#1

'Denglisch'

in F r e i s t i l 11.11.2012 01:10
von Tess • 3 Beiträge

Hallo an alle!

Ich bin eine Schülerin aus Bulgarien und ich sammle Information für ein Referat über die Anglizismen im Deutshen.
Aus diesem Grund möchte ich Euch nach Euren persönlichen Meinungen über etliche folgende Aspekte der Erscheinung fragen:

1. Was ist für Euch eigentlich Denglisch?

2. Wie wurde Eurer Meinung nach diese Erscheinung ursprünglich ausgelöst? Welche sind die Ursachen dafür?

3. Vertretet Ihr die Auffassung, dieser gegenwärtige Fremdspracheneinfluß ist ein Teil des natürlichen Prozesses seit vielen Jahrhunderten?

4. Was meint Ihr, welche Art von Anglizismeneinfluß ist die gefährlichste: die direkte Übernahme von Wörtern; die Ersatzwörter; diese, die sinn- und schreibgemäß verändert werden oder das Verderben grammatischer Konstruktionen?

5. Welche Eurer Meinung nach könnten die Folgen auf die Deutschen und auf die Sprache davon sein? Kann es sogar zum Sprachverfall kommen?

6. Falls es drohend ist, wie kann Denglisch bewältigt werden?

7. Kann das Jugeng dazu beitragen, dass sich dieses Problem noch vertieft?

Vielen Dank für Eure Bedachtnahme!

Mit freundlichen Grüßen
Stefana


zuletzt bearbeitet 11.11.2012 11:51 | nach oben springen

#2

RE: 'Denglisch'

in F r e i s t i l 11.11.2012 15:14
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge

Hallo Stefana,

Du fragst nach persönlichen Meinungen, und die kann ich Dir als solche in kurzen Umrissen geben.




1. Für mich sind Denglisch Wortschöpfungen deutscher Texter, die im Englischen überhaupt nicht existieren, beispielsweise das "Handy". Das existiert im Englischen nur als Adjektiv im Sinne von "praktisch", hat aber mit Telefon nichts zu tun.

2. Den Grund für die Anglifizierung sehe ich in der kulturellen, ideologischen, ökonomischen, militärischen und technologischen Dominanz der angelsächsischen Welt im Zusammenhang mit der Globalisierung, deren lingua franca nun einmal das Englische ist.

3. Durchdringung, Überlagerung und Verdrängung von Sprachen gibt es, seit der Mensch zu sprechen gelernt hat. Der Spezialfall der Übernahme tausender englischer Begriffe ins Deutsche ist relativ neu, etwa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Der Prozeß scheint sich mir jedoch noch zu beschleunigen. Ähnlich sieht es für die meisten Sprachen der Welt aus, sie erfahren alle einen Anglifizierungsprozeß, wenn auch mit graduellen Unterschieden.

4. "Gefährlich" ist eine zu hinterfragende Wertung. Wer oder was soll hier gefährdet werden und wie? Doch höchstens ein von bestimmter Seite als erhaltenswert eingestufter linguistischer status quo. Sprachwandel ist aber, wertungsfrei betrachtet, keine "Gefahr", sondern ein komplexer, vernetzter und evolutionärer Prozeß, der sich in der empirischen Welt vollzieht. Sprache ist nicht einfrierbar oder in Stein gemeißelt, auch wenn das einige gerne so hätten. Sie unterliegt wie alles dem Wandel, und man kann nirgendwo zweimal in denselben Fluß steigen. Manche empfinden das als Bedrohung und Gefahr. Ich nicht. Panta rhei.

5. Wandel mit Verfall gleichzusetzen halte ich für Unfug. Eine Sprache verfällt nicht durch Wandel, sie verändert sich. Ist Italienisch ein "verfallenes" Latein? Ist das heutige Englisch "verfallen", weil es keine rein germanische Sprache mehr ist, sondern zur Hälfte ein normanno-französisches Latein mit sehr seltsamer Aussprache? Auch hier haben wir es wieder mit einer Wertung zu tun, und die Frage heißt: wer wertet hier, und vor welchem ideologischen Hintergrund?

6. Es gibt keinen Verfall und es gibt keine Bedrohung, außer für solche, welche die Zeit anhalten wollen. Sprachwandel kann aber nicht aufgehalten werden, egal wie sehr sich der eine oder andere konservative Altherrenclub (die Mehrheit der deutschen Sprachvereine) gegen die Wirklichkeit stemmt, kleinere Etappensiege hin oder her.

