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Jürgen Habermas zum 80.

in F r e i s t i l 18.06.2009 15:17
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge | 1013 Punkte

Hessischer Rundfunk, 18. Juni 2009

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"Intervenierender Denker"

Jürgen Habermas zum 80. Geburtstag


Die Menschen müssen vernünftig miteinander reden. So könnte man das komplexe Werk des berühmtesten lebenden deutschen Philosophen zusammenfassen. Jürgen Habermas, bis 1994 Professor in Frankfurt, wird 80 Jahre alt.

Hintergrund

Jürgen Habermas, geboren am 18. Juni 1928 in Düsseldorf, promovierte 1954 in Bonn. Er arbeitete zunächst als Journalist; von 1956-59 war er Assistent bei Max Horkheimer und Theodor W. Adorno am Frankfurter Institut für Sozialforschung. Er habilitierte bei Wolfgang Abendroth in Marburg, wurde 1961 Professor an der Universität Heidelberg und folgte 1964 Horkheimer als ordentlicher Professor an der Universität Frankfurt nach. Von 1971-81 leitete er in München das Max-Planck-Institut für Sozialwissenschaften und kehrte 1983 nach Frankfurt zurück. Im Oktober 1994 wurde er in Frankfurt emeritiert.

Dem Reden, der Sprache, wohnt, so Habermas, die Kraft der Selbstzivilisierung inne. Die Sprache ist das Mittel, mit dem die Menschen gegen die Gewalt, sei es die alltägliche, sei es die strukturelle, die wirtschaftliche oder die politische Gewalt, vorgehen können. Denn das Sprechen habe ein Ziel: sich verständigen zu wollen. Nur wer streitbar sei, im guten Sinne, wer seine Ziele formuliere und damit zur Diskussion stelle, könne demokratisch handeln.

Und so verwundert es nicht, dass Jürgen Habermas zum "intervenierenden Denker" wurde. Seine philosophischen Werke sind heute Pflichtlektüre; sie sind in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Als Philosoph und Sozialwissenschaftler hat er Antworten auf die Frage gegeben, wie moderne Gesellschaften ihre Widersprüche friedlich und unter Beteiligung möglichst vieler Menschen lösen können. Mit bahnbrechenden Beiträgen zur Erkenntnistheorie, Sozialphilosophie, Kommunikationstheorie, Ethik und Rechtsphilosophie hat er eine ganze Generation von Wissenschaftlern in Deutschland und besonders auch in den USA geprägt.

Kein 68er-Verbündeter

Habermas hat sich nicht im gemütlichen Elfenbeinturm seiner wissenschaftlichen Disziplin festgesessen. Getreu seines Grundgedankens hat er immer in die öffentliche Diskussion eingegriffen, mehr noch, sie initiiert und vorwärts gebracht. Damit fing er schon im Alter von 24 Jahren an, als er gegen Martin Heidegger vorging und dem Philosophen vorwarf, Vorlesungen aus dem Jahr 1935 unverändert übernommen zu haben, in denen die Bewunderung für die nationalsozialistische Bewegung mehr als nur durchschimmere.

Seitdem hat sich Habermas immer wieder eingemischt: Die 68er Studentenbewegung, die in ihm zunächst einen Verbündeten sah, verkrätzte er, als er Rudi Dutschke "linken Faschismus" vorwarf und die Rebellen auf die demokratische Grundordnung einzuschwören versuchte. Anfang der 70er Jahre stritt er mit dem Systemtheoretiker Niklas Luhmann, öffentlich und vielbeachtet, um die Frage, ob die Soziologie Gesellschaft nur beschreiben solle (Luhmann) oder die Soziologen als Teil eben dieser Gesellschaft nicht kritisch Stellung beziehen müssten (Habermas). 1980, als er mit dem Adorno-Preis ausgezeichnet wurde, gab Habermas mit seiner Rede den Startschuss zu einer lang anhaltenden Debatte über Postmoderne und Poststrukturalismus.

Vom Radikalenerlass bis zum Historikerstreit

Um einiges konkreter wurde Habermas‘ Wirkung, als er sich Ende der 70er Jahre gegen den so genannten Radikalenerlass, einer "hysterischen" Reaktion des Staates auf den deutschen Terrorismus, wandte. Bei den Frankfurter Römerberggesprächen 1986 warf er dem Historiker Ernst Nolte Geschichtsrevisionismus und löste damit den legendär gewordenen "Historikerstreit" über den Umgang mit der deutschen Nazi-Vergangenheit aus. Nolte, so Habermas, würde die Nazi-Verbrechen verharmlosen. Er sah in dessen Schriften und auch in denen des Historikers Michael Stürmer, der damals politischer Berater von Bundeskanzler Helmut Kohl war, "eine Art Schadensabwicklung". An der deutschen Wiedervereinigung kritisierte er, sie sei ein "auf wirtschaftliche Imperative zugeschnittener Verwaltungsvorgang" ohne eigene demokratische Dynamik. Er forderte, das Eingreifen im Kosovo-Krieg genau zu überdenken. Er warnte vor der dem Biologismus in der Hirnforschung, der menschliche Verhaltensweisen oder gesellschaftliche Zusammenhänge vor allem durch biologische Gesetzmäßigkeiten zu erklären versucht.

Weitsicht

Bereits 1981 hat Habermas in seinem zweibändigen Werk "Theorie des kommunikativen Handelns" die Zustände der heutigen Weltgesellschaft vorausgesehen: Ein außer Kontrolle geratener Turbokapitalismus treibe die Gesellschaft auseinander, lasse die, die nicht mitkämen, außen vor, zerstöre die Sicherheit. Angesichts der Finanzkrise, die die Welt zurzeit beutelt, eine erschreckend hellsichtige Erkenntnis.


http://www.hr-online.de/website/rubriken...cument_37305204


zuletzt bearbeitet 18.06.2009 15:19 | nach oben springen


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