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Hamburger Abendblatt: Sprachnörgler sollten das Spiel mitgestalten

in Deutsch in Medien und Literatur 21.09.2009 22:59
von AndyOSW • 631 Beiträge | 631 Punkte

Hamburger Abendblatt: Sprachnörgler sollten das Spiel mitgestalten

Prof. Dr. Anatol Stefanowitsch widerspricht dem stellvertretenden Abendblatt-Chefredakteurs Matthias Iken: Sorgen sind unbegründet.

HAMBURG. Wenn es irgendwo um den "Service Point", die "Flatrate" oder das "Downloaden" geht, ist er zur Stelle: der Sprachnörgler. Er sieht im Gebrauch solcher "Anglizismen" pseudo-weltmännische Angeberei, Unterwürfigkeit gegenüber der Supermacht USA, ein Zeichen kulturellen Niedergangs und gedanklicher Verrohung. Deshalb will er seinen Mitmenschen die Lehnwörter verbieten. Auch weniger eifernde Beobachter befürchten - wie jüngst der stellvertretende Chefredakteur des Hamburger Abendblattes, Matthias Iken -, die Deutschen könnten durch die Übernahme von Lehngut ihre sprachliche Kreativität einbüßen und bald nicht mehr in der Lage sein, den Wortschatz des Deutschen aus eigener Kraft zu entwickeln.

Diese Sorge ist unbegründet. In der dokumentierten Sprachgeschichte gibt es keinen einzigen Fall einer Sprache, die wegen einer Überzahl an Lehnwörtern ihre Ausdruckskraft und Kreativität verloren hätte. Englisch, die Sprache großer Dichter und Denker, bestand schon zu Lebzeiten Shakespeares zu siebzig Prozent aus skandinavischen, lateinischen und französischen Lehnwörtern. Dagegen wirkt das Deutsche fast unberührt: Die Duden-Redaktion schätzt den Fremdwörteranteil am deutschen Gesamtwortschatz auf ein Viertel. Das Englische spielt dabei eine Nebenrolle: selbst in der notorisch anglizismenfreundlichen Werbesprache machen englische Lehnwörter nur etwa vier Prozent aus.

Lehnwörter haben Tradition. Seit jeher bedienen wir uns bei unseren Nachbarsprachen. Aus der Zeit der Christianisierung stammen griechische Lehnwörter wie "Kirche" und lateinische wie "Kreuz", im Mittelalter kamen französische Lehnwörtern wie "Abenteuer" und "Panzer" hinzu. Zu Beginn der Neuzeit war das Lateinische dominant, mit Wörtern wie "Argument", "Klasse" und "Minute". Abgelöst wurde es im 17. Jahrhundert wieder vom Französischen, das uns z. B. "Fabrik", "Kotelett"und "Frisur" gab. Seit Ende des 19. Jahrhunderts ist Englisch die Hauptquelle, frühe Entlehnungen waren "Tunnel", "Reporter" und "Schal".

Menschliche Gesellschaften sind einem ständigen Wandel unterworfen, der uns dazu anhält, Wörter für neue Gegenstände, Technologien und kulturelle Praktiken zu finden. Entlehnung ist die einfachste Lösung, und trotzdem verlassen die Deutschen sich hauptsächlich auf Bordmittel. Mein Kollege Lothar Lemnitzer erfasst auf seiner Webseite "Wortwarte" monatlich Hunderte neuer Wörter aus dem aktuellen Sprachgebrauch. Davon sind nur etwa zehn Prozent echte Neuentlehnungen ("Adblocker", "Tweetcast"). Weitere zwanzig Prozent mischen englisches und deutsches Wortgut ("Downloadquelle", "Servicerüpel"). Der Rest besteht aus deutschem Sprachmaterial ("Abwrackmuffel"), oft in Kombination mit alten, integrierten Lehnwörtern ("Tigerentenkoalition"). Von einem Verlust sprachlicher Kreativität kann also keine Rede sein.

Welche der Neuschöpfungen und Entlehnungen, die jeden Tag in der deutschen Sprache auftauchen, sich durchsetzen, entscheidet sich in einem evolutionären Prozess. Wenn sie ein kommunikatives Bedürfnis einer großen Zahl von Sprechern befriedigen, pflanzen sie sich fort, wenn nicht, sterben sie aus.

Regulieren lässt sich das weder von Sprachnörglern noch von Wörterbuchmachern. Sprachwandel entsteht aus unzähligen Einzelentscheidungen. Wie bei einem Kartenspiel, bei dem jeder Mitspieler seine Karten so ausspielt, wie er es für richtig hält, haben Sprecher, wenn sie den Mund aufmachen oder zum Stift greifen, die Möglichkeit, die Entwicklung ihrer Muttersprache zu beeinflussen. Nicht, indem sie am Sprachgebrauch ihrer Mitmenschen herumnörgeln, sondern indem sie Wörter verwenden, die ihnen in der jeweiligen Situation am ausdrucksstärksten erscheinen. Statt am Rand zu stehen und zu kiebitzen, sollten die Sprachnörgler sich an den Tisch setzen und das Spiel mitgestalten. Da es ein Spiel mit vielen Mitspielern ist, werden sie nur selten gewinnen. Aber dabei sein ist alles.

