#1

DB Mobil: Was Welle war, wird Strömung

in Deutsch in Medien und Literatur 19.09.2009 23:36
von AndyOSW • 631 Beiträge

DB Mobil: Was Welle war, wird Strömung

Die Selbstverständlichkeit, mit der sich junge Bands heute der deutschen Sprache bedienen, war noch vor wenigen Jahren undenkbar. Zu den erfolgreichsten Gruppen dieses Genres zählt Silbermond, vier junge Musiker aus dem sächsischen Bautzen.

Eigentlich sind es ihre schlichten und unprätentiösen Texte, für die Silbermond von ihrem Publikum verehrt – und von der Kritik verachtet werden. Da finden sich klare Zeilen aus dem Alltag, so frei von windschiefen Metaphern und augenzwinkerndem Hintersinn, dass ihre Fans sich davon direkt angesprochen, aufgebaut und ermuntert fühlen müssen. Es sind dieselben Zeilen, an denen sich die Abneigung der Feuilletons entzündet. Von „Beamtenkinderlyrik“ ist dort die Rede, gefertigt von einer „Konsensmaschine, die fließbandmäßig Anti-Jammerigkeit ausspuckt“. Es ist eben Pop, keine Kunst. Aber es ist eine Kunst, guten Pop zu machen.

Die Geschichte ihres Aufstiegs ist eine märchenhafte: Als Schülerband mit Vorliebe für Coverversionen ihrer meist angelsächsischen Lieblingslieder existierte die Gruppe schon 1998. Erst sechs Jahre und verschiedene Nachwuchswettbewerbe später erschien mit „Verschwende deine Zeit“ das erste richtige Album – und der Silbermond ging auf über Deutschland. Gegen den Trend einer leidenden Musikindustrie wanderte das Debüt, zusätzlich befeuert von der hymnischen Hitsingle „Symphonie“, bis heute rund 750000-mal über den Ladentisch. Kein Wunder also, dass viele ihrer Texte, die sie übrigens gemeinsam schreiben, von einem im Zweifelsfall irgendwie linken, aber immer optimistischen „Du kannst es schaffen, wenn du nur willst“-Ethos durchdrungen sind.

Udo Lindenberg gilt als Urvater der Unbefangenheit im Umgang deutscher Musiker mit deutschen Texten. Was die einsamen Vorreiter säten, ernteten erst zu Beginn der 80er-Jahre die Vertreter der Neuen Deutschen Welle, allen voran Nena, Trio und Falco. Nach 15 Jahren folgte die nächste Renaissance mit der „Hamburger Schule“. Tatsächlich legten Bands wie Blumfeld, die Sterne oder die Goldenen Zitronen wieder mehr Wert auf fundamental sozialkritische Texte mit akademisch geschultem Anspruch.

Die jüngste Neue Deutsche Welle ist längst keine Welle mehr, sondern eine konstante Strömung, die alle Genres gleichmäßig durchfließt. Alle bedienen sich mit einer Selbstverständlichkeit der deutschen Sprache, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre. Deutsch, das ist im Pop längst nicht mehr „en vogue“, sondern einfach angesagt.
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Der komplette Text dieses Exzerpts wird demnächst nachgereicht.

Andy


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#2

DB Mobil: Was Welle war, wird Strömung

in Deutsch in Medien und Literatur 05.10.2009 12:12
von AndyOSW • 631 Beiträge

Hier wie versprochen der komplette Text:

DB mobil: Was Welle war, wird Strömung

Die Selbstverständlichkeit, mit der sich junge Bands heute der deutschen Sprache
bedienen, war noch vor wenigen Jahren undenkbar. Zu den erfolgreichsten Gruppen
dieses Genres zählt Silbermond. mobil traf die vier Musiker in Berlin.


"Sag mir, dass dieser Ort hier sicher ist, und alles Gute steht hier still" singt Stefanie
Kloß, während geschrammelte Gitarren hinter ihr behutsam das Fundament für einen
Spannungsbogen legen: "Und dass das Wort, das du mir heute gibst, morgen noch genau-
so gilt."
Sie singt es ernst und mit gedämpftem Druck in der Stimme, der zwischen den
Zeilen manchmal wie in leise schluchzenden Atemzügen entweicht, bevor er sich im Re-
frain endlich entladen darf: "Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit, in dieser Welt,
in der nichts sicher scheint. Gib mir in dieser schnellen Zeit irgendwas, das bleibt."
Soli-
den Pop mit erfreulichen Anleihen beim alternativen Rock macht diese junge Band aus
dem sächsischen Bautzen.

Aber eigentlich sind es ihre schlichten und unprätentiösen Texte, für die Silber-
mond von ihrem Publikum verehrt - und von der Kritik verachtet werden. Da finden
sich klare Zeilen aus dem Alltag, so frei von windschiefen Metaphern und augenzwin-
kerndem Hintersinn, dass ihre Fans sich davon direkt angesprochen, aufgebaut und
ermuntert fühlen müssen. Es sind dieselben Zeilen, an denen sich die Abneigung
der Feuilletons entzündet. Von "Beamtenkinderlyrik" ist dort die Rede, gefertigt von
einer "Konsensmaschine, die fließbandmäßig Anti-Jammerigkeit ausspuckt." Es
ist eben Pop, keine Kunst. Aber es ist eine Kunst, guten Pop zu machen. Trotzdem hat
es manchmal den Anschein: Was Silbermond auch machen, ist falsch. Und machen sie es
falsch, dann ist es auch wieder nicht richtig.

