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Hinter den Wörtern – der Kommunikationstrainer

in F r e i s t i l 29.09.2009 18:37
von AndyOSW • 631 Beiträge | 631 Punkte

Hinter den Wörtern – der Kommunikationstrainer

Dieselbe Sprache und doch kein Verstehen? Kommunikationstrainer helfen, Botschaften richtig anzubringen, Missverständnisse zu vermeiden und Sensibilität für die Sprache zu entwickeln.

Paul Watzlawick, der österreichische Kommunikationsforscher, erzählte in einem Interview eine Anekdote über kulturelle Unterschiede: In einem Reitclub in São Paulo unterhalten sich ein Brasilianer und ein Nordamerikaner. Beide versuchen unbewusst, die für sie jeweils normale Gesprächsdistanz einzunehmen. Beim Nordamerikaner eine Armeslänge, beim Brasilianer deutlich weniger. „Der Brasilianer rückt immer näher auf, um die für ihn richtige Gesprächsdistanz einzunehmen. Der Nordamerikaner weicht zurück, um die für ihn richtige Distanz wieder herzustellen. Das geht solange weiter, bis der Nordamerikaner rückwärts über die Brüstung fällt.“

Keine standardisierte Ausbildung

Auch in der verbalen Kommunikation resultieren aus kulturellen Differenzen immer wieder Missverständnisse. Typisches Beispiel ist das Zusammentreffen von direkter und indirekter Kommunikation. Zwar lassen sich solche kulturellen Unterschiede nicht an Ländergrenzen festmachen, doch trifft man in Deutschland eher häufiger auf direkte Kommunikation, während in vielen asiatischen Ländern indirekte Kommunikation überwiegt. Beispielsweise gilt in Japan die Aussage „nein“ generell als unhöflich, ja es fehlt sogar ein Wort, das der direkten Übersetzung des deutschen „Nein“ entspricht.

Wir kommunizieren durch Sprache, Mimik, Gestik, Schrift, Symbole – selbst durch Schweigen vermitteln wir eine Botschaft, ja viele Botschaften. „Es ist schwer, richtig zu kommunizieren, und es ist unmöglich, nicht zu kommunizieren“, sagt Watzlawick. Entsprechend vielschichtig ist der Beruf des Kommunikationstrainers. Es gibt keine standardisierte Ausbildung, dafür typische Studienfächer wie Psychologie, Kommunikationswissenschaften und Pädagogik. Die Einsatzgebiete der Kommunikationstrainer reichen von Rhetorikseminaren, Bewerbungstraining und Partnerschaftsberatung bis hin zu interkultureller Kommunikation und gewaltfreier Kommunikation – einem Konzept des amerikanischen Psychologen Marshall B. Rosenberg, bei dem man lernt, seine Wünsche mitzuteilen, ohne dabei zu kritisieren oder zu fordern.

Auch innerhalb der einzelnen Gebiete gibt es Unterschiede in den Zielen und Konzepten. Unter dem Begriff interkulturelle Kommunikation findet man beispielsweise Benimmkurse für Geschäftsleute und Firmenmitarbeiter, in denen sie lernen, bei Verhandlungen mit exotischen Geschäftspartnern den größten Fettnäpfchen auszuweichen. In anderen Seminaren zur interkulturellen Kommunikation geht es primär um das Verstehen. Typische Zielgruppe sind Behörden und Beratungsstellen. Im Alltag sitzen deren Mitarbeiter häufig Migranten gegenüber, die vielleicht nur wenig Deutsch sprechen. Ein Paradies für Missverständnisse.

Selbstverständliches hinterfragen

„Oft liegt es am unterschiedlichen Kommunikationsverhalten“, sagt Katalin Kóródi, Trainerin und Beraterin für Interkulturelle Kommunikation in München. „In manchen Kulturen wird sehr direkt kommuniziert, das heißt viele Fragen erwarten ein klares Ja oder Nein. In anderen Kulturen kommuniziert man eher indirekt, das heißt, man spricht seine Wünsche nicht direkt aus und redet vielleicht zunächst über andere Themen.“ Für einen Beamten, wirkt das dann, als würde der Migrant um den heißen Brei reden. Der Beamte wird ungeduldig und fragt vielleicht mit noch mehr Nachdruck. Der Migrant fühlt sich überfahren und verschließt sich.

„Das lässt sich vermeiden, wenn man lernt, die Perspektive zu wechseln, sich bewusst zu werden, dass man dieselben Inhalte auf unterschiedliche Arten kommunizieren kann“, sagt Kóródi. „Wir sagen aber nicht einfach, die Deutschen sollen lernen, wie Türken denken. Wir wollen den Kursteilnehmern beibringen, mit Unterschieden umzugehen und das vermeintlich Selbstverständliche in Frage zu stellen. Beides ist wichtig: Den anderen und sich selbst wahrnehmen.“

Wir werten zu schnell

Eine andere Kategorie unterscheidet zwischen sachbezogener und personenbezogener Kommunikation. Sachbezogene Kommunikation findet man häufig bei Ämtern und Behörden. Argumente und Fakten stehen im Vordergrund. In der personenbezogenen Kommunikation geht es primär um den Menschen, um Vertrauen. Typisches Szenario: Ein Migrant soll in Deutschland einen Vertrag unterzeichnen. Er empfindet dies als mangelndes Vertrauen in seine Person. Eine mündliche Zusage ist für ihn absolut ausreichend, während sein Gegenüber die Weigerung, zu unterschreiben, als unseriös empfindet. „Ein häufiger Fehler in der interkulturellen Kommunikation ist die Wertung“, sagt Katalin Kóródi. „Wahrnehmungen werden viel zu schnell interpretiert. Das lernen unsere Seminarteilnehmer bei Übungen, wo sie entdecken, wie schnell man sich ein falsche Meinung bildet.“

Kommunikationstrainer vermitteln eine größere Sensibilität für die Komplexität der Sprache: „Jemand, der indirekt kommuniziert, drückt vielleicht Kritik aus, indem er alles Mögliche an einem lobt bis auf den kritisierten Punkt. Das Aussparen beim Lob ersetzt die direkte Kritik. Wer diesen Code nicht kennt, für den bleibt die Kritik verborgen“, sagt Kóródi. „Aber vieles ist lernbar. Zum Beispiel, erst Vertrauen aufzubauen, bevor man die eigentlichen Fragen stellt.“

Jonny Rieder ist freier Autor und lebt in München.


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