#1

Benutzung von Perfekt und Präteritum in Romanen

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 30.12.2012 11:50
von Bart44 • 3 Beiträge

Ich schreibe einen Roman und bin mir immer unsicherer, was die Zeitformen angeht. Als Beispiel möchte ich aus Herta Müllers "Der Fuchs war damals schon ein Jäger" zitieren, ein Roman, der wie meiner im Präsens geschrieben ist. Die folgende Passage ist ein Rückblick, bei dem mal Präteritum und mal Perfekt benutzt wird. Wie kann das sein?

"Er lachte und lachte. Dann hat er gemerkt, dass er lacht, und sein Blick ist spitz geworden, er hat die Schultern eingezogen, und sein Muttermal hat auf der Halsader gezuckt. Er hat mich gehasst, weil er lachen musste. Seine Handgriffe wurden überstürzt, seine Hände waren wie Messer und Gabel, er nahm ein Blatt Papier aus seinem Aktenkoffer und legte einen Kugelschreiber auf den Tisch. Schreib, hat er gesagt." (S.213)

Mir ist bekannt, dass die Vergangenheitsform in einem im Präsens geschriebenen Roman Perfekt ist, in einem im Präteritum geschriebenen Roman Plusquamperfekt. Vielleicht könnten Sie mir erklären, warum hier unterschiedliche Vergangenheitsformen auftauchen?

In meinem Roman gestaltet sich ein fragwürdiger Absatz folgendermaßen:

"Vera nimmt für sich in Anspruch, dass sie mich letzten Endes überzeugt hat, und sie hat in der Tat nichts unversucht gelassen. Zuerst erzählte sie mir, weder sie noch ihr Mann wollten ihren Sohn in Afrika wissen, und als das nicht wirkte, fragte sie mich, was Leila wohl dazu gesagt hätte."

So scheint es mir richtig, aber ich kann nicht begründen, warum. Können Sie mir helfen? Da wäre ich sehr dankbar.

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#2

RE: Benutzung von Perfekt und Präteritum in Romanen

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 30.12.2012 17:25
von Traumdeuter • 55 Beiträge

Das Präteritum und das Perfekt sind in der Bedeutung identisch, aber aus Gründen vielfältiger Natur bevorzugt man eines oder das andere, z.B. aus phonetischen oder semantischen Gründen, aber der Stil spielt auch eine wichtige Rolle, da man mit der Position des Vollverbs eine unterschidliche Wirkung kriegen kann.
Normalerweise wird das Perfekt in Gesprächen oder persönlichen Briefen verwendet, whärend das Präteritum in der Literatur vorwiegend gebraucht wird. Aber man sagt, ein guter Schriftsteller kann mit beiden Vergangenheitsformen spielen, je nachdem der Situation der Erzählung, und das gehört zur ,,literarischen Lizenz".
In diesem Zusammenhang finde ich den Auszug deines Romans völlig richtig.
Vielleicht haben andere Forumsmitglieder weitere Meinungen.

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#3

RE: Benutzung von Perfekt und Präteritum in Romanen

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 02.01.2013 23:36
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge

Hallo Bart,

grundsätzlich gilt:

Perfekt ist vorzeitig zum Präsens. (Ich staune über das, was er gesagt hat.)
Plusquamperfekt ist vorzeitig zum Präteritum. (Ich staunte über das, was er gesagt hatte.)

Weshalb nun die zitierte Passage des Müller-Romans im Perfekt gehalten wird, erschließt sich ohne weiteren Kontext nicht unbedingt.

Eine Vermutung: die Autorin springt vom Erzähltempus Präteritum ins "historische Präsens", aber auf die Vorzeitigkeitsstufe, also direkt ins Perfekt.

Eine andere: die Autorin strebt eine lebendige, am Gesprochenen orientierte Sprache an. Da wird insbesondere im Süddeutschen zwischen Präteritum und Perfekt munter hin und hergewechselt, die Regeln der deutschen Zeitenfolge (consecutio temporum) fröhlich ignorierend.

---

"Vera nimmt für sich in Anspruch, dass sie mich letzten Endes überzeugt hat, und sie hat in der Tat nichts unversucht gelassen. Zuerst erzählte sie mir, weder sie noch ihr Mann wollten ihren Sohn in Afrika wissen, und als das nicht wirkte, fragte sie mich, was Leila wohl dazu gesagt hätte."


Das paßt alles.