Umso mehr überrascht, wie entspannt das Quartett der Mittzwanziger selbst dras-
tische Einwände gegen ihre Arbeit abfedert - wie etwa das Gerücht, die Band sei auf den
von anderen ins Rollen gebrachten Deutschrock-Zug nur in letzter Sekunde und unter
Preisgabe ihrer eigentlichen Identität aufgesprungen. "Tja, es war eigentlich genau
so", gibt Thomas Stolle, Gitarrist und Pianist der Gruppe, zu: "Am Anfang hatten wir
überhaupt gar keine Identität. Und dann kam endlich jemand von einer Plat-
tenfirma, der uns gesagt hat6, wo es langgeht, wie wir uns anziehen und dass wir jetzt
Deutsch singen müssen ..." - und ein Gelächter übertönt den Rest.

Worauf also weniger gefestigte Charaktere mit schützender Arroganz oder ätzendem
Zynismus antworten, dem begegnen Silbermond mit milder Ironie. Und die wurzelt
fraglos in einem enormen Erfolg, der "für niemanden überraschender kam als für uns
selbst", wie Stefanie Kloß einräumt. Tatsächlich ist die Geschichte ihres Aufstiegs
eine märchenhafte: Als Schülerband mit Vorliebe für Coverversionen ihrer meist an-
gelsächsischen Lieblingslieder existierte die Gruppe, der außer Stefanie und Thomas
noch dessen Bruder Johannes Stolle (Bass) und Andreas Nowak (Schlagzeug) angehö-
ren, schon 1998. Erst sechs Jahre und verschiedene Nachwuchswettbewerbe später
erschien mit "Verschwende deine Zeit" das erste richtige Album - und der Silbermond
ging auf über Deutschland.

Gegen den Trend einer leidenden Musikindustrie wanderte das Debüt, zusätzlich
befeuert von der hymnischen Hitsingle "Symphonie", bis heute rund 750 000-mal
über den Ladentisch. Zwar verkauften sich die Nachfolger "Laut gedacht" von 2006
und das aktuelle Album "Nichts passiert" jeweils weniger gut. Sie schossen aber den-
noch auf Platz eins sämtlicher Charts im deutschsprachigen Raum. Von einem One-
Hit-Wonder kann da keine Rede mehr sein, eher von einem Erfolg, der sich gegen alle
Widerstände konsolidiert hat.

Kein Wunder also, dass viele ihrer Texte, die sie übrigens gemeinsam schreiben, von ei-
nem im Zweifelsfall irgendwie linken, aber immer optimistischen "Du kannst es schaf-
fen, wenn du nur willst"-Ethos durchdrungen sind. Gejammer wäre hier gelogen. Zwar
werden ohne Scheu vor Kitsch auch mal literarische Vorlagen wie Paulo Coelhos Ro-
man "Krieger des Lichts" adaptiert. Oder sperrige Themen angepackt, wie etwa die
Politikverdrossenheit: "Ihr seid die ganze Zeit am reden, aber nichts passiert!".

Das wirklich Besondere an den Texten ist der ungewöhnliche, weil gemeinschaft-
liche Modus ihrer Entstehung. Innerhalb einer Band gibt es übelicherweise einen ein-
zelnen Künstler, der sich zum lyrischen Ausdruck persönlicher Empfindungen be-
rufen fühlt. Nicht so bei Silbermond, wo sich alle Musiker die Autorenschaft teilen:
Das Ergebnis ist ein Kompromiss. Und weil hinter den Texten kein Ich, sondern ein Wir
steht, strahlen sie auch diese inhaltliche Unverbindlichkeit und abstrakte Glätte aus.
Denn was da gedichtet wird, entspringt keiner inneren Notwendigkeit - sondern dient
der Illustration der gemeinsam für relevant befundenen Themen. Das klingt dann bis-
weilen profan, bleibt aber immer legitim - für ein unverbrauchtes Publikum zumal,
das poetische Überforderung als Bevormundung empfindet und dessen Hör-Horizont
noch nicht von "Distinktion", "Diskurs" und anderen poptheoretischen Begrif-
fen verstellt ist. Dabei wissen Silbermond durchaus, dass sie auf den Schultern von
Riesen stehen. Und manche dieser Riesen scheinen ihre jungen Nachfolger auch noch
mit Wohlwollen zu tragen.

Wie etwa Udo Lindenberg, der auf seinem aktuellen Album mit Stefanie Kloß das Du-
ett "Der Deal" eingenuschelt hat. "Er rief persönlich bei uns im Büro an", erinnert sich die
Sängerin an den Erstkontakt mit dem Mann, den vor allem ihre Elterngeneration als Le-
gende verehrt: "Inzwischen haben wir uns mit seinem Werk vertraut gemacht und ge-
merkt, wie cool und präsent er ist."

