#1

GEO: Neuropsychologie: Dem Lesen auf der Spur

in F r e i s t i l 28.07.2009 22:43
von AndyOSW • 631 Beiträge

Neuropsychologie: Dem Lesen auf der Spur

Die moderne Kulturleistung, Buchstaben deuten zu können, ist vermutlich aus der uralten Fähigkeit des Spurenlesens hervorgegangen. Zu diesem Schluss ist ein amerikanischer Mediziner aufgrund von Hirn-Untersuchungen gelangt.


Weshalb können wir lesen? Keine leichte Frage, meint der amerikanische Neuropsychologe Nils Varney. Sicher, das Lesen lernt man in der Schule - aber welche Eigenschaft unseres Gehirns befähigt uns dazu?

Varney, Professor am Iowa City Veterans Affairs Medical Center in Coralville, geht davon aus, dass das Lesen, anders als etwa das Hören, eine Kulturleistung sei, die nicht zum "natürlichen", angeborenen Inventar menschlicher Fertigkeiten gehöre. Vielmehr sei es erst vor etwa 5000 Jahren, mit der Erfindung der Schrift, in Gebrauch gekommen; und weltweite Verbreitung habe diese Kunst im wesentlichen erst im 20. Jahrhundert gefunden.

Allerdings können sich aufgrund der äußerst jungen Geschichte des Lesens auch keine spezifischen Hirnareale für diese Fähigkeit gebildet haben - anders als etwa die Sprachzentren, die im Laufe der vergangenen zwei bis drei Millionen Jahre im Frontal- und Temporallappen auf der linken Hirnhemisphäre entstanden. Und genau hierin liegt das Problem für den Neurologen: Wenn das Gehirn nicht für das Lesen "gemacht" ist, wie ist es dann zu erklären, dass jeder geistig Gesunde in der Lage ist, sich in relativ kurzer Zeit eine derart komplexe kognitive Fertigkeit wie das Lesen anzueignen?

Varneys Erklärung: Offenbar werden alte Anlagen des Gehirns für das Lesen "umgewidmet" - "Präadaption" heißt der wissenschaftliche Fachbegriff für diesen Vorgang. Aus detaillierten Untersuchungen meint der Neurobiologe nun auch ableiten zu können, aus welchen Fertigkeiten das Lesen hervorgegangen ist. Dazu zählt er vor allem die wohl schon bei frühen Hominiden ausgeprägte Kunst des Erkennens von Fußspuren - des sprichwörtlichen "Lesens" einer Fährte.

Der Forscher korrelierte dazu Befunde verschiedener Personen mit unterschiedlichen Hirnschädigungen. Er stellte fest, dass alle Patienten, die aufgrund einer solchen Läsion nicht in der Lage waren, einfachste Diagramme von Fußabdrücken den zugehörigen Tierbildern zuzuordnen, Probleme beim Lesen aufwiesen. Dagegen schloss eine gestörte Lesefähigkeit das Fährtenerkennen nicht völlig aus - was nach Varney darauf hindeutet, dass letzteres eine "primitivere" Fertigkeit als das Lesen darstelle. Die Hirnareale liegen im posterialen perisylvischen Bereich, in einem Teil des Schläfenlappens.

Außerdem geht die Unfähigkeit zu lesen (die so genannte "Alexie") häufig mit Problemen einher, eine durch Gesten gespielte Handlung - etwa das Rasieren - deuten zu können. Die Lesefähigkeit scheint aber, wie die meisten Sprachfunktionen, der linken Hirnhälfte zugeordnet, während die beidseitig angelegte Gestenerkennung zuweilen auch bei geschädigter linker Hirnhälfte noch funktioniert.

Eher überraschend ist, dass die Fertigkeit, Buchstaben wiederzuerkennen, durch mangelnde Lesefähigkeit offenbar nur wenig berührt wird. Varney vermutet, dass für das Lesen die Fähigkeit zur inhaltlichen Interpretation relevanter ist als die Erinnerung an Formen. Dazu passt die Beobachtung, dass etwa japanische Schriftzeichen, die sich in die zwei Hauptgruppen der Kana und Kanji gliedern, nach einem Hirntrauma unterschiedlich erinnert werden. Die Kana sind Zeichen für reine silbische Lautwerte, während die Kanji "Begriffssymbole" sind, die ursprünglich einer alten Bilderschrift entstammen.

Mit dem Verlust der Lesefähigkeit verschwindet das Vermögen, die "sinnvollen" Kanji zu deuten, völlig, während Reste des Wissens über die Gestalt der Kana erhalten bleiben. Da die Schrift in jeder Kultur aus Bildern hervorgegangen ist (die japanischen Kanji etwa gehen auf chinesische Begriffs- und Bildsymbole zurück, und auch die Buchstaben unseres Alphabets bildeten einst konkrete Gegenstände ab), besteht offenbar von Anfang an eine besonders enge Beziehung zwischen diesen Zeichen und dem Lesen.


nach oben springen

#2

RE: GEO: Neuropsychologie: Dem Lesen auf der Spur

in F r e i s t i l 29.07.2009 10:25
von Fritz-Franz • 675 Beiträge

Manchmal hadere ich mit meinem Schicksal: Warum hast du mich zur Praxis verdammt? ich bin doch auch voller Theorien! Ein amerikanischer Professor hätte ich werden sollen, wenn du gerecht wärst …

Vom Spurenlesen zur Schrift: Da muß ich mir in den Sandstürmen des Zweistromlandes und Ägyptens die Augen reiben. Währendem ich das tue, fällt mir (nun kommt der Praktiker wieder zum Vorschrein) eine Therapie für Analphabeten ein: Schnitzeljagd in den süd- und mittelamerikanischen Urwäldern.

nach oben springen


Aktion Deutsche Sprache, Hannover | Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache des 20. Jh. | Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt | Deutsch-Netz.de, Lippstadt | Deutsche Sprachwelt, Erlangen | Die Seiten für Rechtschreibung | Forschungsgruppe Deutsche Sprache e.V., Aschaffenburg | Institut für Deutsche Sprache, Mannheim | Neue Fruchtbringende Gesellschaft zu Köthen/Anhalt e.V. | Sprachkreis Deutsch, Bern | Sprachpflege.info, Erlangen | Stiftung Deutsche Sprache e.V., Berlin | Verein Deutsche Sprache e.V., Dortmund | Verein für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege e.V., Schwaig bei Nürnberg | Woxikon | www.wortpatenschaft.de
Besucher
0 Mitglieder und 5 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: jokergreen0220
Forum Statistiken
Das Forum hat 659 Themen und 4758 Beiträge.

Heute waren 0 Mitglieder Online:



Xobor Forum Software von Xobor