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Berliner Morgenpost: Mit ihr starb die Bo-Sprache – so klang sie

in F r e i s t i l 06.02.2010 11:32
von AndyOSW • 631 Beiträge

Berliner Morgenpost: Mit ihr starb die Bo-Sprache – so klang sie

Freitag, 5. Februar 2010 21:02 - Von Sophie Mühlmann

Die Letzte ihrer Art: Auf der indischen Inselkette der Andamanen starb mit einer 85-jährigen Ureinwohnerin auch endgültig die Sprache der Bo – eine der ältesten Sprachen der Erde. Die alte Frau war einsam. Niemand sprach mehr ihre Sprache. Ihre Stimme sei "hypnotisch" gewesen, sagen Sprachforscher.

„Die Erde bebt“, sang Boa Sr, „wenn die Bäume mit dumpfem Schlag umstürzen“. Ein uraltes Lied des Bo-Volkes, das niemand außer ihr verstand. Nun ist die letzte Überlebenden der Bo auf der indischen Inselkette der Andamanen gestorben – und damit eine der ältesten Sprachen der Erde.

Sprachwissenschaftler haben Boas Gesang im Dschungel aufgezeichnet. Ihre Stimme sei „hypnotisch“ gewesen, „tief bewegend“. Ihre Sprache, die Aka-Bo, gibt es von jetzt an nur noch auf diesen Aufnahmen. Eine Tragödie, meinen die Linguisten. Die Bo waren einer von zehn Unterstämmen des Großen-Andamaner-Stammes. Dessen präneolithische Vorfahren haben das Archipel, das 1200 Kilometer vor der indischen Ostküste im Bay von Bengalen liegt, vor über 65.000 Jahren besiedelt. Genetische Studien gehen davon aus, dass sie ursprünglich aus Afrika nach Asien kamen. Sie gelten als eine der ältesten überlebenden Kulturen der Welt.

Boa Sr wurde um die 85 Jahre alt, ihr genaues Alter weiß keiner so genau, sie hat es nirgends verbrieft und die Verständigung mit ihr war schwierig. Anvita Abbi, eine Linguistin von der Jawaharlal Nehru Universität in Delhi, hat sie mehrfach im Dschungel besucht und unterhielt sich mühsam mit ihr in einem besonderen Hindi-Dialekt, den die Ureinwohner auf den Andamanen sprechen. Von diesen war Boa Sr die älteste Überlebende, denn von allen Mitgliedern der zehn Stämme sind nur noch ganze 52 Menschen übrig geblieben – die neun verschiedene Sprachen sprechen.

Boa Srs Mann ist schon vor einigen Jahren gestorben, das Paar hatte keine Kinder. Auch der König des Bo-Stammes ist seit 2005 tot. Boa Sr selbst wurde zuletzt langsam blind. „Sie hatte niemanden mehr“, erzählt Abbi, „Sie fühlte sich isoliert und allein. Deshalb war sie so traurig“.

Die Letzte ihrer Art war im Dschungel der nördlichen Andamanen zur Welt gekommen. Sie wuchs in der traditionellen Stammesgesellschaft auf, lernte, im Wald nach wilden Kartoffeln zu suchen und Wildschweine, Schildkröten und Fische zu fangen. Mitte der 70er Jahre siedelte die indische Regierung alle zehn Stämme der Großandamaner auf eine einzige Insel in der Nähe von Port Blair um. Boa Sr musste fortan in einer Betonhütte mit Blechdach leben. Der Staat lieferte magere Essenrationen und eine monatliche Pension von umgerechnet knapp acht Euro. „Sie hat immer gesagt, sie wollte an ihren Geburtsort zurückkehren“, erzählt Anvita Abbi, „zurück zu ihren Wurzeln“.

Die Inselkette der Andamanen und Nikobaren sind zwar ein wichtiger Außenstützpunkt der indischen Marine, ansonsten aber ist das Archipel völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Ausländer dürfen nur mit einer Sondergenehmigung dorthin. Die Ureinwohner sind beinahe vollständig ausgerottet. Als die Briten die Inseln 1858 kolonisierten und in berüchtigte Strafkolonien verwandelten, gab es noch rund 5000 Großandamaner. Doch die Siedler brachten ihre Krankheiten mit, und sie brachten den Alkohol. Der hat den Stämmen schlimmer zugesetzt, als es jeder noch so hartnäckige Virus hätte anrichten können. Ein Großteil der Ureinwohner soff sich buchstäblich zu Tode.

Andere starben bei dem Versuch der Briten, sie zu „zivilisieren“. Die Kolonialherren zwangen viele der Stammesmitglieder in ein sogenanntes „Andaman Heim“. „Survival International“ eine Nicht-Regierungs-Organisation, die sich für die Rechte von Ureinwohnern einsetzt, hat erschreckende Statistiken aus diesem Heim veröffentlicht: Von den 150 Kindern, die dort geboren wurden, wurde keines älter als zwei Jahre.

Boa Sr wusste, dass der Untergang ihres Volkes von außen eingeläutet wurde. Anvita Abbi erinnert sich an ihre Worte: der benachbarte Stamm der Jarawa habe Glück gehabt, soll Boa immer wieder gesagt haben, er habe tief im Wald gelebt, weit weg von den Siedlern. Die Jarawa sind bis heute relativ zahlreich. Allerdings sind sie laut Survival International neuerdings ebenfalls gefährdet: Indiens Regierung hat eine Straße gebaut, die ihre Insel mit anderen Insel verbindet und Siedler, Wilderer und Alkohol bringt.

Der Stamm, der bisher am besten davongekommen ist, sind die Sentinelesen. Sie haben jeglichen Kontakt zur Außenwelt komplett verweigert. Berühmt wurden sie, als ihre Krieger nach dem fatalen Tsunami am Zweiten Weihnachtstag 2004 indische Hilfshubschrauber mit Pfeil und Bogen beschossen. Die Bilder gingen damals um die Welt.

Boa Sr hat die japanische Besatzung ihrer Heimat überlebt, die Seuchen, den Alkohol und sogar den Tsunami. Sie war damals noch so fit, dass sie auf einen Baum geklettert sein soll, um der Todeswelle zu entkommen. Ihr Tod hat nun die Linguisten und Ethnologen wachgerüttelt. Die letzten Ureinwohner müssen geschützt werden, erklärt Stephen Corry, der Chef von Survival International. Die Regierung in Delhi dürfe die Jawara und die anderen überlebenden Stämme nicht mehr umsiedeln, müsse ihnen erlauben, ihr traditionelles Leben zu führen. „Mit dem Tod von Boa Sr und der Sprache der Bo ist ein einmaliger Teil der menschlichen Gesellschaft nun nur noch eine Erinnerung“, erklärt Corry, „dieser Verlust ist eine bittere Mahnung an uns alle: wir dürfen nicht zulassen, dass die anderen Stämme der Andamanen dasselbe Schicksal erleiden."

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