Udo Lindenberg gilt tatsächlich als Urvater der Unbefangenheit im Umgang deut-
scher Musiker mit deutschen Texten. Was diese einsamen Vorreiter säten, ernteten
erst zu Beginn der 80er-Jahr die Vertreter der Neuen Deutschen Welle, allen voran
Nena, Trio und Falco. Der Begriff wurde von dem Musikjournalisten Alfred Hilsberg
eher versehentlich erfunden, und die Welle ist in der Branche bis heute Vorbild und
abschreckendes Beispiel zugleich. Denn wegen der inflationären Veröffentlichungs-
politik der auf ihr surfenden Plattenfirmen brach sie nach kurzer Zeit an der Über-
sättigung des Publikums.

Bis zur nächsten, gleichfalls recht kurzlebigen Renaissance sollten fast 15 Jahre ins
Land gehen. Diesmal war es der Musikjournalist Thomas Gross, der den passenden Be-
griff von der "Hamburger Schule" prägte. Tatsächlich legten Bands wie Blumfeld, die
Sterne oder die Goldenen Zitronen wieder mehr Wert auf fundamental sozialkritische
mit akademisch geschultem Anspruch. Tocotronic gelang mit "Schatten werfen kei-
ne Schatten" gar das Kunststück, die nicht eben leicht zugängliche Philosophie von
Arthur Schopenhauer in die Nussschale eines Popsongs einzupassen. Von solchen
Höhenflügen ist der unterdessen voll erblühte deutsche HipHop (Die Fantastischen
Vier, Fettes Brot, Absolute Beginner) ebenso weit entfernt wie der aktuelle Hype um junge
Rockbands mit attraktiven Sängerinnen und hübschen deutschen Texten - wie Wir sind
Helden, Mia, Juli oder eben Silbermond.

Vielleicht hat sich ja deshalb noch kein Journalist gefunden, um dieser jüngsten
Neuen Deutschen Welle ein Etikett aufzukleben: Weil es keine Welle mehr ist, son-
dern eine konstante Strömung, die alle Genres gleichmäßig durchfließt. Von Mittel-
alter-Kitschkapellen wie In Extremo über das singuläre Teenie-Exportphänomen To-
kio Hotel bis zu Bachmann-Publikumspreisträgern und Songpoeten wie Peter Licht. Von
den Chansons der Annett Louisan über den Edelschlager von Rosenstolz bis zum urba-
nen Hauptstadt-Reggae von Peter Fox - alle bedienen sich mit einer Selbstverständ-
lichkeit der deutschen Sprache, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre.
Deutsch, das ist im Pop längst nicht mehr "en vogue", sondern einfach angesagt. Die
neue Falle, die sich daraus ergibt, kennt Stefanie Kloß gut: "Mit deutschen Texten wirst
du besser wahrgenommen, bist aber auch immer angreifbarer. Das Englische kannst du,
weil es eine Fremdsprache ist, beim Hören auch einfach wegblenden. Das geht im Deut-
schen nicht, das dringt direkt durch."

Und weil es durchdringt, konnte wohl Jan Delay gar nicht anders, als auf dem aktuellen
Silbermond-Album die Textzeile "Nicht mein Problem" meckern. "Einen solchen
Satz, den kann nur der Jan singen", da sind sich die Musiker von Silbermond einig - wie
übrigens auch in ihrer Schwäche für den religiös angehauchten Teutonensoul eines Xa-
vier Naidoo von den Söhnen Mannheims ("Iz On"), der auf "Nichts passiert" ebenfalls
einen Sprechgesang beigesteuert hat.

Und deshalb hatten auch die Goldenen Zitronen kaum eine andere Wahl, als auf ih-
rem im Oktober erscheinenden neuen Album Silbermond aufs Korn zu nehmen. Da
zitieren die autonomen Urgesteine des Punk spöttisch aus "Irgendwas bleibt", ohne ins
Diffamierende abzurutschen: "Derweil der Silbermond sucht nach mehr Halt, nach
mehr Sicherheit, etwas, das bleibt. Ja, der Silbermond in dieser schnellen Zeit sucht
Beständigkeit, die beim Alten bleibt."
Sänger Schorsch Kamerun erklärt gern, worum
es ihm dabei geht: "Es ist tatsächlich eine unübersichtliche Welt mit einer bedrängenden
Angebotsvielfalt. Ich kann verstehen, dass man da ins Straucheln gerät. Ich glaube aber,
ein Eskapismus ins rein Private, ein dauerhafter Abschied von jedem Aufbegehren
wäre ein Fehler. Lieber mal was umkippen, das schafft bessere Aussicht."

Es ist unwahrscheinlich, dass Stefanie Kloß und ihre Kollegen ihm da wider-
sprechen würden. Und wer weiß, vielleicht ist das sogar ein Anstoß für ein weiteres
Duett.

Arno Frank


zuletzt bearbeitet 05.10.2009 21:53 | nach oben springen


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