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Berliner Morgenpost: Berliner Schule wirbt Schüler mit Deutsch-Klasse

in F r e i s t i l 15.10.2009 16:15
von AndyOSW • 631 Beiträge

Modellprojekt: Berliner Schule wirbt Schüler mit Deutsch-Klasse

Donnerstag, 15. Oktober 2009 11:49 - Von Katrin Lange und Florentine Anders

In einer Berliner Grundschul-Klasse wird nun nur noch Deutsch gesprochen. Die Schüler der Klasse in Wedding müssen nicht Deutsche sein, aber eben Deutsch sprechen. Das soll die Zahl der Schüler aus Alt-Mitte erhöhen. Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) übt bereits Kritik. Doch es gibt auch schon erste Nachahmer.

Als erste Schule in Berlin wird die Gustav-Falke-Grundschule zum kommenden Schuljahr eine Klasse ausschließlich für Kinder mit sehr guten Deutschkenntnissen einrichten und Eltern damit eine „Deutsch-Garantie“ geben. Am Mittwoch stellte die Schule aus Wedding das Projekt öffentlich vor und sorgte damit stadtweit für Aufsehen.

Unterstützt wird das Vorhaben von der Senatsbildungsverwaltung. „Wir begrüßen jede Initiative für eine größere Heterogenität an den Schulen“, sagte Erhard Laube, Chef der Berliner Schulaufsicht. Es sei nicht nur im Interesse deutscher, sondern auch der Eltern mit Migrationshintergrund, die Klassen mehr zu durchmischen und damit die Integration zu erleichtern. Seine Verwaltung werde das Projekt konzeptionell begleiten. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) begrüßte die „zukunftsweisende Initiative“ ebenso wie Özcan Mutlu, bildungspolitischer Sprecher der Grünen. Auch die bildungspolitischen Sprecher von FDP und CDU halten das Modell für nachahmenswert.

Problematisch dagegen findet Heinz Buschkowsky (SPD), Bezirksbürgermeister von Neukölln, das Vorhaben. Eine Sonderklasse für deutschsprachige Schüler sei ein „Doktern am Symptom, aber keine Lösung des Problems“, sagte er. Es bestehe zudem die Gefahr, dass bereits unter Grundschulkindern eine Auslese stattfinde. Buschkowsky fordert stattdessen mehr Ganztagsschulen.
Wedding und Alt-Mitte trennen Welten

Die Bernauer Straße trennt Alt-Mitte von Wedding und damit zwei Welten. Südlich der sozialen Grenzlinie drehen sich die Kräne für Öko-Lofts, reiht sich eine Kunstgalerie an die andere, sitzen bildungsbewusste Eltern mit ihrem Nachwuchs bei Latte macchiato in den Schaufenstern kleiner Cafés. Nördlich davon gibt es Frühstück für 99Cent, Aldi, grafittibeschmierte Läden, HartzIV und Migranten.

Nördlich der Bernauer Straße liegt auch die Gustav-Falke-Schule. In der Grundschule gibt es in manchen Klassen kein einziges deutsches Kind mehr. Kein Wunder, dass die Eltern auf der südlichen Seite der Straße die Schule gar nicht erst für ihren Nachwuchs in Betracht ziehen. „Ich schicke mein Kind doch nicht auf so eine Problemschule mit so vielen Ausländern“, bekam Schulleiterin Karin Müller immer wieder zu hören und ergriff die Initiative. Sie ging einfach auf die andere Seite zu den Eltern nach Alt-Mitte und stellte sie in einer Kiezrunde zur Rede. „Was wollt ihr? Wie soll die Schule für eure Kinder aussehen?“, fragte sie die Eltern. Die hatten ihre konkreten Forderungen: mindestens 50 Prozent Kinder deutscher Herkunft, von Anfang an Englisch und Naturwissenschaften.

Darauf ist die Schulleiterin eingegangen, mit dem Ergebnis, dass es zum Schuljahr 2010/11 erstmals eine berlinweit einmalige Modellklasse geben wird: In die Klasse wird nur aufgenommen, wer vorab den Deutschtest „Bärenstark“ zu 80 Prozent besteht. Die Herkunft des Kindes soll dabei keine Rolle spielen. Wichtig ist, dass Präpositionen, Artikel und Verben richtig verwendet werden. So müssen Kinder wissen, ob das Buch auf oder unter dem Tisch liegt. Sie müssen auch dicke von dünnen Männern auf Bildern unterscheiden und beschreiben können. In der Klasse werden künftig höchstens 24 Schüler sitzen, die Hälfte von ihnen soll nach dem Wunsch der Eltern Deutsch als Muttersprache sprechen. Die Schüler werden von Anfang an auch in Englisch unterrichtet und eine Zusatzstunde für naturwissenschaftliche Experimente haben. So erfahren sie zum Beispiel, wie viele Wassertropfen auf ein Fünf-Cent-Stück passen.
Rückgang der Schülerzahlen stoppen

Die Gustav-Falke-Schule hofft, mit diesem Modellprojekt nicht nur wieder mehr deutsche Kinder an die Schule zu locken, sondern überhaupt den Rückgang der Schülerzahlen zu stoppen. Während es in Alt-Mitte an Plätzen in Grundschulen mangelt, bleiben in Wedding die Schulbänke zunehmend leer. Bildungsorientierte Eltern aus dem Kiez wandern an Privatschulen oder in andere Bezirke ab. Im vergangenen Jahr warnten die Schulleiter aus Mitte gemeinsam in einem Brandbrief vor einem Bankrott der Schulen, wenn dieser Trend nicht mittels Zusatzausstattung durch den Senat gestoppt werde.

