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Berliner Morgenpost: Der große Kevin-Irrtum – Die Ossis sind unschuldig

in F r e i s t i l 11.10.2009 22:31
von AndyOSW • 631 Beiträge

Berliner Morgenpost: Der große Kevin-Irrtum – Die Ossis sind unschuldig

Freitag, 25. September 2009 11:38 - Von Brenda Strohmaier

Die armen Kevins. Lehrer halten sie nicht nur für dümmer, wie jüngst eine Studie ergab. Immer wieder ist zu hören, dass der Name typisch ostdeutsch sei. Doch das stimmt nicht: Die Wurzel des auch als Kevinismus bekannten Übels findet sich im Westen. Überhaupt ist bei den Namen einiges ganz anders als man denkt.


"Nur Drogenkinder und Ossis heißen Kevin“: So ätzte der bayerische Profi-Spaßmacher Michael Mittermeier. Zumindest was den Unterschichtsverdacht angeht, ist er nicht allein mit seinem Vorurteil. Einer viel beachteten Studie der Uni Oldenburg zufolge gelten Kevins und Kinder mit ähnlichen angelsächsischen Namen wie Justin oder Mandy bei Grundschullehrern als „leistungsschwach“ oder „verhaltensauffällig“. Doch wie verhält es sich mit dem Ossi-Faktor? Kommen wirklich die meisten Kevins aus dem Osten?

Forscher können schnell beweisen, dass dem keineswegs so ist. So erklärt Gabriele Rodriguez, Philologin und Namensberaterin an der Uni Leipzig, mit leicht sächsischen Akzent: „Da muss ich meine Landsleute verteidigen“. Dann trägt sie Statistiken vor, für die die Namensangaben vieler deutscher Standesämter zusammengerechnet wurden. Demnach wurden noch im Jahr 2006 mehr als 600 Neugeborene in ganz Deutschland Kevin genannt. „Allein 129 davon in Nordrhein-Westfalen, 127 in Niedersachsen“. Zum Vergleich: „In Sachsen waren es gerade mal 32.“

Rückendeckung erhält die Leipzigerin von der in Wiesbaden ansässigen Gesellschaft für deutsche Sprache. Dort kann man belegen, dass im Osten selbst zu Kevin-Boom-Zeiten die Begeisterung für den Namen nicht viel größer war als im Westen. 1991 kam der Film „Kevin allein zu Haus“ in die deutschen Kinos, und in den Folgejahren wollten hüben wie drüben etliche Eltern den Nachwuchs nach dem Filmhelden nennen, der so tapfer gegen Einbrecher kämpfte.

1992 stand der Name auf Platz 5 der gesamtdeutschen Namenscharts. Einziger Unterschied: „Im Osten rangierte Kevin im Jahr 1994 noch auf Platz 5, während er im Westen schon auf Platz 7 abgerutscht war“, sagt der Namensexperte Gerhard Müller. Einen Vorwurf will er den Ostlern daraus keinesfalls machen. „Diese Kevin-Tendenz war eben im Osten etwas stärker.“
Der Westen hat in Bezug auf die bereits in vielen Kolumnen thematisierte Kevinsche Geschmacksverirrung deutlich mehr Schuld auf sich geladen. Die Wessis haben nämlich angefangen. Wie der Vornamensforscher Wilfried Seibicke in dem Standardwerk „Vornamen“ erklärt, hat ein Engländer den ersten großen deutschen Kevin-Trend los getreten: Der Fußballer Kevin Keegan, der von 1977 bis 1980 beim HSV kickte.

Wie groß dessen Einfluss auf die West-Eltern war, verrät die Namensdatenbank evolu-gen.de, die auf dem Telefonbuch des Jahres 1998 basiert. 911 Kevins sind zu dem Zeitpunkt registriert – und fast allesamt im Westen oder in Berlin. Ganz ähnlich sieht es übrigens aus, wenn man Chantal in die Suchmaske eingibt.