7. Die junge Generation ist der eigentliche Träger des Sprachwandels. Die junge deutsche Generation hat de facto, wenn auch nicht unbedingt bewußt, in ihrer großen Mehrheit entschieden, die Anglizismen in ihre Alltagssprache zu integrieren, und die Konsequenzen davon werden die deutsche Sprache der Zukunft stark beeinflussen. Die Anglizismenhasser sterben aus, die nachfolgende Generation ist anglizismenfreundlich, deren Kinder werden auch kein Problem mit Englisch haben, und das Deutsche wird sich weiter verenglischen, auf die Befindlichkeiten der Sprachkonservativen eins gepfiffen.


zuletzt bearbeitet 11.11.2012 15:42 | nach oben springen

#3

RE: 'Denglisch'

in F r e i s t i l 11.11.2012 19:49
von Traumdeuter • 55 Beiträge

Ich finde die deutsche Sprache hinlänglich reich , um keine fremden Worte zu brauchen.
Neulich habe ich einen auf Deutsch geschriebenen Roman gelesen, in dem viele Anglizismen benutzt wurden. Warum sagt man Teenager, wenn man über Heranwachsende, Halbwüchsige, Pubertierende, Jüngling oder Jugendliche in der deutschen Sprache verfügt? Es wäre dasselbe für das Wort Dress (Aufzug, Kleidung, Aufmachung, Gewand, Tracht, Montur, Putz, Kluft) oder Dessert (Nachtisch, Nachspeise), und diese sind nur drei unter Hunderten Beispielen.
Im Technikbereich nimmt man aus Bequemlichkeit ein englisches Wort an, anstatt das deutsche entsprechende Wort zu suchen.
Natürlich ist eine Sprache etwas Lebendiges, aber die Entwicklung einer langsamen natürlichen Veränderung finde ich sehr unterschiedlich zu einer künstlichen Mischung zwischen Sprachen. Wenn man auf Deutsch spricht, sprechen wir bitte auf Deutsch, wenn Englisch, dann Englisch.
Ich würde auch nicht es als Verfall oder Zerfall nennen, aber als Verlust. Wenn man eine Sprache nicht schont, können nicht wieder gutmachende Schaden auftreten.


zuletzt bearbeitet 12.11.2012 13:51 | nach oben springen

#4

RE: 'Denglisch'

in F r e i s t i l 12.11.2012 21:55
von Tess • 3 Beiträge

Hallo nochmals.

Schamane, Traumdeuter, vielen Dank für Ihre Kommentare!
Ich fühle, es wäre wünschenswert zu erklären, was ich mit manchen meiner Fragen gemeint habe.

Sehr geehrter Schamane,

zu Punkt 4 (''Wer oder was soll hier gefährdet werden und wie?''): gefährdet sollen viele heimische deutsche Wörter und Ausdrücksweisen werden, wenn, wie Sie zu der letzten Frage schon geschrieben haben, es schon fast keine Anglizismengegner gibt und die Sprache sich immer mehr in eine Mischung verwandelt.

Zu Punkt 5. Ich bearbeite dieses Thema nicht von meinem persönlichen Blickwinkel, sondern ich sammle unterschiedliche Auffassungen und vergleiche sie. Ich glaube aber, von einem Verfall kann man nur dann sprechen, wenn man ein sozusagen patriotischen, und nicht wissenschaftlichen oder objektiven Blick darauf hat. Wenn jemand unvoreingenommen ist, sieht der Prozess wie kein Verfall aus, sondern nur wie eine Umwandlung.

(Und meine Fragen sind so erstellt worden, dass sie auch einem Gegner dienen würden.)

Falls das Ihnen auch nur ein wenig interessiert, dieser Verlust, wie es Traumdeuter benannt hat, kommt auch in Bulgarien vor. Und der ist wieder mal vorwiegend im Bereich Technik zu spüren: wir passen sogar englische Wörter wie download, chat, save, copy, paste, upload, bug unserer Grammatik an, was ungewöhnlich ist, da sich unsere slawische Sprache so viel von dem Englischen unterscheidet. Es gibt auch manche Wörter, denen bulgarischen Gleichwerten ich selbst immer seltener verwende. Da wir dennoch die kyrillische u. nicht die lateinische Schrift benutzen, tauchen nicht so viele Werbungen auf Englisch, obwohl die fremden Marken ihre englische Slogans oft vorbehalten.

Noch einmal vielen Dank für die Meinungen! Sie sind mir nützlich, da ich schon Argumente von 'Sprachkonservativen' übermäßig gelesen habe.

Alles Gute!

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#5

RE: 'Denglisch'

in F r e i s t i l 12.11.2012 22:48
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge

Zitat von Tess im Beitrag #4
zu Punkt 4 (''Wer oder was soll hier gefährdet werden und wie?''): gefährdet sollen viele heimische deutsche Wörter und Ausdrücksweisen werden, wenn, wie Sie zu der letzten Frage schon geschrieben haben, es schon fast keine Anglizismengegner gibt und die Sprache sich immer mehr in eine Mischung verwandelt.


Das ist empirisch nicht von der Hand zu weisen. Mit dem Sprachwandel sterben viele Ausdrücke und Redewendungen aus, so daß man vordergründig davon sprechen könnte, daß die Sprache verarmt. Dafür wachsen aber andere Ausdrücke und Wendungen nach, so daß im Grunde nichts verloren geht, sondern altes durch neues ersetzt wird. Ob das gut oder schlecht ist, bleibt letztlich Bewertungssache.

