#1

Friedrich Nietzsche

in F r e i s t i l 25.10.2009 05:08
von Fritz-Franz • 675 Beiträge

Während meiner Kindheit und Jugendzeit las und aß ich, was ich zu lesen und zu essen bekam. Anno 1971 wäre ich – mit siebzehn – beinahe an geistiger Unterernährung gestorben. Das alte und das neue Testament, ungezählte Heiligenlegenden, Grimms Märchen, das „Rössli Hü“, „Heidis Lehr- und Wanderjahre“, Karl Mays und Jules Vernes Abenteuerromane, Wilhelm Buschs Werke, diverse SJW-Heftchen, der Schülerkalender „Mein Freund“, die katholische Zeitschrift „Sonntag“, zwei opulente Kräuterbücher, ein schmales einbändiges Lexikon, ein in Fraktur gesetzter Duden, ein Buch mit dem Titel: „Wie, wer, was, wo“ (oder so ähnlich) und hin und wieder die „Neue Post“ – damit wurde ich literarisch abgespeist – bis zum Jahre 1971, als ein Wunder geschah. Ein damals 24jähriger Mann, der mein Freund wurde, befahl mir, Friedrich Nietzsches Werke zu lesen …

Ich suchte lange nach einem Gleichnis, um Friedrich Nietzsches große Bedeutung aufzuzeigen. Erst gestern fiel mir eines ein: Nietzsche ist der Kopfbahnhof meines Lebens. Egal, auf welchem Perron ich in die Eisenbahn stieg und auf welchem Gleis der Zug abfuhr, er stellte die Weichen stets so, daß ich in Gegenden gelangte, die mir völlig unbekannt waren.

Auf Gleis eins fuhr der Zug in die Richtung Richard Wagners. Und ich wurde Wagnerianer.

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#2

RE: Friedrich Nietzsche

in F r e i s t i l 25.10.2009 16:04
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge

Aufrichtigen Dank, Fritz-Franz.


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#3

RE: Friedrich Nietzsche

in F r e i s t i l 25.10.2009 17:00
von Fritz-Franz • 675 Beiträge

Einen, der vorgibt, etwas Objektives zu Nietzsche zu sagen, halte ich von vornherein für ein verlogenes Individuum. Um Nietzsche verstehen zu können, muß man mindestens ebenso verrückt sein, wie er es war. Und das bin ich garantiert. Wer Nietzsche versteht, der kann getrost auf die über ihn verfaßte Sekundärliteratur verzichten, mithin auch auf meine Ausführungen.

Ich wurde also Wagnerianer. – Zuvor jedoch las ich sämtliche Werke Friedrich Nietzsches, die ich antiquarisch zum Spottpreis von 20 Franken erstand. Ich las und las und las. Andere trieben Sport, wurden Kurz- oder Langstreckenläufer – ich aber las und las. Schon als Achtzehnjähriger wußte ich, daß ich ein Extremsportler bin: denn keine Tätigkeit ist anstrengender als das aufmerksame Lesen und Lernen. (Man versuche nur, diese simple Erkenntnis einem verblödeten Marathonläufer beizubringen! So lange könnte ein solcher nicht stillsitzen, um sie begreifen zu können.)

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#4

RE: Friedrich Nietzsche

in F r e i s t i l 05.11.2009 01:53
von Fritz-Franz • 675 Beiträge

Zitat von Schmanane
[…] (Schopenhauer würde mir dafür jetzt einen ausgeben.)


[Zitat aus dem Strang über die ‚Gutmenschen‘]

Gestatte mir, lieber Schamane, dies zu bezweifeln. Arthur Schopenhauer, der von Geburt an materiell privilegierte Geizhals, der Verehrer des Königs der Heuchler (Goethens), der ‚gute‘ Christenmensch, der Frauen- und Judenhasser, der glückliche Spekulant, der unglückliche Neidhammel, Ruhm- und Geltungssüchtige (ach, was er mir zu denken gab, schien mir bereits als Dreißigjähriger keine Rede mehr wert zu sein) hätte Dir nicht einmal eine Tasse lauwarmen geschmacklosen Tee auftragen lassen. Nicht die blühende Zitrone, sondern er brachte mich auf den Geschmack der Bitterkeit. Der mir angeborene Humor jedoch bewahrte mich vor der Verbitterung.

