#1

Unwort des Jahres 2010: alternativlos

in Deutsch in Medien und Literatur 18.01.2011 20:14
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge | 1013 Punkte

http://www.tagesschau.de/inland/unwortdesjahres110.html


Jury wählt aus mehr als 1120 Vorschlägen
"Alternativlos" ist Unwort des Jahres

"Alternativlos" ist das Unwort des Jahres 2010. Die Jury unter Leitung des Germanisten Horst Dieter Schlosser wählte den Begriff aus 1120 Vorschlägen aus, wie der emeritierte Professor in Frankfurt am Main bekanntgab. "Das Wort suggeriert sachlich unangemessen, dass es bei einem Entscheidungsprozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion und Argumentation gebe", sagte Schlosser zur Begründung. "Behauptungen dieser Art sind 2010 zu oft aufgestellt worden, sie drohen, die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung zu verstärken."

Das von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Zusammenhang mit der Griechenland-Hilfe genannte "alternativlos" war der meistgenannte Vorschlag. Die Floskel verwendeten Politiker auch für die Gesundheitsreform, das Bahnprojekt "Stuttgart 21" oder den Ausbau des Frankfurter Flughafens.

Auch "Integrationsverweigerer" gerügt


Gerügt wurden noch zwei weitere Begriffe: Das Wort "Integrationsverweigerer", das Bundesinnenminister Thomas de Maiziére (CDU) zwar nicht erfunden, aber in Umlauf gebracht habe, unterstelle, dass Migranten in größerem Umfang selbst ihre Integration verweigerten. Dass dafür die notwendige Datenbasis fehle und der Staat selbst zu wenig für Integration tue, werde dabei ausgeblendet. Zudem wurde auch die Formulierung "Geschwätz des Augenblicks" gerügt, mit der der Dekan des Kardinalskollegiums, Angelo Sodano, bei der Ostermesse des Papstes 2010 die massiven Vorwürfe sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche habe beiseiteschieben wollen.

"Schwarzsparer" und "Brückentechnologie" vorgeschlagen


Weitere Vorschläge für das Unwort waren "Steuersünder" und "Schwarzsparer" als Begriffe für Bürger, die ihre Konten im Ausland vor dem Staat verstecken. Auch die "Brückentechnologie" für die Atomkraft und das "Sparpaket" der Bundesregierung waren unter den Vorschlägen.

Der sechsköpfigen Jury gehörte in diesem Jahr auch der Literaturkritiker Hellmuth Karasek an. Das Unwort des Jahres wird seit Anfang der 90er-Jahre von einer unabhängigen Jury ausgewählt. Im vergangenen Jahr hatte sie sich für "betriebsratsverseucht" entschieden.


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Eine hervorragende Wahl dieses Jahr, finde ich.

Kalauer schenke ich mir.


zuletzt bearbeitet 18.01.2011 20:15 | nach oben springen

#2

RE: Unwort des Jahres 2010: alternativlos

in Deutsch in Medien und Literatur 19.01.2011 16:22
von AndyOSW • 631 Beiträge | 631 Punkte

DER TAGESSPIEGEL: Matthies ringt um Worte: Neusprech würgt Debatte ab

In seiner Sprachkolumne "Matthies ringt um Worte" begründet Bernd Matthies, warum "alternativlos" als "Unwort des Jahres" ausnahmsweise passt.

Nicht, dass wir nun dringend auf das „Unwort des Jahres“ gewartet hätten. Der brave Frankfurter Professor Schlosser, von dem außerhalb dieser Aktion wenig zu hören ist, versucht damit meist, Politiker zu kritisieren und ein wenig wohlfeile Gesellschaftskritik loszuwerden. Im letzten Jahr hat er uns mit allen Anzeichen großen Ekels das Wort „betriebsratsverseucht“ vor die Füße geworfen, das weder davor noch danach irgendwo zu hören war und deshalb zu Recht vergessen ist. Das Unwort des Jahres 2011 passt, ausnahmsweise, besser. Denn „alternativlos“ hat zweifellos große Bedeutung im politischen Diskurs dieser Tage, und es ist, immer, eine Lüge.

Die Wahl richtet sich natürlich gegen Angela Merkel und ihre Getreuen, die sich der Welt gern als Sachwalter der Realität zeigen, die angeblich immer nur einen Weg kennt, und zwar den von Angela Merkel unter Druck der Fakten erwählten. Das ist natürlich Unsinn, denn es gibt immer eine Alternative, auch im Fall der Entschuldung Griechenlands, die Experten mit zahlreichen konkurrierenden Vorschlägen heilen wollten. Es reicht im Grunde, den Begriff „alternativlose Entscheidung“ näher anzusehen, um das Prinzip zu begreifen. Dann wenn es keine Alternative gibt, gibt es auch keine Entscheidung. Der Tod ist so ein Fall, denn niemand hat die Möglichkeit, sich auf Dauer gegen ihn zu entscheiden. Aber sonst? Selbstverständlich hätte es auch zum deutschen Einigungsvertrag, dem Musterfall der angeblichen Alternativlosigkeit, mehrere Alternativen gegeben, nur wollte die Mehrheit sie halt nicht ausprobieren.

Der Makel der Unwort-Wahl besteht darin, dass sie nicht gerade blitzaktuell wirkt. Denn die Idee, etwas für politisch alternativlos zu erklären, stammt vermutlich von den Azteken – ganz sicher aber von Margaret Thatcher, die Anfang der 80er Jahre das TINA-Prinzip erfunden hat, kurz für „There Is No Alternative“. Ihre Gegner nannten sie spöttisch „Tina“ und bemängelten, die von ihr ständig behauptete Alternativlosigkeit sei nicht real, sondern nur ein propagandistisches Mittel, um Kritik in der Öffentlichkeit von vornherein zu delegitimieren und eine Diskussion zu unterbinden. Nahezu deckungsgleich argumentiert auch die Schlosser-Jury, die sich damit auch gleich auf der politisch korrekten Seite einfindet, denn das Spottwort vom Tina-Prinzip ist seitdem auf der Seite der Linken heimisch geworden und wird in praktisch allen Fällen gegen mutmaßlich „neoliberale“ Standpunkte ins Feld geführt.

In der Tat werden vor allem Entscheidungen in dieser Richtung als „alternativlos“ begründet. Gerhard Schröder benutzte es vor drei Jahren, um das Rettungspaket für die „notleidenden Banken“ (Unwort 2008) unter die Leute zu bringen, Angela Merkel hat es auf den Afghanistan-Einsatz und die Rettung der HRS-Bank angewendet, und von ihr führt die Spur des Worts zu Ursula von der Leyen („Die Rente mit 67 ist alternativlos“) bis hin zum Rauswurf der Linkspartei aus dem Bundestagsplenum, den Volker Kauder für „alternativlos“ erklärte. Immer gab es natürlich Alternativen, nur hätte man früher eben einfach gesagt, diese oder jene Entscheidung sei richtig oder stehe unter Sachzwang. Oder die ehrliche Variante benutzt: Selbstverständlich gebe es andere Möglichkeiten, nur hätten deren Anhänger leider, leider nicht die Mehrheit. Heute soll die Debatte schlicht per Neusprech abgewürgt werden, und deshalb ist die Entscheidung für das Unwort des Jahres zwar nicht alternativlos, aber richtig.

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zuletzt bearbeitet 19.01.2011 16:23 | nach oben springen


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