem Mann ins
Krankenhaus fahren. Sitzen Sie still, während der Arzt Finger und Arm
näht und Ihnen die Pille aus dem rechten Auge entfernt. Halten Sie auf
dem Rückweg am Möbelhaus, und bestellen Sie einen neuen Tisch.
Erschießen Sie die Katze, und besorgen Sie sich einen Hund!

(Nicht zur Nachahmung empfohlen!)

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