Ein Mensch, der das ‚Selberdenken‘ fortwährend propagiert, aber kaum eine Zeitungsmeldung zu ignorieren weiß und jedes ihm zu Ohren kommende Gerücht leichtgläubig in sein Hauptwerk einarbeitet, kurz: einer, der auf jeden Mückenstich allergisch reagiert, hätte sein schützendes Glashaus oder Reagenzglas niemals verlassen dürfen. Ja, das von ihm propagierte Selberdenken kam mir während des Lesens seiner Werke schon bald absonderlich vor – und ich las im Laufe meines Lebens seine sämtlichen Werke (inklusive seinen handschriftlichen Nachlaß).

Welche Arroganz spricht aus seinem Werk! Sie ist kaum in Worte zu fassen. Man müßte also, um seiner Weisheit teilhaftig zu werden, vorher Platon und Kant gelesen (und, wenn möglich) verstanden haben. Eine gewisse Belesenheit wäre demnach vonnöten, um das erste Kapitel seines Hauptwerks nicht als Unbedarfter aufzuschlagen …

Der belesene Schopenhauer, der Allgemeingebildete, beginnt sein Hauptwerk gleich mit einem Versprechen, das jedem angehenden Schreiberling der Bildzeitung einfallen müßte, mit einem Lug: „Non multa.“ – Dieses lateinische Wort bedeutet auf gut Deutsch: „Nicht Vieles, sondern viel.“ Ein wunderbarer Leitspruch ist das, einer, der jeden, der ihn ernst nimmt, gleich von Anbeginn an aufs falsche Gleis führt.

Warum ich Friedrich Nietzsche, den frühen Bewunderer und späten Hasser Arthur Schopenhauers und Richard Wagners liebe? Seiner Aufrichtigkeit wegen.

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#5

Ich verstehe nur Bahnhof

in F r e i s t i l 05.11.2009 11:49
von Fritz-Franz • 675 Beiträge

Ein unendlicher Strang

Diesen Strang widme ich meinem Jugendfreund Leu, dem erstgeborenen Sohn eines Eisenbahners. Der Glückliche hat noch immer sieben lebendige Geschwister, ist Vater von drei Kindern und Großvater von vier Enkeln. Als Ältester seiner Sippschaft gebührt ihm stets das letzte Wort. Seinen Stammbaum konnte ich mit Hilfe eines Sprachkundigen bis ins 13te Jahrhundert zurückverfolgen.

Leu – die bösen Kinder nannten ihn spöttisch: Dick- oder Freßsack – war mein Lebensretter. Als man mich, den Älplerbub, den leidenschaftlichen Nichtschwimmer, im Strandbad Arth in den Zugersee stieß, wußte ich nicht mehr, was unten und oben war. Mein letzter Gedanke damals war: „Das war’s.“ — Als ich zu neuem Leben erwachte, lag ich auf der Wiese und die Sonne blendete mich. Meine Schulkameraden und Schulkameradinnen standen um mich herum und begafften mich neugierig. Der Lehrer war totenblaß. (Leu sprang mir hinterher ins Wasser, tauchte tief unter, packte mich und hob mich soweit an die frische Luft, daß andere mich an Land ziehen konnten.) Die Badestunde wurde, als man sah, daß ich noch lebte, abgebrochen. Ich fuhr mit dem Velo nachhause, so, als ob nichts geschehen wäre. – Leu, ich danke Dir.

Angefügte Bilder:
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 Möbius – Escher.gif 
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#6

RE: Ich verstehe nur Bahnhof

in F r e i s t i l 05.11.2009 12:05
von Fritz-Franz • 675 Beiträge

Welch ein Zufall! Klickt man das obenstehende Bild an, dann erscheint die folgende Reklame (passend zu Leu’s Proportionen):

Angefügte Bilder:
Aufgrund eingeschränkter Benutzerrechte werden nur die Namen der Dateianhänge angezeigt Jetzt anmelden!
 kg.jpg 
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#7

RE: Ich verstehe nur Bahnhof

in F r e i s t i l 05.11.2009 14:31
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge

Eine ganz hervorragende Animation von MC Eschers Möbiusband mit Ameisen!