Vera nimmt für sich in Anspruch (grundsätzlich, zeitunabhängig, immer, also Präsens)
dass sie mich letzten Endes überzeugt hat, (vorzeitig zu Präsens, also Perfekt)
und sie hat in der Tat nichts unversucht gelassen. (ebenso)
Zuerst erzählte sie mir (vom Sprechzeitpunkt aus in der Vergangenheit, also Präteritum)
weder sie noch ihr Mann wollten ihren Sohn in Afrika wissen (indirekte Rede, Konjunktiv II als Ersatz für mit Präsens gleichlautendem Konjunktiv I Gegenwart)
und als das nicht wirkte, fragte sie mich (zeitgleich zu "erzählte sie mir", also Präteritum)
was Leila wohl dazu gesagt hätte. (Indirekte Rede. Hyperkorrekt müßte es "gesagt habe" heißen, Konjunktiv I Vergangenheit, aber mit "hätte" kommt man heute ohne weiteres davon, nur absolute Puristen würden sich daran stören.)


zuletzt bearbeitet 02.01.2013 23:45 | nach oben springen

#4

RE: Benutzung von Perfekt und Präteritum in Romanen

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 06.01.2013 22:10
von Bart44 • 3 Beiträge

Vielen Dank für die Antworten!

Dennoch kann ich mir noch immer nicht genau den Unterschied der beiden Vergangenheitsformen erklären:

"dass sie mich letzten Endes überzeugt hat, (vorzeitig zu Präsens, also Perfekt)
und sie hat in der Tat nichts unversucht gelassen. (ebenso)
Zuerst erzählte sie mir (vom Sprechzeitpunkt aus in der Vergangenheit, also Präteritum)"

Beides liegt ja vom Sprechzeotpnukt aus in der Vergangenheit. Könnte mit das jemand näher erläutern?

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#5

RE: Benutzung von Perfekt und Präteritum in Romanen

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 08.01.2013 23:54
von Schamane • Moderator | 1.013 Beiträge

Hallo Bart,

es hängt letztlich alles von der zeitlichen Perspektive des Erzählers ab. Was ist für den Erzähler Gegenwart, was ist für ihn Vergangenheit? Danach richten sich die Zeiten der Verben.

Aus der Sicht des Erzählers "nimmt" Vera in der Gegenwart, also Präsens, etwas "für sich in Anspruch". Die Verben (überzeugt hat) und (unversucht gelassen hat) sind dann Prädikate von Nebensätzen zu diesem Präsens-Hauptsatz (Vera nimmt in Anspruch). Die Nebensätze sind vorzeitig zum Hauptsatz im Präsens, also stehen deren Verben richtig im zum Präsens vorzeitigen Perfekt.

Als nächstes kommt ein Hauptsatz, dessen Handlung aus Sicht des Erzählers in der Vergangenheit liegt (sie erzählte mir). Diese Handlung (sie erzählte mir) steht deshalb im Präteritum.

Anders:

Sie nimmt in Anspruch (als Erzählersicht in der Gegenwart, also Präsens), daß sie (überzeugt und nicht unversucht gelassen hat)
Sie erzählte (aus Erzählersicht in der Vergangenheit, also Präteritum), daß ... (von hier an bleibt alles Vergangenheit für den Erzähler)

Nochmal:

(überzeugt hat), (nichts unversucht gelassen hat) und (erzählte) liegen, wie Du richtig sagst, alle drei aus Sicht des Erzählers in der Vergangenheit.
Aber: (überzeugt hat) und (nichts unversucht gelassen hat) hängen ab von (nimmt in Anspruch), was im Präsens steht, weil es für den Erzähler Gegenwart ist. (Sie erzählte) dagegen eröffnet einen neuen Satz, in dem alles Vergangenheit aus der Sicht des Erzählers ist.

Im ersten Teil haben wir Gegenwart (nimmt) mit zwei dazu vorzeitigen Verben im Perfekt, im zweiten Teil geht es komplett in die Vergangenheit (erzählte).

Analog:

Ich sehe (heute, jetzt und hier in meiner Gegenwart), daß Du alles gegessen hast. (vorzeitig zu ich sehe, Perfekt)
Gestern (also in meiner Vergangenheit) warst Du noch in Dortmund...


---

Habe ich das jetzt einigermaßen begreiflich erklärt? Wenn nicht, versuche ich es gerne noch einmal anders.


zuletzt bearbeitet 09.01.2013 00:17 | nach oben springen

#6

RE: Benutzung von Perfekt und Präteritum in Romanen

in Rechtschreibung, Grammatik, Stilfragen 20.01.2013 10:14
von Bart44 • 3 Beiträge

Ja, ich denke, es ist jetzt alles klarer geworden. Vielen Dank für den Einsatz!

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