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Goethe-Institut: Deutsch – eine weltweit gelernte, aber in Europa beheimatete Sprache

in Sprachpolitik 11.10.2009 22:28
von AndyOSW • 631 Beiträge

Goethe-Institut: Deutsch – eine weltweit gelernte, aber in Europa beheimatete Sprache

Das Gebäude der Europäischen Kommission: Hier darf Deutsch als Arbeitssprache verwendet werden. Foto: Xavier Häpe. Creative Commons Attribution 2.0 LicenseDeutsch ist in der Europäischen Union Fremdsprache Nummer Zwei und liegt nach der Zahl der Muttersprachler mit 90 Million auf dem ersten Platz. In acht Ländern ist es als Minderheitssprache anerkannt. Kein Grund also, sich um die Verbreitung der deutschen Sprache in Europa Sorgen zu machen? Leider doch, denn in den europäischen Institutionen spielt die deutsche Sprache nur eine Nebenrolle. Ein entschiedenes Eintreten für das Deutsche als (tatsächlich genutzte) Arbeitssprache ist notwendig, wenn Deutsch eines Tages zu den Regierungssprachen der zusammenwachsenden Gemeinschaft gehören soll. Das ist wichtig, damit es seine Attraktivität als Fremdsprache behält.

Von Ulrich Ammon

Deutsch wird rund um die Welt in mehr als 100 Ländern an Schulen und Hochschulen gelehrt und gelernt – eine für die internationalen Kontakte der deutschsprachigen Länder unschätzbare Ressource. Ob dies so bleibt, entscheidet sich vor allem in Europa, wo Deutsch seinen Schwerpunkt hat. In der Europäischen Union (EU), mit 27 Mitgliedsstaaten (seit 1. Januar 2007), übertrifft Deutsch alle anderen Sprachen nach Zahl der Muttersprachler (rund 90 Millionen, weltweit 120 Millionen) und Zahl der Staaten, in denen es Amtssprache ist (sieben Staaten), und rangiert als Fremdsprache an zweiter Stelle, nach Englisch und vor Französisch.

Allerdings richtet sich die Sprachenpolitik der EU vor allem auf die kleinen Sprachen, die sogar als Fremdsprachen gefördert werden, zum Beispiel durch den Vorschlag an die EU-Bürger, eine „persönliche Adoptivsprache“, möglichst eine der kleinen Sprache, zu erlernen. Diese Stoßrichtung geht zu Lasten der größeren Sprachen, die traditionell als Fremdsprachen gelernt werden, auch und gerade zu Lasten von Deutsch. Nur Englisch ist davon nicht betroffen. Im Gegenteil: Es gilt als unverzichtbar und wird – bei der durch die EU-Politik geförderten sprachlichen Zersplitterung – immer dringender als Verkehrssprache benötigt.

Amts- und Arbeitssprache der EU

Besonders wichtig für die Zukunft der deutschen Sprache ist ihre Stellung in den Institutionen der EU. Deutsch ist selbstverständlich eine der 23 EU-Amtssprachen, die vor allem der Kommunikation zwischen den EU-Organen und den Mitgliedsstaaten dienen. Weniger gesichert ist dagegen die Stellung von Deutsch als eine der internen Arbeitssprachen der Organe, die diese sich laut Artikel 6 der „Verordnung Nr. 1 des Rates zur Regelung der Sprachenfrage“ aus den Amtssprachen auswählen dürfen. Aller Voraussicht nach verfestigen diese Arbeitssprachen sich mit der Zeit zu den Regierungssprachen der zusammenwachsenden Gemeinschaft und durchdringen am Ende auch die Mitgliedsstaaten. Wenn Deutsch von dieser Entwicklung ausgeschlossen wird, verliert es auch einen Großteil seiner Attraktivität als Fremdsprache.

Diese abträgliche Möglichkeit besteht durchaus, denn Deutsch ist in weniger Institutionen anerkannte Arbeitssprache als Englisch und Französisch und wird, selbst wo es anerkannt ist (in der Kommission und im Ministerrat, auch für informelle Sitzungen), nur selten verwendet. Deutschland hat die Zurücksetzung seiner Sprache bis Ende der 1980er-Jahre hingenommen und erst in neuerer Zeit, auch unterstützt von Österreich, versucht, eine Besserstellung zu erreichen. Diese Bemühungen sind dadurch erschwert, dass einerseits Spanien und Italien bisweilen ähnliche Ansprüche erheben und dass andererseits diejenigen Mitgliedsstaaten, die für die eigene Sprache keine Chance als Arbeitssprache sehen, sich auf Englisch konzentrieren. Dadurch wird auch Französisch als Arbeitssprache mehr und mehr zurückgedrängt. Unter diesem Eindruck haben Frankreich und Deutschland im Juli 2000 eine gemeinsame „Sprachenweisung“ mit dem Ziel gegenseitiger sprachenpolitischer Unterstützung unterzeichnet, ohne freilich bislang konsequent entsprechend zu kooperieren.

