#1

westdeutsche Dialekte nehmen überhand!

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 10.11.2010 13:19
von annebohn • 7 Beiträge

Als gebürtige "Mitteldeutsche" (das Mitteldeutschland bis 1945) empfinde ich es zunehmend unangenehm, wie bedenkenlos von den sprechenden Medien die an den westdeutschen Dialekt gebundenen Ausdrucksweisen seit einigen Jahren ausschließlich benutzt werden. Zugegeben, da leben nicht nur ein großerTeil der deutschen Bevökerung, sondern es kommen von dort auch die meisten Beamten, Politiker und Redakteure. Aber müssten die sich nicht dem Sprachraum sensibler anpassen, wo sie tätig sind? So heißt es immer nur: Frau VON der Leihen, anstatt, wie im mitteldeutschen Raum üblich, die Betonung auf den Namen zu legen. Im Berliner Radio, ich höre meist Radio 1, aber sogar in der (Hamburger!!) Tagesschau höre ich nur noch: AN Weihnachten, AN Ostern, obwohl das für mitteldeutsche Ohren genauso krank klingt, wie das betonte "von". Dass die west- und süddeutschen nicht "dreiviertel sieben" als Uhrzeit begreifen gelernt haben, obwohl sie ja nach dem Mauerfall zwanzig Jahre Zeit hatten, ist mir ja egal, ich habe nur Sorge, dass auch in den Medien nur noch von "viertel vor sieben" geredet wird, als sei das auch Gesamtdeutsch!


zuletzt bearbeitet 10.11.2010 13:26 | nach oben springen

#2

RE: westdeutsche Dialekte nehmen überhand!

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 12.11.2010 02:08
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge

Ich bin mir hier nicht ganz sicher, aber nach meinem Kenntnisstand weist ein betontes "von" in einem Namen darauf hin, daß es sich hier nicht um ein Adelsprädikat, sondern um eine Herkunftsbezeichnung handelt. Entsprechend "von der Heide", "vom Felde", "zum Brink". Das ist mit dem niederländischen "van" oder "ten" bzw. "ter" vergleichbar, bei denen es sich auch nicht um Adelsbezeichnungen handelt. Unsere Politikerin von der Leyen ist also eine Bürgerliche. Ein solches nichtadeliges "von" darf übrigens auch nicht mit "v." abgekürzt werden.

Was Weihnachten betrifft, so bin ich zwar von "tief im Westen, wo die Sonne verstaubt", also aus dem östlichen Ruhrgebiet, halte aber trotzdem "zu Weihnachten" für hochsprachlich korrekt.


zuletzt bearbeitet 12.11.2010 02:12 | nach oben springen

#3

RE: westdeutsche Dialekte nehmen überhand!

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 12.11.2010 07:39
von annebohn • 7 Beiträge

Im "Zwiebelfisch" hatte ich wohl gelesen, dass dies westdeutscher Dialekt sei. Aber die Betonung des "von" ist mit trotzdem fremd. Und dass ein bürgerlicher Name ein "von" enthält, genauso. Das muss also auch etwas mit westlichen Gebieten zu tun haben. Wenn Sie sogar "zu" richtiger als "an" finden, wieso kommen denn dann die Sprecher von Nachrichten sowohl in Berlin als auch in Hamburg auf dieses "an"?

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#4

RE: westdeutsche Dialekte nehmen überhand!

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 12.11.2010 16:56
von AndyOSW • 631 Beiträge

Zitat von annebohn
Wenn Sie sogar "zu" richtiger als "an" finden, wieso kommen denn dann die Sprecher von Nachrichten sowohl in Berlin als auch in Hamburg auf dieses "an"?


