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Goethe-Institut: „Nichts als Liebe“ – deutsche Musiker stehen zu ihrer Sprache

in Deutsch in Medien und Literatur 26.10.2009 17:58
von AndyOSW • 631 Beiträge

Goethe-Institut: „Nichts als Liebe“ – deutsche Musiker stehen zu ihrer Sprache

Hart, ungelenk, sperrig. Nicht musikalisch. Unmöglich. So lautete lange das Urteil über Deutsch in der Musik. Das hat sich komplett geändert: Nie gab es so viele Genres, in denen ganz selbstverständlich auf Deutsch gesungen wird.

Eigentlich heißt Jan Delay mit bürgerlichem Namen Jan Philip Eißfeld. Der 32-jährige Hamburger und Mitgründer der Hip-Hop-Band Absolute Beginners ist einer der erfolgreichsten deutschen Hip-Hopper und Funk-Musiker. Und er singt auf Deutsch. „Sperrig oder ungelenk, das war mir immer egal. Als ich 1991 mit dem Rappen anfing, wollten meine Kumpels, dass ich englisch singe. Das fand ich aber doof. Damals wie heute empfinde ich für die deutsche Sprache nichts als Liebe, in ihr fühle ich mich zu Hause, es ist die Sprache, die ich als Kleinkind gelernt habe. (...) Ich denke nicht englisch, ich träume nicht englisch, ich spreche nicht zu englischen Menschen – warum sollte ich auf Englisch rappen?“, bekennt er in einem Interview mit dem Magazin der Süddeutschen Zeitung über das Deutsch in der Musik.

Missbrauch deutschen Liedgutes

Die Genres, in denen auf Deutsch gesungen und gedichtet wird, sind allumfassend: Pop, Rock, Metal, Hip-Hop, Independent. Unter den Deutschen Top-100-Charts sind 20 deutschsprachige Lieder, es ist kein Imageverlust, sich auf Deutsch auszudrücken. Das war nicht immer so. Die lange, kulturelle Tradition des deutschen Liedes, des traditionellen Volkslieds und das Phänomen des UFA-Schlagers in den Zwanzigern und Dreißigern wurde von den Nationalsozialisten so für deren Zwecke missbraucht, dass es für die junge Nachkriegsgeneration nicht mehr möglich war, unbefangen auf Deutsch zu singen.

Wer also nicht in den Verdacht geraten wollte, Herz-Schmerz-Lyrik für eine alternde Generation zu singen oder altnational daherzukommen, hielt sich tunlichst vom Deutschen in der Musik fern. Die Jugendkultur kam aus England oder Amerika, gesungen wurde auf Englisch. Risse bekam diese zementierte Haltung erst, als 1973 Kraftwerk als erster deutscher Vertreter der elektronischen Popmusik ihre Stücke mit deutschen Texten unterlegte. Das Album Autobahn mit dem gleichnamigen Lied und seinem monotonen Refrain „Wir fahr’n, fahr’n, fahr’n auf der Autobahn“ wurde über die Landesgrenzen hinaus ein Hit und gab der deutschen Musik eine neue, moderne Akzeptanz. Die fast einzige Textzeile des 1978 erschienenen Songs Wir sind die Roboter unterstreicht durch elektronische Sprachverzerrung, stark gerolltem R und der Betonung jeder einzelnen Silbe regelrecht die Maschinenhaftigkeit und Härte des Deutschen.

Die Dadaistischen Lyrics der NDW

Erst die Neue Deutschen Welle verschrieb sich zu Beginn der 1980er-Jahre ganz dem deutschsprachigen Gesang. Eigentlich aus dem englischen New Wave/Punk abgeleitet, war die NDW zunächst ein reines Untergrundphänomen, deren harte Sprache und kantiger Rhythmus Aufsehen erregte. Erst später wurden Musiker wie Nena, UKW oder Trio europaweit bekannt. In Frankreich landeten Nenas 99 Luftballons in den Charts und der Refrain wurde leicht französisiert mitgeträllert. Bei Dadada – ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht von Trio brauchte man als Fremdsprachler kein besonderes Sprachvermögen. Nach dem Ende der NDW nur ein paar Jahre später, schien es, als hätte die deutsche Jugend von dadaistischen, aussagefreien Lyrics genug.

„Die Jugendlichen haben nach der NDW wieder englische Musik gehört, weil die Jugendkultur von dort kam“, sagt Carol von Rautenkranz, Chef des Hamburger Musikverlags Golden Gate Management. Doch seit den frühen 1990er-Jahren hat sich die Jugendkultur mit ihrem Deutschsein angefreundet, hat ein unverkrampftes Verhältnis zu Herkunft und Sprache entwickelt. Sie suchte das Explizite des Deutschen, wie der Dichter Michael Lentz im Gespräch mit Jan Delay sagt: „Ich mag es, dass die deutsche Sprache so viele Differenzierungsmöglichkeiten hat. (...) Der Amerikaner sagt immer: 'I am sad.' Der Deutsche will es genau wissen: Ist er jetzt traurig oder deprimiert oder niedergeschlagen oder wehmütig oder sentimental?“

Musikalische Herausforderung

Die Lyrics, die Melodie der Sprache, die unerwarteten Reime sind nicht nur im Hip-Hop wichtig. Independents wie die Hamburger Schule mit Bands wie Blumfeld scheinen gerade das Lyrische der deutschen Sprache wiederentdeckt zu haben. „Ich bin das Wort / und so schreit’ ich zur Tat / Sounds auf der Spur / schweben vor mir / ich komme in Fahrt / aus schwarzen Wolken / stürzen Schatten ins Weiß / stehen im Freien / und drehen sich im Kreis.“ Wie gerade die harte, konsonantenreiche Sprache musikalisch auch verstärkend wirkt, zeigt Peter Fox, der in seinem Song Schwarz zu blau seine Hassliebe zu Berlin artikuliert: „Halb sechs, meine Augen brenn‘ / tret‘ auf ’n Typ der zwischen toten Tauben pennt.“

Die deutsche Sprache sei allerdings eine musikalische Herausforderung, meint Edith Jeske, Profitexterin von MusenLust Poesiebüro in einem Beitrag der Deutschen Presseagentur. „Man braucht mehr Silben, um dasselbe wie im Englischen auszudrücken, und es gibt sehr viel mehr unbetonte Endungen.“ „leave“ and „stay“ lasse sich besser in einen Musikbogen einbinden als „verlassen“ und „bleiben“. Wer sich aber nicht die Mühe mache, eine musikalische Entsprechung zu den Worten zu finden, die man verwenden möchte, und den Text gnadenlos der Melodie unterordne, driftet ins Seichte ab.

Eben nicht ins Seiche abzudriften ist heute der Anspruch vieler deutschsprachiger Musiker. Delay erklärt: „An guten Zeilen und interessanten Reimen feilen wir oft stundenlang.“

Birgitt Hölzel
ist Geisteswissenschaftlerin und freie Journalistin aus München. Mit einer modernen Form der traditionellen Volksmusik beschäftigt sie sich unter anderem durch die Website MONTE (http://www.monte-welt.com), die sie mitgegründet hat. Bei MONTE geht es um die Berge und auch um neue alpenländische Musik-Kultur.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2009


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