#1

B.Z.: Wie berlinert die Berliner Schnauze?

in Sprachpolitik 06.04.2010 16:23
von AndyOSW • 631 Beiträge

B.Z.: Wie berlinert die Berliner Schnauze?

05. April 2010 20.21 Uhr, Christiane Braunsdorf

Sprach-Experte und Berlinisch-Forscher Prof. Norbert Dittmar erklärt, wie Berliner berlinern.

Die Berliner Schnauze ist besser als ihr Ruf. Zwei Drittel der Deutschen und 70 Prozent der Berliner mögen den Dialekt. Doch wie entstand er überhaupt und was erzählt er über die Mentalität der Hauptstädter? B.Z. fragt Berlinisch-Forscher Professor Dr. Norbert Dittmar von der Freien Universität.

Professor Dittmar, mögen Sie den Berliner Dialekt?

Oh ja. Ich schätze die Kreativität des Berlinischen. Er spiegelt die Mentalität hier wieder.

Wie heißt es richtig: Berlinerisch oder Berlinisch?

In der Wissenschaft hat sich Berlinisch durchgesetzt. Sie sagen auch nicht Hamburgerisch, sondern Hamburgisch. Die Berliner selbst haben natürlich ihre eigene Interpretation, da ist Berlinerisch auch weit verbreitet.

Wie entstand das Berlinische?

Sprach- und Stadtgeschichte gehen hier eng zusammen. Im 14. Jahrhundert trat Berlin der Hanse bei, deren Sprache war „Niederdeutsch“. In Berlin wurde vermutlich eine Art niederdeutsches Platt gesprochen. Als Kurfürst Friedrich I. Berlin 1415 zu seiner Residenzstadt machte, endete die Hanse-Zugehörigkeit. Die Handelsbeziehungen orientierten sich nach Ostmitteldeutschland (Dresden, Leipzig, Meißen). Das Ostmitteldeutsch überschichtete das Niederdeutsch. Daraus entstand das heute noch geläufige Berlinisch. Die Stadt wuchs, die höfische und gehobene Gesellschaft orientierte sich am Französischen. So wurde das Berlinische zur Sprache des einfachen Volkes, bekam im Laufe des 19. Jahrhunderts sogar den Ruf einer „Vulgärsprache“.

Was erzählt das Berlinische über die Berliner?

Sie sind reaktionsschnell, draufgängerisch, schlagfertig. Sie übervorteilen gern andere – ohne, dass der Provinzler das sofort merken würde. Sie sind sehr direkt, für Neuberliner wirken sie manchmal sogar rau und grob. Höflichkeit liegt ihnen nicht sonderlich. Aber sie sind auch liebenswürdig und herzlich, da schlägt die berühmte Kombination Herz und Schnauze durch.

Was sind die typischen Merkmale des Dialekts?

Hier würde ich sechs Regeln nennen:

►Klassisch ist die „r-Vokalisierung“: Der Berliner sagt „Vata“, „Mutta“ oder „aledigt“ und ersetzt damit die Silbe „-er“ konsequent durch „a“.

►Aus dem harten Reibelaut „g“ wird das weich artikulierte „j“ wie in „jut“, „verlejen“ etc.

►Aus „ich“ wird „ick“.

►Auch Vokaldoppelungen sind typisch fürs Berlinische – etwa in „Kleene“, „Beene“ usw.

►Vokale werden gern gerundet, aus Tisch wird „Tüsch“, aus glauben „globen“. Zur Aussprache braucht man gerundete Lippen, daher der Begriff gerundet artikulierte Vokale.

►Und natürlich die Hebung des Vokals „a“ zu „i“ im Wort „das“: Aus „dat“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde zunächst „det“, heute „dit“.

Warum hat sich das Berlinische verändert?

Die Teilung der Stadt brachte deutliche Unterschiede in der Ausprägung des Dialekts mit sich. Im Osten, der durch die Mauer abgeschnitten war, erhielt sich das ursprüngliche Berlinisch wie unter einer Käseglocke. Heute treffen Ost- wie Westberliner die Auswirkungen der Globalisierung. Dialekte sind auf dem Rückzug, das trifft auch das Berlinische.