Keine Unterrichtssprache am Europakolleg

Die deutsche Regierung protestiert seit Ende der 1980er-Jahre regelmäßig gegen die Zurücksetzung von Deutsch. Die Wirkung ist allerdings bislang gering, weil wesentliche Ursachen unangetastet bleiben. Deutsch kann als Arbeitssprache kaum angewandt werden, solange viele EU-Beamte keine Deutschkenntnisse haben und sie bei der Anstellung von Personal auch nicht gefordert werden (nur Englisch- und Französischkenntnisse). Ob das in den EU-Institutionen verbreitete Bild von den deutschen EU-Beamten, die lieber Englisch oder Französisch sprechen (sogar wenn Deutsch anerkannte Arbeitssprache ist), zutrifft, ist ungeklärt. In den sprachenpolitischen Vorstößen aus Deutschland sind diese Probleme zwar zum Teil thematisiert, aber bislang nicht nachhaltig verfolgt worden.

Im politisch weniger gewichtigen Europarat (47 Mitgliedsstaaten 2008) rangiert Deutsch ebenfalls hinter Englisch und Französisch, den alleinigen „Amtssprachen“. Deutsch ist nur „Arbeitssprache“ (neben Italienisch und Russisch), was hier den geringeren Status bezeichnet. Als Folge ist Deutsch unter anderem keine Unterrichtssprache am Europakolleg in Brügge (Belgien) und Natolin (Polen), wo jährlich rund 400 Europaexperten ausgebildet werden. Ein Antrag auf Hochstufung von Deutsch zur Amtssprache ist 1994 gescheitert.

Minderheitssprache in EU-Mitgliedsstaaten

Deutsch ist auch anerkannte Minderheitssprache in mehreren EU-Mitgliedsstaaten, und zwar in Ostbelgien und Südtirol, wo es zugleich regionale Amtssprache ist, sowie in Dänemark (Nordschleswig), Polen (Oppeln, Schlesien), Rumänien, der Slowakei, Tschechien und Ungarn. Die Rechte von Sprachminderheiten sind in der vom Europarat konzipierten und von der EU mitgetragenen Europäischen Charta für Regional- oder Minderheitensprachen formuliert, die allerdings nur eine Empfehlung an die Mitgliedsstaaten ist, die sprachenpolitisch autonom sind.

Frankreich hat seine Verfassung so geändert (Anerkennung nur von Französisch), dass die Charta damit unvereinbar ist. Folglich verwehrt es der deutschsprachigen Minderheit im Elsass und in Lothringen Rechte im entsprechenden Umfang (zu gewähren sind nach Artikel 2 mindestens 35 Rechte aus einer umfangreichen Liste), erlaubt aber immerhin zweisprachige Schulen mit Deutsch. Auch der Erhalt von Deutsch als Minderheitssprache ist für die Zukunft der deutschen Sprache bedeutsam. Vermutlich sind manche deutschsprachigen Minderheiten noch nicht entdeckt, die aufgrund der Charta zumindest begrenzt förderungswürdig sind – zum Beispiel in Finnland.

Literatur

Ammon, Ulrich (2003/4) Sprachenpolitik in Europa – unter dem vorrangigen Aspekt von Deutsch als Fremdsprache. Deutsch als Fremdsprache 40 (4): 195-209/ 41 (1): 3-10.

Ammon, Ulrich (2007) Die Wichtigkeit und Schwierigkeit von Deutsch als Arbeitssprache in den EU-Institutionen. Muttersprache 117: 98-109.

Ammon, Ulrich (2009) Über die Dilemmata jeglicher EU-Sprachenpolitik. In Stickel, Gerhard (Hg.) National and European Language Policies. Frankfurt a. M.: Lang, 19-34.

Deutscher Bundestag (2003) Deutsch als Arbeitssprache auf europäischer Ebene festigen – Verstärkte Förderung von Deutsch als erlernbare Sprache im Ausland. Antrag der Fraktionen SPD, CDU/CSU, Bündnis 90/DIE GRÜNEN und FDP. Bundestagsdrucksache 15/1574.

Deutscher Bundesrat (2004) Entschließung des Bundesrates zur Gleichberechtigung der deutschen Sprache auf europäischer Ebene. Bundesratsdrucksache 175/04.

Schreiner, Patrick (2006) Deutsch im Konzert europäischer Sprachen. Über die Sprachenpolitik der EU und die Situation der deutschen Sprache auf europäischer Ebene. Der Sprachdienst 50 (4-5): 41-59.

Stark, Franz (2002) Deutsch in Europa. Geschichte seiner Stellung und Ausstrahlung. St. Augustin: Asgard.


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