Und hierauf bin ich beim Suchen nach Eschers Möbiusband gestoßen. Was mit Lego nicht so alles geht!


zuletzt bearbeitet 05.11.2009 14:31 | nach oben springen

#8

RE: Ich verstehe nur Bahnhof

in F r e i s t i l 05.11.2009 14:55
von Fritz-Franz • 675 Beiträge

Eisenbahner, speziell Modelleisenbahner, werden von gelangweilten Menschen nicht selten verspottet, wenn nicht gar verachtet. – Was dieser Strang mit der deutschen Sprache zu tun hat? Eine Frage, die ich im Schnellzugtempo beantworte: Ich bin ein Eisenbahnanhänger.

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#9

RE: Friedrich Nietzsche

in F r e i s t i l 06.11.2009 19:51
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge

Zitat von Fritz-Franz

Zitat von Schmanane
[…] (Schopenhauer würde mir dafür jetzt einen ausgeben.)


[Zitat aus dem Strang über die ‚Gutmenschen‘]

Gestatte mir, lieber Schamane, dies zu bezweifeln. Arthur Schopenhauer, der von Geburt an materiell privilegierte Geizhals, der Verehrer des Königs der Heuchler (Goethens), der ‚gute‘ Christenmensch, der Frauen- und Judenhasser, der glückliche Spekulant, der unglückliche Neidhammel, Ruhm- und Geltungssüchtige (ach, was er mir zu denken gab, schien mir bereits als Dreißigjähriger keine Rede mehr wert zu sein) hätte Dir nicht einmal eine Tasse lauwarmen geschmacklosen Tee auftragen lassen. Nicht die blühende Zitrone, sondern er brachte mich auf den Geschmack der Bitterkeit. Der mir angeborene Humor jedoch bewahrte mich vor der Verbitterung.

Ein Mensch, der das ‚Selberdenken‘ fortwährend propagiert, aber kaum eine Zeitungsmeldung zu ignorieren weiß und jedes ihm zu Ohren kommende Gerücht leichtgläubig in sein Hauptwerk einarbeitet, kurz: einer, der auf jeden Mückenstich allergisch reagiert, hätte sein schützendes Glashaus oder Reagenzglas niemals verlassen dürfen. Ja, das von ihm propagierte Selberdenken kam mir während des Lesens seiner Werke schon bald absonderlich vor – und ich las im Laufe meines Lebens seine sämtlichen Werke (inklusive seinen handschriftlichen Nachlaß).

Welche Arroganz spricht aus seinem Werk! Sie ist kaum in Worte zu fassen. Man müßte also, um seiner Weisheit teilhaftig zu werden, vorher Platon und Kant gelesen (und, wenn möglich) verstanden haben. Eine gewisse Belesenheit wäre demnach vonnöten, um das erste Kapitel seines Hauptwerks nicht als Unbedarfter aufzuschlagen …

Der belesene Schopenhauer, der Allgemeingebildete, beginnt sein Hauptwerk gleich mit einem Versprechen, das jedem angehenden Schreiberling der Bildzeitung einfallen müßte, mit einem Lug: „Non multa.“ – Dieses lateinische Wort bedeutet auf gut Deutsch: „Nicht Vieles, sondern viel.“ Ein wunderbarer Leitspruch ist das, einer, der jeden, der ihn ernst nimmt, gleich von Anbeginn an aufs falsche Gleis führt.




Na, hier hat aber 'mal einer abgerechnet.

Ich wollte damit nicht unbedingt unkritische Bewunderung für Schopenhauer, den ich von vorne bis hinten durch habe, zum Ausdruck bringen, sondern ich wollte darauf hinaus, daß ich nicht der Einzige und bin, welcher der Hegelei (A.S.) nichts abgewinnen kann. Insofern hätten Arthur und ich einander schon verstanden.

Was nun den Buddhismus betrifft, der war schon seit 2500 Jahren erfunden und mußte nicht unbedingt im 19. Jahrhundert in Deutschland neu erfunden werden, wobei der halbgare Nachbau das Original auch noch aufs krasseste verfälscht.

Einzige Gemeinsamkeit: weder Buddha noch Arthur hielten es für erstrebenswert, sich für alle Ewigkeit im selben Kreis zu drehen. Dem Gedanken kann ich durchaus etwas abgewinnen, aber der Ausweg liegt nicht in der Verneinung, sondern nur jenseits aller intellektuellen Bemühungen, einschließlich derer Nietzsches.