Die Viertel, in denen der Dialekt kultiviert wurde, etwa in den Arbeiterkiezen Friedrichshain oder Prenzlauer Berg, sind heute sanierte gehobene- oder Szeneviertel. Durch den Zuzug verliert sich das Berlinische. In anderen Vierteln ist der Zuzug von Migranten sehr hoch, auch das verändert die Sprache.

Was könnte getan werden, um das Berlinische zu bewahren?

Es müsste im Stadtbild wieder mehr präsent sein, warum nicht mal alles auf Berlinisch lesen? Die B.Z. könnte doch hier mal Vorbild sein – wo sie schon die meist gelesene und größte Berliner Zeitung ist. Knüpfen Sie doch mal an die alten Traditionen an und servieren uns mal eine komplette Ausgabe auf Berlinisch!

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#2

RE: B.Z.: Wie berlinert die Berliner Schnauze?

in Sprachpolitik 08.04.2010 16:48
von AndyOSW • 631 Beiträge

Dem hat jetzt die B.Z. entsprochen (Tradition? Alle Berliner Zeitungen erschienen schon immer in Standarddeutsch!) und ihre heutige Papierausgabe auf Berlinisch gebracht:

B.Z.: Heute kommt de janze B.Z. uff Berlinisch

07. April 2010 21.35 Uhr

Eine ganze B.Z.-Ausgabe in Berliner Mundart. Lesen Sie alles über die Sonderausgabe vom Donnerstag.

Eene janze B.Z., die berlinat - das gab's noch nie! Die B.Z. hatte beim Institut Forsa eine Umfrage über die Berliner Mundart in Auftrag gegeben: Wer spricht sie überhaupt und wie kommt Berlinisch bei den Nicht-Berliner an?

Die Ergebnisse adeln unseren Dialekt: 69 Prozent aller Deutschen lieben die Berliner Schnauze!

Doch auch wenn jeder zweite Berliner noch berlinern kann, befindet "das Berlinische sich wie alle Dialekte auf dem Rückzug“, warnt der Sprachwissenschaftler Prof. Norbert Dittmar und schlägt vor: „Machen Sie doch mal eine ganze B.Z. auf Berlinisch.“

Jesacht, jetan - alle Ressorts lieferten ihre Texte für die Donnerstags-Ausgabe (8.4.) im Berliner Dialekt ab, von der ersten bis zur letzten Seite. Eijentlich wat füa de Lauscha, wenjer wat füa die Oojen. Deswegen hat B.Z.-Chefreporter Oliver Ohmann exklusiv für die Online-Ausgabe der B.Z. einige Mundart-Texte eingelesen. Und ganz exklusiv trällert Berlins Charity-Lady Ulla Klingbeil ein Mundart-Lied für die Berliner Laubenpieper ...

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#3

RE: B.Z.: Wie berlinert die Berliner Schnauze?

in Sprachpolitik 08.04.2010 22:11
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge

Tucholsky hätte seine Freude daran gehabt.
Oda wie seh'ck det?

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#4

RE: B.Z.: Wie berlinert die Berliner Schnauze?

in Sprachpolitik 09.04.2010 16:01
von AndyOSW • 631 Beiträge

Zitat von Schamane
Tucholsky hätte seine Freude daran gehabt.
Oda wie seh'ck det?


Wenna dit noch alehm dürfte!

Jefalln dürfte ihm, dette die janzen alten Stücke von dit Berliner Kabarett wieda in dem Intanett finden tust, wo se jetze alle von reden, vor alle von meine hochvaehrte Claire Waldoff: http://www.youtube.com/results?search_qu...re+waldoff&aq=f.



Kleena Nachtrach: Hier: http://www.bz-berlin.de/bz/multimedia/ar...-20_207600a.pdf kannste dit janze Blatt runtalahn.


zuletzt bearbeitet 09.04.2010 16:10 | nach oben springen


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