Zitat von Tess im Beitrag #4
Zu Punkt 5. Ich bearbeite dieses Thema nicht von meinem persönlichen Blickwinkel, sondern ich sammle unterschiedliche Auffassungen und vergleiche sie. Ich glaube aber, von einem Verfall kann man nur dann sprechen, wenn man ein sozusagen patriotischen, und nicht wissenschaftlichen oder objektiven Blick darauf hat. Wenn jemand unvoreingenommen ist, sieht der Prozess wie kein Verfall aus, sondern nur wie eine Umwandlung.


Diesen neutralen wissenschaftlichen Blick haben die sprachkonservativen Vereine leider nur sehr selten. Sie sind zum guten Teil ideologisch gefärbt und haben nachweisbare Affinitäten mit dem rechten politischen Spektrum. Das heißt nicht, daß jeder Sprachkonservative gleich notwendigerweise politisch nach rechts ausschlagen muß, aber eine gewisse Korrelation ist unübersehbar. Alle über einen Kamm scheren kann man sicherlich nicht.

Zitat von Tess im Beitrag #4
(Und meine Fragen sind so erstellt worden, dass sie auch einem Gegner dienen würden.)


Schon klar. Du sammelst Meinungen, und da gibt es mehr als eine.

Zitat von Tess im Beitrag #4
Falls das Ihnen auch nur ein wenig interessiert, dieser Verlust, wie es Traumdeuter benannt hat, kommt auch in Bulgarien vor. Und der ist wieder mal vorwiegend im Bereich Technik zu spüren: wir passen sogar englische Wörter wie download, chat, save, copy, paste, upload, bug unserer Grammatik an, was ungewöhnlich ist, da sich unsere slawische Sprache so viel von dem Englischen unterscheidet. Es gibt auch manche Wörter, denen bulgarischen Gleichwerten ich selbst immer seltener verwende. Da wir dennoch die kyrillische u. nicht die lateinische Schrift benutzen, tauchen nicht so viele Werbungen auf Englisch, obwohl die fremden Marken ihre englische Slogans oft vorbehalten.


Das glaube ich gerne, daß sich Englisch auch in den slawischen Sprachen breit macht.

Zitat von Tess im Beitrag #4
Noch einmal vielen Dank für die Meinungen! Sie sind mir nützlich, da ich schon Argumente von 'Sprachkonservativen' übermäßig gelesen habe.


Nichts zu danken, für die weniger konservative Seite ist dieses stille kleine Forum da.
Ich wünsche viel Erfolg mit dem Referat!


zuletzt bearbeitet 12.11.2012 22:50 | nach oben springen

#6

RE: 'Denglisch'

in F r e i s t i l 12.11.2012 23:01
von Tess • 3 Beiträge

Danke schön!

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#7

RE: 'Denglisch'

in F r e i s t i l 13.11.2012 14:02
von Traumdeuter • 55 Beiträge

Vielleicht ist es keine gute Idee, Meinungen über Sprachthemen und Politik zu mischen. Ich glaube, jeder hat seine persönliche Ansicht, was gut oder schlecht nicht voreingenommen sein sollte. Dasselbe gilt meiner Meinung nach für die Denke. Wenn man als Ausgangspunkt eine negative Bewertung einer bestimmten politischen Farbe gibt, finde ich es vielleicht nicht so passend in einem Sprachforum. Es wäre ganz anders in einem Politikforum, aber ich habe mich in keinem solchen registriert.
Auf der anderen Seite äußere ich meine Meinung aus der Perspektive der Liebe zur deutschen Sprache, nichts zu tun mit politischen Gründen, vor allem, wenn man denkt, dass ich überhaupt nicht aus dem Deutschsprachigenraum komme. Die deutsche Politik interessiert mich viel weniger als die deutsche Sprache oder die deutsche Kultur.
Vielen Dank für die Meinungen aller.


zuletzt bearbeitet 14.11.2012 12:49 | nach oben springen

#8

RE: 'Denglisch'

in F r e i s t i l 13.11.2012 23:02
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge

Der Standpunkt ist respektabel und durchaus nachvollziehbar. Da nun in der deutschen Sprachforenszene eine gewisse Rechtslastigkeit, gepaart mit unverhohlenem Antiamerikanismus, nicht wegzuleugnen ist, halte ich eine kosmopolitischere und liberale Gegenstimme für nicht gänzlich unangebracht, wobei liberal hier nicht im Sinne einer bestimmten Partei gemeint ist.

Es muß Sie nicht interessieren, aber man hat im größten deutschen Sprachverein seine einschlägigen und unersprießlichen Erfahrungen gemacht. Als Konsequenz davon gibt es dieses Forum, in dem keine Maulkorbpolitik samt Löschung und Zensur betrieben wird, wenn man nicht auf einer gewissen Linie liegt. Wir verstehen uns hier jedenfalls nicht als Anti-Englisch-Propagandatruppe, wobei es jedermann unbenommen bleibt, seine eigene Ansicht zum sogenannten "Denglisch" zu vertreten.

Und damit zurück zur Sprache, unzensiert und frei, so orthodox oder unorthodox, konservativ oder progressiv, traditionell oder avantgardistisch, wie es jedem gefällt.


zuletzt bearbeitet 13.11.2012 23:57 | nach oben springen


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