Einen nicht unterscheidenden Geist soll man auftauchen lassen. (Dhammapada)
Der Sinn, den man ersinnt, ist kein Sinn. (Lao Tse)

---

Was Platon und Kant angeht: ohne solide Kenntnis beider versteht man nichts von dem, was sich spätestens nach Kant noch in der abendländischen Philosophie getan hat. Alles nur Reaktion auf Kant. Beispiel: Schopenhauer reagiert auf Kant, erklärt das Ding an sich für erkennbar und nennt es Wille. Nietzsche reagiert dann auf Schopenhauer und stellt ihn auf den Kopf.



zuletzt bearbeitet 06.11.2009 20:29 | nach oben springen

#10

RE: Friedrich Nietzsche

in F r e i s t i l 06.11.2009 20:14
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge

Vor ungefähr zehn Jahren schrieb ich dies:
(nur zum Spaß und ohne Anspruch auf Substanz)


SCHOPENHAUER und HEGEL


Auf der Mauer, auf der Lauer
sitzt der ARTHUR SCHOPENHAUER
einsam und allein im leeren Saal.
Und es schaut der SCHOPENHAUER
grimmig wie ein Graupelschauer.
Doch das ist bei ARTHUR ganz normal.

Sack und Pack und Kind und Kegel
hört die Konkurrenz, hört HEGEL,
HEGEL liegt mal wieder ganz weit vorn.
SCHOPENHAUER kaut die Nägel,
brütet dumpf und streicht die Segel.
Und er kippt den sechsten Doppelkorn.

Dadurch wird der SCHOPENHAUER
erst leicht breit, dann immer blauer.
Pinnchen sieben wird auch leergemacht.
Und dann wird der SCHOPENHAUER
langsam aber sicher sauer.
Ganz gefährlich wird’s bei Pinnchen acht.

Suff ist sonst nicht seine Regel,
und es steigt extrem sein Pegel,
und dann rastet SCHOPENHAUER aus,
randaliert und flucht auf HEGEL
wie der allergrößte Flegel.
Diesmal läßt er wirklich alles raus.

„GEORG WILHELM FRIEDRICH HEGEL,
du verdammter alter Egel!!
Diesmal donner ich dir eins aufs Dach!!!“
Und er greift zum dicksten Schlegel,
den er findet für den HEGEL,
doch er kommt nicht weit. Da liegt er flach.

Nun, zum Glück für SCHOPENHAUER
ist der Anfall nicht von Dauer
und der Saal ist völlig menschenleer.
Keiner merkt was. SCHOPENHAUER
wird, was Unis angeht, schlauer,
und er STELLT sich VOR, er WILL nicht mehr.

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#11

RE: Friedrich Nietzsche

in F r e i s t i l 06.11.2009 22:26
von Fritz-Franz • 675 Beiträge
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#12

RE: Friedrich Nietzsche

in F r e i s t i l 06.11.2009 22:46
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge


Woher, wohin?

Wo sich Ewigkeiten dehnen,
Hören die Gedanken auf,
Nur der Herzen frommes Sehnen
Ahnt, was ohne Zeitenlauf.

Wo wir waren, wo wir blieben,
Sagt kein kluges Menschenwort;
Doch die Grübelgeister schreiben:
Bist Du weg, so bleibe fort.

Laß dich nicht aufs neu gelüsten.
Was geschah, es wird geschehn.
Ewig an des Lebens Küsten
Wirst du scheiternd untergehn.


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#13

RE: Friedrich Nietzsche

in F r e i s t i l 07.11.2009 07:07
von Fritz-Franz • 675 Beiträge

Ein Gedicht, das mir gefällt, Schmane.

***

Schopenhauer litt bis ins hohe Alter hinein an mangelnder Anerkennung. Er meinte, es nur mit Ignoranten zu tun zu haben. Da ich vorallem in Künstlerkreisen verkehre, mit Leuten also, denen es ähnlich ergeht, wie es ihm erging, verstehe ich seine Aufregung darüber gut. Das Beste, was mir heute zu ihm einfällt, ist, daß er, der von Haus aus Wohlhabende, sein Leben nicht verplemperte. Er hatte nicht nur gut reden, er redete auch gut.

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