Anders gesagt: Der Begriff Kevinismus mag vielleicht auf die Anglophilie von tumben Fernsehzuschauern zutreffen, die ihr Kind nach dem Abspann von Filmen und Serien benennen. Dem Phänomen DDR-Namen wird er nicht gerecht. Und die gibt es trotz des Kevin-Irrtums tatsächlich. Ronny, Mandy, Cindy – die Seite gen-evolu.de zeigt hier eine ganz eindeutige Verteilung. Während im Westen nur ein paar Pünktchen markiert sind, verdichten sie sich im Osten zu Flecken. Doch auch hier gilt: „Obacht Vorurteil“. Denn die Sache mit den exotischen Namen ist etwas komplizierter.

Die Wissenschaftler räumen ein: „Wenn ich Listen sehe, auf denen Jeremy oder Justin steht, dann kommen die eher aus dem Osten“, sagt der Westler Gerhard Müller. Und die Leipzigerin Garbriele Rodriguez pflichtet bei: „Es gibt und gab im Osten eine gewisse Vorliebe für englische Namen.

Jeder will ja das, was er nicht hat. In der BRD bevorzugte man eher slawische Namen. Deshalb hat Boris Becker aus Leimen auch einen russischen Vornamen.“ Für all die Peggys hat sie aber eine noch viel bessere Erklärung als ein bisschen Fernweh und Regimeprotest. Schaut man sich die Namensverteilung genauer an, dann wird klar, dass die kurzen Namen mit y- und i-Endung sich besonders in Sachsen und Thüringen ballen. „Das liegt am Dialekt, wir verniedlichen hier gerne alles. Und wir mögen kurze Namen.“ So nennen Eltern in Sachsen ihre Kinder eher Max, in Bayern dagegen Maximilian.

Dialekt hin oder her - die Namen im Osten und Westen nähern sich immer mehr an. So nennen inzwischen auch Ost-Eltern ihre Kinder Katharina, was früher ein typischer Westnamen war. Und der Name Paul, der im Osten schon länger beliebt war, liegt nun auch im Westen wieder im Trend. Gravierender als die Ost-West-Unterschiede sind heute die regionalen Namensdifferenzen. So heißen wohl ausschließlich Bayern Korbinian. Haukes wiederum haben ziemlich sicher norddeutsche Eltern.

Und auch im Westen finden sich heute ganz viele Namen, die Mittermeier vielleicht auf den ersten Blick als ostig identifizieren würde. In Bremen muss etwa ein 2008 geborenes Mädchen mit dem Namen Ashley Samantha Angela durchs Leben gehen.

Vielleicht sollte sie sich mit der auf dem gleichen Standesamt verzeichneten Hailie Chanel zusammentun. Und was den Chantalismus angeht: In Berlin-Hellersdorf (Ost) sind seit dem Jahr 2001 zwölf Chantals auf die Welt gekommen, genauso viele wie im West-Bezirk-Neukölln.

Wer mehr über einen bestimmten Vornamen wissen will, kann bei der Uni Leipzig oder der Gesellschaft für Deutsche Sprache gegen eine Gebühr genaueres erfahren.

http://www.gfds.de/vornamen

http://www.vornamenberatung.eu


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#2

RE: Berliner Morgenpost: Der große Kevin-Irrtum – Die Ossis sind unschuldig

in F r e i s t i l 13.10.2009 10:13
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge

Schützenhilfe für Kevins!

In den Neunzigern erhöhte ich mein studentisches Einkommen bei verschiedenen Nachhilfeinstituten durch Latein-, Englisch-, Mathe- und Deutschunterricht. Das war tief im Westen, und ich bin durch mehr als 10 Kevins und dazu einige Dennisse gegangen. Von denen war kein einziger blöd, und nicht einer stammte aus "asozialen" Verhältnissen. Die meisten davon haben heute das Abitur, und die anderen haben die Mittlere Reife. Sind alle was geworden.


zuletzt bearbeitet 13.10.2009 10:16 | nach oben springen


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