Vielleicht, weil sie aus dem Westen "importiert" wurden? Bei dem von mir präferierten Radiosender "Fritz" (Rundfunk Berlin-Brandenburg) tauchen alle halbe Jahre mal neue Praktikanten auf, die später vielleicht einmal Moderatoren werden. Und gerade jetzt haben zwei Bayern ihre Karriere begonnen, es waren auch schon Kölner und Hamburger mit von der Partie. Und dann kann es eben auch mal passieren, dass die Uhrzeitansagen von denen im Berliner Raum üblichen abweichen oder die von Ihnen "bemängelten" Redewendungen "an Weihnachten" usw. herausrutschen.

"Falsch" oder "Richtig" wird es hier wohl nicht geben, da das hier "Falsche" in anderen Gegenden als "Richtig" empfunden wird.

Zum Beispiel werden Sie hier in Berlin keine "Berliner" beim Bäcker bekommen, dafür aber "Pfannkuchen". Woanders sind Pfannkuchen etwas anderes. Ähnlich wird es sich mit den landschaftlich geprägten Lebensmittelbezeichnungen "Schrippe", "Schnitte", "Bemme", "Knüppel", "Brötchen" usw. verhalten.

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#5

RE: westdeutsche Dialekte nehmen überhand!

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 13.11.2010 07:17
von annebohn • 7 Beiträge

Das Rausrutschen wäre ja okay, aber es wurde eben nur noch so geredet. Und als auch noch in der Tagesschau nur noch AN Weihnachten gesagt wurde, hat mich das schon irritiert. Die berühmte "Schrippe" ist ja längst nicht mehr ein "Muss", wie vor 20, 30 Jahren. Da ist es einem Kind, das bei mir zu Besuch war und aus Magdeburg kam, passiert, dass es mit leeren Händen vom Bäcker zurückkam, weil die Verkäuferin nur geantwortet hatte. "Strippen haben wir nicht!" Es hatte Schrippen wohl nicht richtig ausgesprochen, aber selbst auf Brötchen ließ sich die Frau nicht ein. Das war im Prenzlauer Berg. Dort hatte ich zuvor selbst solche Erfahrungen gemacht. Wer nicht ordentlich "berlinerte", wurde damals regelrecht diskriminiert. Ich hatte Jahre gebraucht, ehe ich alles richtig drauf hatte und voll akzeptiert wurde. Heute sind Berliner dort Exoten! So ändert sich das.

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#6

RE: westdeutsche Dialekte nehmen überhand!

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 13.11.2010 22:42
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge

Das mit "von" oder "zu, zum, zur" scheint eine norddeutsche Erscheinung zu sein. Weitere Beispiele für nichtadelige Namen mit von und zu wären Zurmühlen, Vonrüden, Vomacker - hier weist sogar die Zusammenschreibung darauf hin, daß es sich nicht um Adelsprädikate handelt.

Inwiefern aber "westdeutsche Dialekte" hier hineinspielen, bleibt zunächst klärungsbedürftig. Sind damit die Dialekte in der BRD vor 1990 gemeint, die alten Bundesländer sozusagen, oder wird konkret auf den geographisch westlichen Raum Deutschlands angespielt? Dann hätten wir es mit einem Kontinuum aus norddeutschem und westfälischen Platt, Ripuarisch (darunter Kölsch) und Moselfränkisch zu tun, wobei diese Dialektgebiete noch stufenweise in den niederländisch-flämischen Raum übergehen.

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#7

RE: westdeutsche Dialekte nehmen überhand!

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 14.11.2010 08:53
von AndyOSW • 631 Beiträge

Der Prenzlauer Berg gilt nicht zu Unrecht als "Einwanderungsgebiet" vor allem von Süddeutschen. Leider wird so das Berlinische aus diesem Ur-Berliner Stadtbezirk verdrängt, das betrifft nicht nur den sprachlichen Aspekt. Vor allem zugewanderte Eigentumswohnungsbesitzer haben es immerhin geschafft, den seit 1952 bestehenden Knaack-Klub musikalisch zu kastrieren und wahrscheinlich ganz zu vertreiben:

Zitat von Pressemitteilung des Knaack-Klubs:
Die Zukunft des traditionsreichen Knaack Clubs an der Greifswalder Straße ist hingegen ungewiss. Weil ein benachbarter – natürlich nicht nur von Schwaben bewohnter – Neubau nicht schallisoliert wurde, dürfen Konzerte nur noch bis 22 Uhr stattfinden. Außerdem musste die Lautstärke runtergedreht werden. Für Betreiber Matthias Harnoß bedeutet das einen Besuchereinbruch um 70 Prozent. Wie es nach 58 Jahren weitergehen soll? „Momentan steht alles in den Sternen“, sagt Harnoß. „Es gibt die Idee, im Mauerpark was Neues zu gestalten.“

Für Interessierte: Partymacher als Arbeitgeber.


zuletzt bearbeitet 14.11.2010 08:53 | nach oben springen

#8

RE: westdeutsche Dialekte nehmen überhand!

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 28.11.2010 14:31
von Dorftrottel • 32 Beiträge

Es hat sich ein wenig gelockert, aber der Hannover-Dialekt (ja, gibt es) ist immer noch Tagesschaudeutsch, Bühnensprache und Radio-Idiom. Wie ist es denn dazu gekommen, daß eine Mundart überhaupt Norm ist? Ich kann mir vorstellen, daß das vielen Deutschen nicht bewußt ist, daß sie mit einem Grundfrust durchs Leben gehen, weil sie badisch oder saarlänsch, hessisch oder sächsisch reden. Bei uns ist Hochdeutsch sowieso Kunstsprache, etwas Eigenes, das in der Schule mehr schlecht als recht erlernt wird. Nichts gegen die Idee eines reinen Deutsch, bei der Académie Française setzt man sich auch für reines Französisch ein, aber bitte auf dem Papier, nicht im Bus. Bei den Basler Verkehrsbetrieben kommt ein dermaßen scharfes Neuhochdeutsch aus den Lautsprechern, daß man innerlich gefriert.

Darum erinnere ich an die Freiheitsbewegung von 1847-48. Sie kam von unten, kannte alle Dialekte und war deshalb stark. Wollte jemand Büchners Deutsch umbiegen? Wagt sich einer an Schillers Sprache?

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#9

RE: westdeutsche Dialekte nehmen überhand!

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 28.11.2010 16:22
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge

Ich finde nicht viel Schwäbisches in der Jungfrau von Orleans, und auch in Dantons Tod ist wenig Hessisches auszumachen.

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#10

RE: westdeutsche Dialekte nehmen überhand!

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 29.11.2010 07:06
von annebohn • 7 Beiträge

Sagt man in Hannover AN Weinachten? Ich hab das schon wieder in der Tagesschau gehört! Da gibt es kein ZU Weihnachten mehr!

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#11

RE: westdeutsche Dialekte nehmen überhand!

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 04.12.2010 13:16
von Dorftrottel • 32 Beiträge

Hilfe naht!

Ich wohne zu Basel. In der Schweiz wohnen alle ZU, allerdings ohne U, also: z’ Bärn oder z’ Luzärn oder z’ Züri. Weihnacht, das ist AN. Weihnachten ist noch ungeklärte Sache, es ist ja nur eine Nacht, die Weihenacht der Wintersonnwende.

Die Welschen, pardon, les romands, wohnen im Gegensatz zu den Franzosen à. J’habite à Renens, während die anderen sagen: J’habite Rennes.

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#12

RE: westdeutsche Dialekte nehmen überhand!

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 04.12.2010 13:25
von Dorftrottel • 32 Beiträge

Zitat von AndyOSW
Der Prenzlauer Berg gilt nicht zu Unrecht als "Einwanderungsgebiet" vor allem von Süddeutschen.


Nicht verwunderlich, da Berlin ein Höhenkurort ist: Prenzlauer Berg, Kreuzberg, Schöneberg, Lichtenberg, Falkenberg, Wartenberg . . .

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