In den 90er-Jahren besuchten mehr als 600 Kinder die Gustav-Falke-Grundschule. In diesem Schuljahr sind es genau 344. Die Eltern in der Spandauer und der Rosenthaler Vorstadt nahmen lieber Klassen mit bis zu 32 Schülern in Kauf, als ihre Kinder auf die andere Seite ins Gesundbrunnenviertel zu schicken.

Heike Mohaupt gehört zu den Elternvertretern aus Alt-Mitte, die in der Verwaltung intern gern als „biodeutsch“ bezeichnet werden. Ihr Sohn Frederik kommt im nächsten Jahr zur Schule und muss Anfang November angemeldet werden. Sie hatte die Wahl zwischen der völlig überlaufenen Papageno-Grundschule oder einer Privatschule. Die Gustav-Falke-Grundschule kam für ihren Sohn zunächst nicht infrage. „Ich wollte doch nicht, dass mein Kind als einziges in der Klasse Deutsch spricht“, sagt Heike Mohaupt. Dabei hatte ihr die Schule beim Tag der offenen Tür eigentlich ganz gut gefallen. „Die Lehrer schienen sehr engagiert“, sagt sie, und dennoch hatte sie kein gutes Gefühl. Das hat sich jetzt geändert. Den bereits zugesagten Platz an einer Privatschule in Weißensee hat sie zurückgegeben.

Stattdessen will sie Frederik nun doch an der wohnortnahen Gustav-Falke-Grundschule anmelden. Die größte Befürchtung, Frederik könnte der einzige deutsche Schüler sein, sei ihr mit dem Pilotprojekt genommen. Zudem durften die Eltern bereits die künftige Lehrerin kennenlernen. Regelmäßig finden mit Kita-Vorschulkindern aus Alt-Mitte Experimentierstunden an der Schule statt. Das schaffe Vertrauen, sagt Heike Mohaupt. Es bleibe allein die Befürchtung, die Schüler aus der Deutschklasse könnten von den anderen gemobbt werden. „Ich bin aber ganz optimistisch, dass die Schule auch mit solchen Konflikten gut umgehen wird“, sagt die Mutter.

Bevor die Modellklasse überhaupt gestartet ist, hat sie schon die ersten Nachahmer gefunden. Auch an der Vineta-Grundschule in Wedding will Schulleiter Roland Barth eine Klasse mit Schülern, die über besonders gute Deutschkenntnisse verfügen, starten lassen. Er verspreche sich davon eine Sogwirkung auf alle Eltern, die im Umkreis wohnen, und eine bessere Durchmischung, sagt Barth. Im Moment lernen 90 Prozent Kinder nicht deutscher Herkunft an seiner Schule.

Die beiden Schulen stehen mit ihren Projekten nicht allein da. Sie gehören zu einem Bildungsverbund, den die Wohnungsbaugesellschaft Degewo vor vier Jahren im Brunnenviertel ins Leben gerufen hat. Die Degewo hat 5000 Wohnungen im Viertel. Ihr liefen die Mieter davon wie den Schulen die Kinder. „Die Familien schauen genau auf die Schulen in dem Gebiet, in das sie ziehen wollen“, sagt Degewo-Vorstand Frank Bielka. Daher gehörten eine gute Schule und ein gutes Quartier zusammen. Unterstützt wird der Bildungsverbund, in dem die Gustav-Falke-Grundschule, die Vineta-Grundschule, die Willy-Brandt-Oberschule, die Ernst-Reuter-Oberschule und das Diesterweg-Gymnasium zusammenarbeiten, von dem ehemaligen Senatssprecher und heutigen Unternehmensberater Eduard Heußen. Er hat das Modell in Absprache mit der Schulaufsicht und dem Senat entwickelt, um den Teufelskreis zu durchbrechen, dass sich an bestimmten Schulen gar keine deutschen Muttersprachler mehr anmelden.

Wie steht es aber um die Integration, wenn die Kinder, die sehr gut Deutsch sprechen, unter sich bleiben? Heußen zieht nur erstaunt die Augenbraue hoch. „Integration?“, fragt er. „Hier gab es bislang keine Möglichkeit zur Integration, weil die Kinder nicht deutscher Herkunft unter sich geblieben sind.“ Jetzt werde erstmals mit einer Klasse, in der auch Kinder deutscher Eltern sitzen, die Chance zur Integration geboten. Sowohl Eduard Heußen als auch die Schulleiterin haben die Erfahrung gemacht, dass der Wunsch nach einer solchen Klasse insbesondere von den Familien kam, in denen zu Hause nicht Deutsch gesprochen wird. „Gerade die wollen ja, dass sich ihre Kinder in der Pause auf Deutsch unterhalten “, sagt Karin Müller.

Es gibt aber auch kritische Stimmen. Wolfgang Schimmang (SPD), Schulstadtrat von Neukölln, hält nichts von dem Sonderweg der Weddinger Grundschule. „Eine Klasse nur für Kinder mit guten Sprachkenntnissen führt zur Selektion“, sagt Schimmang. Schüler aus bildungsorientierten Familien würden so aus den anderen Klassen der Brennpunktschulen abgezogen. Statt solcher Sonderangebote müsse man alle Schulen in den betroffenen Kiezen privilegieren – durch mehr Personal und Ganztagsbetrieb.


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