Prof. Dr. Anatol Stefanowitsch ist Sprachwissenschaftler an der Universität Bremen.


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#2

RE: Hamburger Abendblatt: Sprachnörgler sollten das Spiel mitgestalten

in Deutsch in Medien und Literatur 22.09.2009 00:24
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge | 1013 Punkte

Ja, schämt sich dieser Sprachwissenschaftler denn nicht, dem VDS seinen schönen Weltuntergang kaputtzumachen?

Andererseits ist bekannt und läßt sich auch aus den "Sprachnachrichten" und dem VDS-Forum "Klartext" bis zum Abwinken belegen, daß die gesamte Sprachwissenschaft ein erklärter Todfeind der ethnopluralistischen und stramm antiamerikanischen VDS-Ideologie ist. Für den VDS ist die Sprachwissenschaft der kleine Satan, nämlich der Geist, der stets verneint, daß das Problem, gegen das der VDS so vehement anröhrt, überhaupt existiert. Der große Satan des VDS dagegen befindet sich direkt nördlich von Mexiko und raubt uns seit 1945 unaufhörlich unsere nationale Identität.

Wie dem auch sei, mit Wissenschaft kommt man Ideologen und Verschwörungstheoretikern nicht bei. Hier nicht und anderswo nicht, und nie und nebbich nicht und überhaupt nimmermehr niemals nicht.


zuletzt bearbeitet 22.09.2009 00:31 | nach oben springen

#3

RE: Hamburger Abendblatt: Sprachnörgler sollten das Spiel mitgestalten

in Deutsch in Medien und Literatur 22.09.2009 17:00
von AndyOSW • 631 Beiträge | 631 Punkte

Naja, wenn man sieht, womit sich jene in ihrem Forum beschäftigen, wird mir Angst und Bange. Habe da mal nach ewigen Zeiten wieder einmal hineingesehen und bin entsetzt!

http://www.vds-ev.de/forum/search.php?action=view24h

Die Themen des Tages:

- Neger, Schwarzer, Farbiger usw.
- Deutsche Grammatik
- Wie verschwinden Anglizismen?
- Chantal, Mandy, Angelina, Kevin, Justin oder Maurice
- Angela Merkel


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#4

RE: Hamburger Abendblatt: Sprachnörgler sollten das Spiel mitgestalten

in Deutsch in Medien und Literatur 22.09.2009 18:45
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge | 1013 Punkte

Da kämpfen doch tatsächlich ein paar Klartextler um das Recht, wieder "Neger" sagen zu dürfen.
Anglizismen raus, Neger rein. Ganz großes Tennis.

Was ich auch nicht kapiere: warum wird dort und anderswo Leuten, die nicht auf Linie liegen, immer der Begriff "Gutmenschen" an den Kopf geschmissen? Bezeugen da "Schlechtmenschen" ihr Bedürfnis nach Abgrenzung?


zuletzt bearbeitet 22.09.2009 19:04 | nach oben springen

#5

RE: Hamburger Abendblatt: Sprachnörgler sollten das Spiel mitgestalten

in Deutsch in Medien und Literatur 22.09.2009 22:51
von AndyOSW • 631 Beiträge | 631 Punkte

Zitat von Schamane
Was ich auch nicht kapiere: warum wird dort und anderswo Leuten, die nicht auf Linie liegen, immer der Begriff "Gutmenschen" an den Kopf geschmissen? Bezeugen da "Schlechtmenschen" ihr Bedürfnis nach Abgrenzung?


Eigentlich sind doch "Gutmenschen" die, die in den eigenen Augen für die "gute Sache" einstehen. Dieser artikulierte "Hass auf das Gutmenschentum" durch die Klartext-Foristen ist unverständlich, schizophren, bekloppt.

Wenn einige VDS-Klartextler (wieder!) "Neger", "Zigeuner" und "Eskimo" sagen wollen, sollen sie. Dieser "Scheiß" hat es immerhin schon auf 5 (fünf!) Seiten "Diskussion" gebracht. Widerlich. Wir leben im dritten Jahrtausend, Deutschland hat seit 91 Jahren keine Kolonien mehr... Die Einteilung von Menschen in "Rassen" entsprechend ihrer Hautfarbe ist dermaßen überholt, dass man diesen VDS-Klartextlern einmal zeitgenössische Fachliteratur ans Herz legen möchte...

Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück. In welche Ecke sie (einige VDS-Klartextler) sich begeben und welche Sympathisanten sie damit gewinnen, steht außer Frage. Ich würde am Sonntag gerne mal "Mäuschen spielen", wenn "jedi", "HoKeTo", "Trenak" und Konsorten in der Wahlkabine ihr Kreuzchen machen...

Das soll es dann auch schon wieder einmal mit der Werbung für das "Stiefschwesterforum" gewesen sein. Wenden wir uns wieder wichtigen Dingen zu - es läuft gerade Fußball


zuletzt bearbeitet 22.09.2009 22:54 | nach oben springen


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